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Radeln gegen Parkinson

Dr. Bastiaan Bloem vor seinem Computer
Dr. Bastiaan Bloem, einer der führenden Parkinson-Spezialisten

Dr. Bastiaan Bloem von der Radboud Universität in Nimwegen dachte, er hätte alle Fälle und Symptome der Krankheit Parkinson gesehen. Der Neurologe ist weltweit einer der führenden Parkinson-Spezialisten und beschäftigt sich seit 20 Jahren intensiv mit der sogenannten Schüttellähmung. Aber ein Patient schaffte es dennoch, ihn aus der Fassung zu bringen: Der 58-jährige Mann leidet seit zehn Jahren unter Parkinson. Er kann gerade noch ein paar Schritte gehen, bevor er vor lauter Zittern umfällt. Soweit ein typischer Verlauf der Krankheit, denn Parkinson ist eine Nervenkrankheit. Nervenzellen, die unbewusste Bewegungen wie das Laufen kontrollieren, sterben ab.

Fahrradfahren verlernt man nie

Auf dem Bildschirm ist ein Video des radfahrenden Patienten zu sehen
Ein durch Parkinson schwer eingeschränkter Patient fährt Rad

Der Mann erzählte dem Neurologen, dass er regelmäßig Fahrrad fährt. Das wollte Bastiaan Bloem ihm zuerst nicht glauben. ''Das gibt es gar nicht,'' sagte Bloem, "dieser Mann hat Parkinson im Endstadium. Er kann nicht mehr laufen!'' Aber der Patient wollte es ihm unbedingt beweisen: Mit dem Fahrrad einer Krankenschwester fuhr er vor den Augen des verwunderten Neurologen eine tadellose Runde auf dem Parkplatz der Universität. Sobald er wieder abstieg, war er so bewegungsunfähig wie vorher. Bastiaan Bloem glaubt, dass Fahrradfahren eventuell von einem anderen Teil des Gehirns gesteuert wird als das Laufen. Dieser Gehirnteil ist wahrscheinlich nicht so stark von Parkinson betroffen. Es könnte auch sein, dass der rhythmische Druck, den die Pedale ausüben, dem Gehirn den nötigen Anreiz liefert, eine störungsfreie Bewegung zu veranlassen.

Rennrad statt Rollstuhl

Jürgen W. trinkt
Radfahren gegen die Krankheit

Wolfgang Bornemann kann das bestätigen: Er leidet seit 17 Jahren an Parkinson. Als er die Diagnose erhielt, war er fast erleichtert. Denn es bestand zuerst der Verdacht auf einen Gehirntumor. Seitdem treibt der frühere IBM-Mitarbeiter regelmäßig Sport: Er joggt, geht ins Fitness-Studio und fährt im Jahr mindestens 3.000 Kilometer mit dem Fahrrad. Nach so vielen Jahren mit der Krankheit müsste es ihm eigentlich viel schlechter gehen, aber er kommt gut zurecht. Der 51-Jährige meint auch, dass es ihm durch den Sport gelingt, weniger Medikamente zu nehmen und die Phasen zwischen der Medikamenten-Einnahme besser zu überbrücken.

Jürgen Weber war ähnlich erleichtert, als er die Diagnose vor 18 Jahren erhielt. Er spürte schon mit 36 Jahren Verkrampfungen im Nacken und fand seine Worte nicht mehr. Der Sinologe kannte die Symptome von seiner Mutter, die auch unter Parkinson litt. Doch die Ärzte wollten ihm zuerst nicht glauben, denn Parkinson wird nur selten vererbt. Außerdem tritt die Krankheit meist erst zwischen 50 und 60 Jahren auf. Als er die endgültige Diagnose erhielt, war der ehemalige Volkshochschul-Leiter beruhigt, dass er es sich nicht eingebildet hatte. Auch er treibt nun intensiv Sport.

Parkinson-Radler überqueren die Alpen

Zwei Männer mit ihren Fahrrädern
Wolfgang Borneman und Jürgen Weber wollen über die Alpen

Zusammen haben die Freunde Jürgen Weber und Wolfgang Bornemann eine ganz besondere Radtour vor: Die beiden Männer wollen mit dem Rad die Alpen überqueren. Von Füssen nach Meran. Und das ist schon für jeden geübten - und vor allen Dingen gesunden – Radler eine große Herausforderung! In nur vier Tagen gelingt ihnen die schwierige Alpenüberquerung. Sie kämpfen sich durch Schnee und Eis - und kommen letztendlich erschöpft, aber glücklich in Meran an.

Neue Dopamin-Verbindungen im Gehirn

Bastiaan Bloem ist jetzt der erste Arzt, der in einer großen Studie untersucht, ob Fahrradfahren – beziehungsweise Sport – Parkinson zurückhalten kann. Die Ursache für das Absterben der Nervenzellen bei Morbus Parkinson ist bisher nicht bekannt, eine Heilung gibt es bis heute nicht. Mit Medikamenten lassen sich die Symptome, die von Schütteln über Starre bis hin zu vollkommener Bewegungslosigkeit reichen, bis zu einem gewissen Grad kurieren. Doch die Medikamente haben auch Nebenwirkungen.

Der Neurologe hat für seine Studie 600 Patienten in zwei Gruppen eingeteilt. Die "Park-Fit Probanden" wurden zu mehr Sport ermutigt, die "Park-Save Patienten" nicht. Ergebnisse wird Bastiaan Bloem erst Ende 2011 haben. Doch an Mäusen hat er schon eine ähnliche Studie vollzogen. Die Mäuse, die Parkinson hatten, wurden auch in zwei Gruppen eingeteilt: Eine musste viel Sport treiben, die andere hatte "Sport-Verbot". Nach drei Monaten hat der Professor die Gehirne der Mäuse untersucht und festgestellt, dass die Mäuse der Sport-Gruppe neue Dopamin-Verbindungen im Gehirn gebildet hatten. Das ist besonders, denn die Ursache von Parkinson ist ein Dopamin-Mangel.
Dopamin wird auch bei sportlicher Betätigung ausgeschüttet. Nach Erfolgen beim Sport kann Dopamin bereits vor Beginn der sportlichen Betätigung gebildet werden. Das würde erklären, warum viele Patienten, die intensiv Sport treiben, auch mit weniger Medikamenten auskommen. Wir sind gespannt auf die Ergebnisse der Studie!

Literatur

Jürgen Weber
Schnell geschaltet
Books on Demand, Norderstedt
ISBN 9783833494437
139 Seiten

Autorin: Nicoletta Renz (BR)

Stand: 16.09.2015 14:05 Uhr

Sendetermin

So, 13.02.11 | 17:03 Uhr

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