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Esref Armagan ist blind – aber er malt wie ein Sehender. Seine Bilder sind ein exaktes Abbild der Realität, in perfekten Größenverhältnissen und mit richtiger Perspektive. Wissenschaftlern geben die Fähigkeiten Armagan Rätsel auf. W wie Wissen stellt den blinden Maler und seine erstaunlichen Fähigkeiten vor und beschreibt die Spurensuche in seinem Gehirn.
Er ist von Geburt an blind. Noch nie hat Esref Armagan etwas gesehen. Dennoch weiß er, wie es um ihn herum aussieht: er sieht mit seinen Fingern. Und er sieht die Welt dabei so klar und deutlich vor sich, dass er sie sogar malen kann. Fast so, als ob er sehen könnte - und dass schon seit seiner Kindheit, wie er sich erinnert: "Schon als Kind habe ich alles, was ich anfasste, versucht zu zeichnen – auf Holz oder Karton, mit Nägeln oder anderen spitzen Gegenständen. Ich wollte herausfinden, ob man das erkennt. Und ich wollte meine Umwelt, die Welt kennen lernen. So mit sechs, sieben Jahren entwickelte ich diese Neugier."
"Welche Farbe könnte es haben?"
Seitdem malt der 52-Jährige, der nie eine Schule besucht hat. Über die Jahre hat er gelernt, Formen und Farben seiner Umwelt immer realistischer abzubilden. "Seit über 44 Jahren mache ich das nun. Immer wenn ich etwas Neues anfasse, merke ich mir: Welchen Namen hat es? Was hat es für eine Form? Welche Farben und Farbtöne könnte es haben? Diese Dinge habe ich mir eingeprägt."
Sein außergewöhnliches Talent hat das Interesse der Wissenschaft geweckt – wie kürzlich auf einem Kongress in Mailand. Ein Forscher im Publikum ist besonders begeistert: Der kanadische Psychologe John Kennedy. Bei einem improvisierter Test in der Cafeteria mit ein paar Gläsern, untersucht Kennedy das räumliche Vorstellungsvermögen des Malers. Esref zeichnet jedes Glas in der richtigen Position.
Er zeichnet sogar dreidimensional
Der Psychologe ist verblüfft – und will es genauer wissen. Er setzt dem Blinden ein kleines Holzhäuschen vor die Nase. Esref tastet und zeichnet. Und er malt nicht einfach ein Rechteck für die Vorderwand und ein Dreieck für das Dach, nein: er zeichnet das Häuschen richtig dreidimensional. John Kennedy kann es kaum Fassen: "Er zeichnet eine Dimension zu dieser Seite, eine nach unten - und auch eine in die Tiefe.
3 Dimensionen! Die Grundlage räumlicher Wahrnehmung. Er hat eine genaue Vorstellung davon, was Perspektive bedeutet."
Der Versuch zeigt, wie perfekt sich Esref die Welt ertasten kann. Aus der Reihe Gläser wird eine exakte perspektivische Zeichnung. Weiter entfernte Objekte sind kleiner als die im Vordergrund. Er erfühlt die zarten Bleistiftstriche und führt so den Stift. "Das ist die Grundlage für das Malen von Bildern. Und es zeigt sich: Nicht nur Sehende, auch Blinde können sich diese Fähigkeit aneignen. Selbst wenn sie von Geburt an blind sind", erklärt Kennedy.
"Die Leute können das einfach nicht glauben"
Bei den Farben ist Esref natürlich auf Hilfe angewiesen – sie müssen am rechten Platz stehen. Aber dann macht ihm keiner mehr was vor. "Mir ist oft unterstellt worden: Ob das wohl ein anderer malt? Ob er wohl doch nicht blind ist und sehen kann? Die Leute können das einfach nicht glauben", berichtet Esref Armagan.
Aber tatsächlich hat er noch nie etwas gesehen. Das haben Tests in diversen Kliniken bewiesen. Auch Hirnforscher Alvaro Pascual-Leone, der in Freiburg studiert hat und nun an der Harvard-University lehrt, hat Esref genau untersucht. Er wollte wissen, was im Gehirn des blinden Malers passiert und legte ihn in einen Kernspintomographen.
Dann bekam Esref ihm unbekannte Dinge in die Hand. Er durfte sie kurz befühlen und sollte sie dann zeichnen - aus verschiedenen Perspektiven. Das Ergebnis war erstaunlich. Der Neurologe beobachtete während der Tests genau die Gehirnaktivität des Blinden.
"Er sieht durch seine Finger"
Was er dabei zu sehen bekam, kommt einer kleinen Sensation gleich:
Wenn Esref malt und tastet sind bei ihm nicht nur Hirnregionen aktiv, die für das Tastempfinden der Finger verantwortlich sind. Im seinem Gehirn leuchten überraschenderweise vor allem die Gebiete auf, die normalerweise für das Sehen zuständig sind. Pascual-Leone fasst die Ergebnisse zusammen: "Das ist diese Gegend hinten im Gehirn, die Sehende aktivieren, wenn sie Bilder betrachten. Bei Esref aktiviert sich das, wenn er malt, und es aktiviert sich auch, wenn er durch die Finger irgendwelche Objekte erfasst. Das heißt also, dass man wirklich vom Gehirn-Bild aus sagen muss, dass er sieht durch seine Finger, dass er wirklich sieht, wenn er zeichnet. Auch wenn er seine Bilder nie betrachtet hat, kann er sie vom Gehirn aus sehen."
Ob seine Fähigkeiten den Weg zu neuen Therapien aufzeigen könnten, wie die Neurologen hoffen, kümmert Esref kaum. Für ihn ist die Welt ohnehin nicht mehr dunkel: "Ich kann nicht mit meinen Augen sehen, aber ich habe meine Finger. Andere sehen mit zwei Augen - und ich mit zehn."
(Autor: Savas Ceviz)
Hier geht es zur Homepage von Esref Armagan (engl.)
Dieser Text gibt den Fernsehbeitrag vom 25.06.2006 wieder. Eventuelle spätere Veränderungen des Sachverhaltes sind nicht berücksichtigt.