Dr. Barbara Buhl über "Die Auserwählten"

"Der Film will mehr als nur die Ereignisse an dieser einen Schule nachzeichnen."

Als sich die Nachrichten über – inzwischen längst verjährte – Missbrauchsfälle am Vorzeige- Internat der liberalen Pädagogik, der berühmten Odenwaldschule, zwischen den 1960er- und 1990er-Jahren häuften, waren wir schockiert und erschüttert. Erschütternd waren auch die zu Tage kommenden Spätfolgen bei den Betroffenen und beeindruckend der Mut, nach so vielen Jahren über die schrecklichen Taten öffentlich zu berichten.

Barbara Buhl (Leiterin der Programmgruppe WDR-Fernsehfilm und Kino)
Barbara Buhl (Leiterin der Programmgruppe WDR-Fernsehfilm und Kino)

Gründe genug, einen Fernsehfilm zu diesem Thema zu produzieren. Der Film "Die Auserwählten" konnte am Originalschauplatz, an der Odenwaldschule, entstehen. Die Hügelketten und Häuserzeilen in der idyllischen und friedlichen Landschaft im hessischen Oberhambachtal, die so sehr vom Symbol freiheitlicher Erziehung und der Einheit von Leben und Lernen zum Sinnbild der brutalen Übergriffe mutiert sind, wurden so Teil einer filmischen Dramaturgie, die auf diesen Ort zurückgreift und ihn als vieldeutigen Code in ihre Geschichte integriert.

Hilflosigkeit und Sprachlosigkeit aufzeigen

Doch der Film will mehr als nur die Ereignisse an dieser einen Schule nachzuzeichnen. Vielmehr entstand er aus der Absicht, die Hilflosigkeit und Sprachlosigkeit aufzuzeigen, mit der die jungen Opfer und ihr Umfeld auf sexuelle Übergriffe reagieren und wie viel Verdrängung und Verschleierung im Inneren eines solchen Systems die Täter schützt. Eine solche Aufarbeitung – das haben gerade die Erfahrungen mit der schmerzhaften und schwierigen Aufklärung des Odenwald-Falles gezeigt – gelingt häufig erst mit innerem Abstand und historischer Distanz. In diesem Sinne ist "Die Auserwählten" auch ein Sittenbild der Umbruchszeit der 60er-Jahre und der nachfolgenden 30 Jahre aus heutiger Perspektive, einer Zeit auch der "sexuellen Befreiung", in der mancher als prüde und verklemmt abgestempelt wurde, der auf die Grenzen der Privatsphäre und der Scham hinwies. Mit großer Perfidie wussten die pädophilen Täter diese gesellschaftliche Umwälzung für sich auszunutzen!

Nur durch Mithilfe der Betroffenen möglich

Die Auserwählten: Leon Seidel ist Frank Hoffmann.
Leon Seidel ist Frank Hoffmann.

Die heutige Odenwaldschule unterstützte unsere Produktion. Unser Dank gilt vor allem den Betroffenen, die es schließlich schafften, das Schweigen zu brechen und die mit ihren mutigen Berichten diesen Film erst ermöglicht haben. Ihre Schilderungen sind der Erfahrungsschatz, den die Autoren Sylvia Leuker und Benedikt Röskau zu einer Geschichte verdichtet haben, in der es nicht vorrangig darum geht, historische Ereignisse detailgetreu nachzuerzählen, sondern vielmehr darum, dem Lebensgefühl ausgewählter Protagonisten nachzuspüren. Dieses Gefühl und die vielen Zwischentöne hat Christoph Röhl in seiner Regie äußerst emotional zum Leben erweckt. Und dies wäre nicht gelungen ohne das überaus intensive und präzise Spiel der drei Hauptdarsteller Ulrich Tukur, Julia Jentsch und Leon Seidel.