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Ein Mann verlässt das Haus, um Brötchen für das Frühstück zu holen – und erinnert sich plötzlich nicht mehr, wer er ist und wo sein zu Hause ist - der Beginn einer mehrtägigen Odyssee durch Deutschland ohne Happyend. Bei einer solchen "retrograden Amnesie" verlieren ansonsten völlig gesunde Menschen ihr autobiografisches Gedächtnis. W WIE WISSEN berichtet über die Ursachen dieses erschreckenden Phänomens.
Es war ein ganz normaler Tag wie jeder andere. Eigentlich wollte er nur eins: Mit dem Fahrrad zum Bäcker: Brötchen holen für seine Familie. Wie er es schon so oft getan hatte. Doch diesmal kam es dazu nicht. Stattdessen fuhr er einfach immer weiter. Der Mann hatte plötzlich sein Gedächtnis verloren. Er wusste nicht mehr, was er wollte, wer er war. Von einem Moment auf den anderen. Ohne äußere Einwirkung, er hatte keinen Unfall, keine Hirnverletzung. Sieben Tage lang war er mit dem Fahrrad unterwegs. Vom Ruhrgebiet immer weiter nach Süden.
Das eigene Spiegelbild: ein fremdes Gesiht
Eine wahre Geschichte. In Schaufenstern erkannte er sich nicht. Das eigene Spiegelbild: ein fremdes Gesicht. Er konnte sich an nichts aus seiner eigenen Vergangenheit erinnern, nicht mal an den Namen seiner Frau oder seiner Tochter. Er radelte weiter – wie auf der Flucht vor etwas Unbekanntem, oder wie auf der Suche nach sich selbst, ohne zu wissen wo.
Die eigene Vergangenheit, im Normalfall als bunte Bilder abrufbar – für ihn nicht mehr vorhanden. Statt persönlicher Erinnerungen nur ein großes, schwarzes Loch. Die Hochzeit, der erste Urlaub auf Jamaika, das eigene Kind – alles weg. Um ihn herum nur Fremde. Nicht mehr wissend, welche Menschen ihm nahe stehen. Kein Gedächtnis – also keine Identität mehr.
Hans Joachim Markowitsch ist Hirnforscher an der Universität in Bielefeld und Spezialist für Gedächtnisverlust. Etwa 20 Patienten betreut er jedes Jahr, wie auch den Mann aus unserem Film. Was war geschehen? "Der unmittelbare Auslöser war, dass er mit seiner Familie in Urlaub fahren wollte, aber nicht ausreichend Geld hatte. Die tieferliegenden und auch weiter zurückliegenden Ursachen lagen in der Familie: Die Mutter, die eine Tochter wollte, die ihn also später sehr negativ behandelte. Eine Frau, die er geheiratet hat, die das Ebenbild der Mutter war, so dass er eigentlich sein ganzes Leben unter unterschwelligen oder auch überschwelligen Stresssituationen litt, die also letztlich für ihn negativ kumulierten und wo man sagen kann, dass der Auslöser jetzt fast einen therapeutischen Wert hat, weil er auf die Weise seine Erinnerung loswurde, die eh alle negativ waren."
Der Auslöser: Jahrzehntelanger Dauerstress
Jahrzehntelanger Dauerstress, der sich aufhäuft. Dann kann ein belastendes Ereignis ausreichen und die Vergangenheit wird plötzlich gelöscht - als Schutz vor all den negativen Erinnerungen. Rund 1.000 Menschen in Deutschland geht es derzeit so. Normalerweise wird der Mensch in belastenden Situationen schlagartig leistungsfähiger, weil der Körper vermehrt Stresshormone produziert: positiver Stress.
Andauernde Stresssituationen aber wirken negativ, können das Gehirn mit der Zeit stark schädigen. Dann wirken die Hormone schließlich zerstörerisch wie Gift. Sie blockieren die Nervenzellen, der Abruf funktioniert nicht mehr. "Es kann sowohl ein sehr massives stressiges Erlebnis sein: Eschede, Rammstein, andere massive Unfälle. Oder es kann sich über Jahrzehnte hinziehen, wo Leute von Jugend, Kindheit an bis ins gegenwärtige Alter immer kleineren, aber wie Nadelstichen kontinuierlichen Stresssituationen ausgesetzt sind."
Menschen mit Amnesie vergessen aber nicht unbedingt alles. Der Name unseres Bundeskanzlers, den erinnern sie vielleicht noch. Der Name der Tochter hingegen: gelöscht. Der Grund liegt in den verschiedenen Gedächtnissystemen unseres Gehirns. Die Erinnerung an die ersten Surf-Versuche – die befindet sich in unserem persönlichen Speicher. Bewegungsabläufe werden im motorischen Gedächtnis abgelegt. Sie sind weiterhin vorhanden. Für das Faktenwissen hingegen ist das sogenannte semantische Gedächtnis zuständig. In ihm ist unser gelerntes Wissen über die Welt gespeichert.
Biographisches Gedächtnis besonders anfällig
Alle diese Gedächtnissysteme sind verteilt im ganzen Gehirn. Dabei ist das biographische das komplexeste, weil es Fakten mit Emotionen verbindet. Und gerade dieser Bereich ist besonders anfällig für Stress und damit bei einem Gedächtnisverlust auch besonders betroffen. Keine Erinnerungen mehr als Notfallmechanismus. Lieber eine gelöschte Vergangenheit als der stete Gedanke an zum Beispiel extrem schlechte Kindheitserfahrungen. Unbewusste Verdrängung.
Doch bei Menschen mit Amnesie ist nicht nur der Zugang zu ihrer eigenen Vergangenheit verschüttet. Verbunden mit dem Gedächtnisverlust ist auch eine emotionale Störung der Patienten, wie Markowitsch immer wieder feststellen muss. Das bedeutet: sie stehen allem gleichgültig gegenüber. Sogar ihrem eigenen Gedächtnisverlust. Auch die Gefühle anderer können sie oft nicht mehr deuten, wirken wie Vokabeln einer Fremdsprache. Seifenopern im Fernsehen: ein Hilfsmittel für manche Patienten, um wieder eine Ahnung von Emotionen, von der Bedeutung von Mimik und Gestik anderer zu bekommen.
"Die Probleme liegen auch eher auf Seiten der Angehörigen, die mit dem Zustand der Patienten nicht mehr klarkommen. Was wir finden, ist, dass die Patienten im Regelfall eher weniger berührt sind von ihrer neuen Situation als die Verwandten, die da kreuzunglücklich sind, dass sie jetzt nicht mehr als Ehefrau oder die Kinder nicht mehr als Kinder erkannt werden", berichtet Markowitsch.
Betroffen sind vor allem traumatisierte Menschen
Theoretisch kann jeder plötzlich sein Gedächtnis verlieren. Denn jeder verarbeitet Stress anders. Bei einigen kann es zum Auslöser werden, wenn sie vom 10-Meter-Turm springen wollen. Andere erklimmen dagegen ohne Probleme gefährliche Bergwände. Die Fachleute wissen, dass in erster Linie Menschen mit traumatischen Erlebnissen betroffen sind. Zum Beispiel Soldaten in Kriegsgebieten.
"Dass die wieder komplett zu ihrer Vergangenheit und ihrem Ich zurückfinden, ist selten. Die Chancen sind umso größer wieder an seine Vergangenheit ranzukommen, je früher man adäquat therapeutisch einsetzen kann, Hilfestellung zu leisten und in unserer Erfahrung, je jünger die Personen sind."
Der radelnde Mann ohne Gedächtnis erreichte nach Tagen Frankfurt am Main. Am Bahnhof wurde eine Frau von der Heilsarmee auf ihn aufmerksam, sprach ihn an und schickte ihn ins Krankenhaus. Durch Polizeifahndung wurde er zehn Tage später identifiziert, seine Frau kam. Doch er erkannte sie nicht – bis heute. Plötzlicher Gedächtnisverlust ist kaum heilbar – weder durch Therapiegespräche noch durch Gedächtnistraining.
Prof. Dr. Hans J. Markowitsch
Universität Bielefeld
Fakultät für Psychologie und Sportwissenschaft,
Abteilung für Psychologie
Postfach 10013
D-33501 Bielefeld
Tel.: 0521 - 106-4487
Fax: 0521 - 106-6049
E-Mail: Hans.Markowitsch@uni-bielefeld.de
www.uni-bielefeld.de
Hilfe gibt es unter anderem bei:
Bielefelder Gedächtnisambulanz
c/o Universität Bielefeld
Frau Dipl.-Psych. Nadine Reinhold
Postfach 100131
D-33501 Bielefeld
Tel.: 0521 - 106-3521
E-Mail: info@bielefelder-gedaechtnisambulanz.de
www.bielefelder-gedaechtnisambulanz.de
Interview mit Prof Markowitsch in der SZ
Ärzte-Woche: Stress oder Unfall? – Die Ursachen der Amnesie
Beats Biblionetz: "Retrograde Amnesie" - Erläuterung mit weiterführenden Links
Wikipedia: Amnesie
Hans Joachim Markowitsch
Dem Gedächtnis auf der Spur
Vom Erinnern und Vergessen
Primus Verlag, 2002
ISBN 3-89678-447-1
Hans J. Markowitsch
Gedächtnisstörungen
Kohlhammer, 1999
ISBN 3170149938
Angelika Thöne-Otto u. Hans J. Markowitsch
Gedächtnisstörungen nach Hirnschäden
Hogrefe-Verlag, 2004
ISBN 3801716651
Remy Eyraud, Julien Caumer
Ich habe vergessen, wer ich bin
Piper, 2000
ISBN 349222976X
Dieser Text gibt den Fernsehbeitrag vom 11.05.2005 wieder. Eventuelle spätere Veränderungen des Sachverhaltes sind nicht berücksichtigt.