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03.09.2010

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Rückschau: Wenn Lärm krank macht

 

 

Flugaufkommen am Flughafen Köln-Bonn (Bild: WDR) Bild vergrößern Bildunterschrift: Flugspuren über dem Flughafen Köln-Bonn ]
Deutschland hat das dichteste Flughafennetz der Welt. Über drei Millionen Starts und Landungen finden jährlich statt – rund 160 Millionen Passagiere und 3,5 Millionen Tonnen Fracht werden dabei befördert. Prognosen für die nächsten fünfzehn Jahre bescheinigen dem Luftverkehr ein Wachstum um bis zu 80 Prozent. Doch die scheinbar grenzenlose Freiheit über den Wolken hat ihren Preis: Sie ist unerträglich laut! Das ist nicht nur lästig, sondern macht ernsthaft krank, wie eine aktuelle Studie eindrucksvoll belegt.

Größte Fluglärmstudie zeichnet düsteres Bild

Professor Greiser am Schreibtisch (Bild: WDR) Bild vergrößern Bildunterschrift: Greisers Studie ist die bisher umfangreichste ]
Dass Lärm krank macht, ist keine Neuigkeit. Diverse Studien und die Erfahrungsberichte von Betroffenen weisen schon seit Jahren auf die potenziellen Gefahren akustischer Belastungen hin. Bürgerinitiativen kämpfen seit den 70er-Jahren gegen Lärm – gerade im Bereich von Flughäfen. Gleichzeitig wurde immer wieder der kausale Zusammenhang zwischen Erkrankungen und Lärmbelastung relativiert, marginalisiert oder ganz in Frage gestellt.

Eine aktuelle Fluglärmstudie des Mediziners und Epidemiologen Professor Eberhard Greiser sorgt nun für Furore: nie zuvor wurden so viele Daten vor diesem Hintergrund ausgewertet, und nie zuvor waren die Ergebnisse so eindeutig und alarmierend.

Greiser, viele Jahre Direktor des Bremer Instituts für Präventionsforschung und Sozialmedizin, wählte eine ungewöhnliche Herangehensweise: Er untersuchte die Auswirkungen von Lärm indirekt – über die Anzahl verschriebener Medikamente und abgerechneter Krankenhausaufenthalte. Über eine Millionen Datensätze von Krankenkassenpatienten im Großraum Köln hat er dafür im Auftrag des Umweltbundesamtes und des Rhein-Sieg-Kreises ausgewertet und statistisch bereinigt. Immer wieder häuften sich bestimmte Verschreibungen und Krankheiten.
Greiser verglich daraufhin seine Ergebnisse mit Lärmbelastungsprofilen rund um den Flughafen Köln-Bonn – und wurde fündig! Dort wo es laut war, erkrankten die Menschen deutlich häufiger. Bereits ab einer mittleren Dauerbelastung von 40 Dezibel schnellt das Risiko für Herz- und Kreislauferkrankungen signifikant nach oben – unabhängig von der Sozialschicht der Versicherten. Vor allem Frauen sind davon betroffen. Das Risiko eines Schlaganfalls erhöht sich bei Ihnen um bis zu 172 Prozent. Auch das Brustkrebsrisiko ist deutlich erhöht, obgleich hier, so Greiser, noch weitere Untersuchungen erforderlich sind.

Nächtlicher Lärm am gefährlichsten

Silhouette eines Flugzeugs auf Schlafenden (Bild: WDR) Bild vergrößern Bildunterschrift: Lärm wirkt auf Schlafende auch unterbewusst ]
Und eine weitere Vermutung bestätigt Greisers Studie: Nächtlicher Lärm ist besonders gefährlich! Damit decken sich die Befunde mit den Ergebnissen diverser Lärmwirkungsstudien. Diese beobachteten bei Lärmeinwirkung einen Anstieg des Blutdrucks sowie Störungen der erholsamen Tiefschlafphasen. Bemerkenswert dabei ist: Selbst wenn Testpersonen ihren Schlaf als ungestört und gut bewerteten, reagierten ihre Körper unterbewusst auf den Lärm.
Zwar sind die medizinischen Langzeitvorgänge immer noch nicht ausreichend erforscht, ein kausaler Zusammenhang zwischen Lärm und Herz- Kreislauferkrankungen ist aufgrund der aktuellen Datenlage unbestreitbar. Sogar Prognosen lassen sich aufgrund der Datendichte machen: Greiser prophezeit der Region Berlin-Schönefeld durch den Ausbau des Flughafens innerhalb eines Jahrzehnts 1.350 zusätzliche Schlaganfälle.

Wachstum oder Beschränkung?

Flugzeug über nächtlichem Häuserdach (BIld: WDR) Bild vergrößern Bildunterschrift: Bürgerinitiativen fordern Nachtflugverbote ]
Die Erkenntnisse sind politisch brisant. Sie geben den Lärmopfern neue und starke Argumente in der Diskussion um Lärmschutz und Nachtflugverbote. Auch wenn sich Flughafenbetreiber durchaus mit dem Thema auseinandersetzen, kollidieren ihre Interessen doch immer wieder mit denen der Anwohner. In Köln wurde 2008 die Genehmigung für einen uneingeschränkten Nachtflugbetrieb bis 2030 verlängert.

Dies ist bei weitem kein Einzelfall. Rechnet man die großen Lärmquellen Schiene und Straße hinzu, ist jeder fünfte Europäer nachts einer Geräuschkulisse von über 55 Dezibel ausgesetzt. Ab diesem Pegel gilt Lärm als gesundheitsschädigend. Ein Problem, das durch den Fortschrittshunger der modernen Industriegesellschaft in Zukunft nur noch dringlicher werden wird.

Bisher wurde dafür dem Thema noch reichlich wenig Beachtung geschenkt, eine leichte Trendwende zeichnet sich jedoch ab - auch aufgrund der jüngsten Studienergebnisse. Die WHO hat in ihrem Lärmbericht 2009 die Richtlinien für nächtlichen Außenlärm auf 40 Dezibel gesenkt. Universitäten und Institute haben sich zu dem europäischen Lärmforschungsnetzwerk ENNAH zusammengeschlossen. Diverse neue Studien, vor allem auch zu Schiene und Straße, befinden sich in der Vorbereitung. Gute Voraussetzungen also um einvernehmliche und faire Lösungen für Betroffene und Geschädigte zu finden sowie potentiell Gefährdete zu sensibilisieren.

Adressen & Links

Messstationen des Deutschen Fluglärmdienstes e.V. mit detaillierten aktuellen Lärmprofilen für alle großen deutschen Flughäfen.
www.dfld.de

Europäisches Netzwerk für Lärmforschung
www.ennah.eu

GPS Flugspuren und Live-Flugverläufe für große deutsche Flughäfen
www.dfs.de

WHO Richtlinien für nächtlichen Lärm mit aktueller Forschungsübersicht
www.euro.who.int

Kurz-Info: Dezibel dB

Dezibel ist eine Messgröße für den Schalldruckpegel, meist einfach Schallpegel genannt. Streng genommen ist es keine Einheit, da der Wert das Verhältnis von zwei Schalldrücken angibt. Die Dezibel-Skala ist logarithmisch aufgebaut. Als Faustformel gilt, dass 10 Dezibel Unterschied etwa als doppelte bzw. halbe Lautstärke wahrgenommen wird. Ein Unterschied von einem Dezibel entspricht ungefähr der kleinsten, mit gutem Gehör gerade noch wahrgenommenen Änderung einer Lautstärke.

Das menschliche Gehör kann allerdings zwei Töne mit dem gleichen Dezibelwert als verschieden laut empfinden, wenn sie eine unterschiedliche Frequenz haben. Von Messgeräten werden Schallsignale deswegen speziell gefiltert, so dass die Wahrnehmung des menschlichen Gehörs nachgeahmt wird. Man spricht dann von einer sogenannten A-Bewertung, kurz dB(A). Die Dezibel-Skala ist logarithmisch aufgebaut. Null dB(A) entspricht der Hörschwelle, 130 dB(A) der Schmerzgrenze.

Autor: Krischan Dietmaier (WDR)

Dieser Text gibt den Fernsehbeitrag vom 21.02.2010 wieder. Eventuelle spätere Veränderungen des Sachverhaltes sind nicht berücksichtigt.

Sendung vom
So, 21.02.10 | 17:03 Uhr

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