SENDETERMIN So, 24.06.12 | 17:00 Uhr

Ein Acker zum Mitnehmen

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Ein Acker zum Mitnehmen | Video verfügbar bis 24.06.2017
Säcke und Kisten mit Pflanzen von oben.
Alle Pflanzen sind in Kisten und Säcken angepflanzt.

Als Robert Shaw vor vielen Jahren Kuba bereiste, fand er etwas ganz Erstaunliches vor: Mitten in der Hauptstadt Havanna bauten die Menschen Obst und Gemüse an und zwar dort, wo es Brachflächen gab. Die kommunistische Regierung hatte in Ermangelung von ausreichend Obst und Gemüse angeordnet, dass die Hauptstädter gemeinschaftlich Landwirtschaft betreiben sollten - mitten in der Stadt. Einen Teil der Ernte durften die "Stadtbauern" behalten, der Rest ging in die gelenkte Planwirtschaft.

Satt machen will Robert Shaw die Berliner nicht, trotzdem hat er mitten in Kreuzberg ein Stück Kuba verwirklicht: den Prinzessinnengarten. Zusammen mit einem Freund hatte er die Idee, eine seit Jahren ungenutzte Fläche von der Stadt zu pachten. 6.000 Quadratmeter, die zunächst erst mal gesäubert werden mussten. Bei einer ersten Aufräumaktion sammeln 150 Freiwillige zwei Tonnen Müll. Wer heute durch den Prinzessinnengarten schlendert, der sieht von alledem nichts mehr. Allerdings schaut das Gelände auch heute noch ungewöhnlich aus, denn jede Pflanze, ob Kartoffel oder Gewürzkraut, ist entweder in Plastiksäcken oder Kisten gepflanzt. Der ganze Garten muss mobil bleiben. Schließlich haben Robert Shaw und Marco Clausen das Gelände ja nur gepachtet.

"Es ist eigentlich ein Wahnsinn, was wir hier machen. Welcher Unternehmer würde einen Pachtvertrag lediglich über zwölf Monate unterschreiben. Da hat er ja überhaupt keine Planungssicherheit. Aber wir sind eben so verrückt", meint Robert Shaw. Nicht nur verrückt, sondern auch riskant ist das, denn Robert Shaw und Marco Clausen wollten von Anfang an, dass der Prinzessinnengarten so viel Gewinn abwirft, dass sie davon leben können. Heute beschäftigen die beiden sogar mehrere Angestellte.

Stadtplanung von unten

Zwei Personen bei der Gartenarbeit
Im Prinzessinnengarten arbeiten auch Freiwillige.

Jeder, der mag, kann hier herkommen und mit anpacken. Die Idee dahinter: Der Prinzessinnengarten als Treffpunkt für die Kreuzberger, die ihren Kiez selbst gestalten wollen. "Stadtplanung von unten", nennt Robert Shaw das Ganze

Jeder kann sich seine eigenen Gedanken machen, warum es ihn in den Prinzessinnengarten zieht. Eine Motivation der Gründer ist auf jeden Fall: Städter sollen den Kreislauf der Natur wieder kennenlernen, statt Obst und Gemüse nur als ganzjährig verfügbares Produkt im Supermarkt zu begreifen. "Ich musste schon sehr lachen, als im Frühjahr jemand zu uns kam und sagte, er möchte mal selber Auberginen ernten. Ich habe ihn weggeschickt und gesagt: Komm im Herbst wieder."

Übrigens musste Robert Shaw selbst erst vieles lernen, obwohl er - Ironie der Geschichte - gelernter Friedhofsgärtner ist. Seine Lehrmeisterin war die Großmutter, an deren Garten er die schönsten Erinnerungen hat.

Ein erfolgreiches Konzept

Tomoko Yamane in Küche
Tomoko Yamane in der Küche des Bistros

Wer durch die Anlage flaniert, entdeckt vielleicht Kräuterkisten, in denen kleine Tafeln mit japanischen Schriftzeichen stecken. Vielleicht trifft er sogar Tomoko Yamane. Sie kam vor ein paar Jahren aus Tokio nach Deutschland, hatte zunächst einen Cateringservice und arbeitet heute - im Wechsel mit anderen - als Köchin im Bistro, das - ebenfalls im mobilen Container - zum Prinzessinnengarten gehört. Auch sie ist fasziniert davon, dass sie vom Pflanzen bis zum Ernten alles direkt vor dem Küchenfenster erleben kann.

Das Konzept Prinzessinnengarten hat sich herumgesprochen. Aus der ganzen Welt kommen Neugierige. Allein in Berlin haben sich etliche neue Gemeinschaftsgärten gebildet. Robert Shaw ist überzeugt davon, dass die Idee Prinzessinnengarten auch künftig viele weitere Nachahmer finden wird.

Literatur
Nomadisch Grün (Hg.)
Prinzessinnengärten. Anders gärtnern in der Stadt
DuMont Buchverlag, 2012, Köln

Autor: Andreas Szelenyi (BR)

Stand: 07.11.2012 20:53 Uhr