Interview mit Nicolette Krebnitz

Marte Adam

»Die ständige Unterwerfung in Liebesdingen ist ihre Leidenschaft.«

Marte Adam
Marte Adam, die Frau des erschossenen Juristen, reagiert erschrocken, als sie vom Tod ihres Mannes erfährt.

Was für ein Typ ist Marte Adams?

Ich würde sie ganz knapp als Masochistin beschreiben. Sie erträgt Verletzungen aus der Beziehung zu ihrem Mann scheinbar leidenschaftlich. Sie ist bereit, ihr eigenes Leben für ihn aufzugeben, und geht dabei auch weiter, als es die Absprachen zwischen ihnen beschreiben. Das hat etwas von einer Selbstbestrafung, aus der sie aber auch Kraft zu ziehen scheint, die sie lebendig hält, und so wollten die Regisseurin Sabine Derflinger und ich sie auch anlegen.

Hat sich Marte Adams so stark im Griff, weil sie als Ärztin regelmäßig Angehörigen gegenübertreten und schlechte Nachrichten überbringen muss?

Ich empfinde sie nicht als kontrolliert oder kühl. Im Gegenteil. Sie zeigt in jeder Szene fast übertriebene Emotionen. Zu Beginn entsteht vielleicht der Eindruck, dass sie sehr gefasst auf eine schlechte Nachricht reagiert, aber in der ersten Szene muss sie ja auch lügen, und das kann sie nicht gut. Sie ist angespannt, weil sie sich darauf konzentrieren muss, den Plan nicht zu verraten. Und später ist sie nervös, durcheinander und ja, sie leidet auch – aber das macht sie ja gern.

… sonst hätte sie wohl auch nicht akzeptiert, dass ihr Mann sie regelmäßig hintergeht …

… ja, die ständige Unterwerfung in Liebesdingen ist ihre Leidenschaft. Im Beruf hingegen ist sie bestimmt, leitend und steckt sicher nichts ein.

Wieweit kann man für eine Sache oder einen Menschen gehen?

Da wird es keine Pauschalantwort drauf geben. Das kommt auf die individuelle Situation an. Hier sieht man, dass Marte sehr weit geht. Während der Leseproben haben wir aber auch darüber gesprochen, was Klaus Borowski so toll an ihr findet, außer, dass sie ihn an jemanden erinnert – er merkt ja an, dass es mit der Frau damals kein Ruhmesblatt war. Und vielleicht ist es genau das: Sie geht weiter, als er damals gegangen ist oder hätte gehen sollen. Und selbst, wenn es nicht erwidert wird, hat es doch auch etwas Großes, sich für eine Liebe voll und ganz herzugeben.

Marte Adams musste das Gewehr anlegen, um zu beweisen, dass sie einen Menschen töten könnte. Nun sieht man im Fernsehen ständig, dass jemand auf jemanden schießt, aber diese Szene hat eine ganz andere Qualität. Was fühlt man, wenn man so bewusst anlegen muss?

Die Situation entstand aus Verzweiflung. Borowski wusste nicht weiter und versucht eine Reaktion zu provozieren, indem er Marte, mit angelegtem Gewehr, in die vermeintlichen Sekunden des Mordes zurückversetzt und sie auffordert, auch ihn abzuknallen. Er möchte ihr nachweisen, dass sie zu einer solchen Tat niemals im Stande wäre.

Was ist Ihr Verhältnis zum Meer?

Ich liebe es. Aber wenn man bedenkt, was das Meer alles aushalten muss, wie wir es ausbeuten und wieviel Müll hinein geworfen wird, wenn man an den kontinentgroßen Plastikhaufen denkt, der durch die Ozeane treibt, an das radioaktiv verseuchte Wasser, das in Fukushima in das gleiche Wasser fließt, in dem ein paar Seemeilen weiter Windsurfer ihren Traum von Freiheit zelebrieren, weiß man nicht mehr, wo man anfangen soll, Alarm zu schlagen. Ich bin, ehrlich gesagt, ein etwas resignierter Umweltschützer. Die Verschmutzung unserer Erde – und das Meer ist ja nur ein Teil davon – ist nicht mehr aufzuhalten.

In "Borowski und das Meer" gibt es einen "Whistleblower". Was denken Sie über das Thema?

Wir leben in einer Demokratie. Wir wählen unsere Regierung und lassen uns von ihr vertreten. Ich möchte damit einverstanden sein, wie die Regierung arbeitet. Wenn man Zeuge einer nicht gesetzmäßigen Handlung wird, durch die man sich oder sogar die Welt bedroht sieht, sollte für eine Regierung genauso gelten, was für jeden einzelnen gilt. Das tut es aber nicht. Ist vielleicht auch nicht möglich, aber die jüngsten Ereignisse übersteigen, was ich gewillt bin zu akzeptieren. Aber wie bringt man eine Regierung dazu, sich korrekt zu verhalten? Wenn offizielle Stellen das nicht interessiert oder sie eventuelle Übertretungen sogar mittragen, ist es heutzutage üblich, an die Öffentlichkeit zu gehen. Ich persönlich bin dankbar dafür, dass es Edward Snowden oder Chelsea Manning gibt, denn mir wird klarer, was das digitale Zeitalter auch politisch verändert hat und wie ich damit umgehen kann. Wir sollten immer darauf achten, keinem System zu ermöglichen, totalitäre Tendenzen zu entwickeln.

Wie war die Zusammenarbeit mit Sabine Derflinger?

Toll! Sie war der Grund, warum ich das Angebot angenommen habe. Eigentlich fehlte mir an der Rolle eine gewisse Beweglichkeit oder Entwicklung, das wünschen sich Schauspieler ja meistens. Aber der Plan von Sabine war, in der Vielfalt dieser vier Frauen zusammengenommen etwas über sie zu erzählen. Dabei habe ich gerne mitgewirkt, weil ich denke, dass besonders ihre bisherigen Arbeiten zeigen, was sie für eine spezielle und erfrischende Sicht auf die Dinge des Lebens hat. Sie ist wirklich eine herausragende Regisseurin, von der ich mir wünschen würde, dass sie jedes Jahr einen Kinofilm macht. Sie versteht ihr Handwerk sehr genau und hat dazu eine bewundernswerte Zauberhand, aus Schauspielern heraus zu holen, was der Geschichte dient. Karoline Eichhorn als böse Chefin eines Großkonzerns ist so toll bitter böse und sogar komisch, Florence Kasumba eine fast zärtliche Nebenbuhlerin.