Die unausweichliche Reise einer Hauptfigur

Julia Koschitz im Gespräch

Jakob Alsmann (Tim Bergmann) und Bea Kanter (Julia Koschitz) in Lissabon.
Auf dem Höhepunkt ihrer Zerrissenheit wird Bea an die Deutsche Botschaft nach Lissabon versetzt. Dort lernt sie Jakob Alsmann kennen.

»Bea wünscht sich etwas, was sie selbst nicht leben kann«

Frau Koschitz, was waren Ihre ersten Gedanken, als Sie das Drehbuch von "Unsichtbare Jahre"gelesen haben?

Ein so subtiles Buch, das ich es erst mal erneut lesen musste, um zu begreifen, auf welche unausweichliche Reise sich die Hauptfigur begibt. Ich mochte gleich die Konsequenz der Geschichte und dass mir der Charakter nicht zugeflogen ist. Bea ist zunächst keine klassische Sympathiefigur. Sie hat eine undurchschaubare Gefühlsneutralität, die es einem schwer macht, sie zu greifen oder gar mit ihr warm zu werden. Ihre Einsamkeit hat auf den ersten Blick etwas Selbstgewähltes, was einen ein bisschen ratlos hinterlässt. Man hadert damit, dass sie sich für eine zweifelhafte Institution einsetzt, auch wenn man ihren politischen und ideellen Ansatz nachvollziehen, in manchen Punkten befürworten kann. Wobei man natürlich bedenken muss, dass wir heute – viele Jahre später – einen Wissensvorsprung haben. Angefangen mit ihr zu fühlen habe ich erst, als ich ihr eigentliches Bedürfnis nach Zugehörigkeit verstanden habe.

War es schwierig, sich in den linksradikalen Zeitgeist der 1970er Jahre zu versetzen? Sie gehören ja einer ganz anderen Generation an.

Ich hatte eine Phase, so rund um die Oberstufe, in der ich viel über die RAF gelesen habe. Ich habe mich ein bisschen mit der Gründungszeit der Grünen beschäftigt, der kalte Krieg wurde in der Schule durchgenommen. Eine Zeitlang habe ich vornehmlich Musik aus dieser Zeit gehört, Leute ausgefragt, die damals in Kommunen gelebt haben, bei denen Politik ein Hauptthema im Alltag war. Ganz so fremd schien mir das Umfeld nicht. Ich musste mich eher mit dem Thema der Radikalität beschäftigen. Was treibt einen Menschen dazu, sein Leben einer Idee zu opfern? Auch wenn es bei Linksradikalen, wie insgesamt bei politisch und ideell extrem agierenden Menschen, meist einen großen intellektuellen Überbau gibt, bin ich überzeugt, dass jeder Mensch aus sehr persönlichen Gründen handelt. In letzter Konsequenz, so glaube ich, tun wir alles für uns – das schließt selbst den größten Altruisten mit ein. Daher lag mein Fokus auf der Suche nach der Urmotivation für Beas Radikalität.

Bea Kanter ist eine zutiefst traumatisierte Frau. Das Doppelleben, das sie führt, treibt sie immer mehr in die Isolation. Neben der politischen Ebene ist aber auch der Vater-Tochter-Konflikt entscheidend. Wie nähert man sich einem solchen Charakter, seinen Verhaltensweisen, seiner Haltlosigkeit, seiner inneren Leere?

Zunächst habe ich mich mit Johannes Fabrick lange unterhalten. Er hat mir erklärt, was ihn an der Geschichte speziell reizt, was er mit ihr erzählen will. Dabei stößt man zwangsläufig auf die Kernfragen zu einer Hauptfigur: Warum handelt der Charakter so, wie er handelt? Was ist seine größte Sehnsucht? Was hindert ihn daran, sie zu erfüllen? In einem guten Buch findet man die Antworten: Bea ist durch den Beruf ihres Vaters in einem politischen Umfeld groß geworden. Es ist nicht verwunderlich, dass sie als Jugendliche in dieser politisch aufgeladenen Zeit der 1970er Jahre gegen ihren konservativen Vater mit einer linksgerichteten Gesinnung rebelliert. Dass sich diese radikalisiert und sie sich schließlich vom Geheimdienst der DDR einfangen lässt, ist es allerdings schon, weil man dabei ihre innere Befriedigung vermisst, eigentlich nur auf eine innere Leere stößt. Der Kampf gegen den Vater ist nicht nur eine gesunde Emanzipation vom Elternhaus, sondern ein Stellvertreterkampf für ihre Mutter, die selbst als sie im Sterben liegt von ihrem Mann betrogen und allein gelassen wurde. Ihre labile Schwester ist ihr dabei keine Stütze, für die muss sie zusätzlich Verantwortung übernehmen. Wie ihre Mutter leidet Bea unter dem Zustand, allein gelassen zu sein, dementsprechend ist ihr ganzes Handeln geprägt von dem Wunsch nach Zugehörigkeit. Das erklärt auch ihr Einverständnis, als Spionin für die DDR zu arbeiten. Tragischerweise führt sie dieser Weg erst recht in die komplette Isolation. Wäre Bea in der Lage, eine wirkliche Beziehung einzugehen, könnte sie sich aus diesem Teufelskreis retten. Das war eine Weile schwierig für mich nachzuvollziehen, weil es so ausweglos ist: Diese Figur wünscht sich etwas, was sie selbst nicht leben kann.

Wie war die Zusammenarbeit mir Johannes Fabrick? Mit ihm haben Sie ja schon mehrere Projekte realisiert.

Der Ablauf ist eigentlich immer der Gleiche. In der Vorbereitung stelle ich viele Fragen. Manchmal ein und dieselbe zehnmal hintereinander, wenn auch auf zehn verschiedene Weisen, um wirklich sicherzugehen, dass wir beide dasselbe mit der Figur erzählen wollen. Wir untersuchen die Motivationen für den großen Bogen der Geschichte, wie für jede einzelne Szene. Wenn man diese präzise definieren will, weiß man eigentlich alles über die Figur, weil man sie dafür komplett hinterfragen muss. Normalerweise ist das mein Weg, mir eine Figur zu erschließen. Das Besondere bei Johannes ist, dass ich diesen Weg mit ihm gemeinsam gehen kann. Zwei Menschen lesen ein und dasselbe Buch, sehen darin aber nicht ein und dieselbe Geschichte. Alle Missverständnisse, die dabei entstehen können, beseitigt man auf diese Weise im Vorfeld, man einigt sich auf eine gemeinsame Version und hat beim Drehen keine offenen Fragen mehr. Das ist für mich die Basis dafür, dass ich mich bei jedem Drehtag auf die jeweilige Szene und meine Spielpartner einlassen kann – da entstehen dann noch mal ganz andere Dinge, die man vorher nie planen würde.

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