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09.02.2012

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Rückschau: Mit Placebo gegen Schmerzen

 

 

Im Volksmund gelten sie noch vielfach als Synonym für Wirkungslosigkeit, in der Medizin weiß man jedoch seit langem: Auch Medikamente ohne Wirkstoff können heilen. Wichtigste Voraussetzung ist, dass man daran glaubt, dass diese so genannten Placebos helfen. Bei Depressionen und anderen psychischen Störungen setzen Ärzte Placebos schon seit längerem mit Erfolg ein, aber auch in der Schmerztherapie werden hochpotente Schmerzmittel immer häufiger durch Medikamente ohne Wirkstoff ersetzt. In den letzten zehn Jahren versuchten Wissenschaftler verstärkt, den Wirkungen der Psyche auf den Körper auf die Schliche zu kommen. Sie haben herausgefunden: der Placebo-Effekt beschränkt sich nicht allein auf Pillen...

Heilung durch Placebo-Nadeln

Eine Erfindung ermöglichte ein ungewöhnliches Experiment an der Universität Heidelberg. Dort konstruierte der Schmerzforscher Konrad Streitberger Akupunkturnadeln, die in Wirklichkeit gar keine waren: Nach einem "realistischen" Einstich in die Haut des Patienten schieben sich die Nadeln wie ein Teleskop ineinander. Das Eindringen der Nadeln in die Haut wird also nur vorgetäuscht. In einer Studie behandelte Streitberger Patienten, die an einer schmerzhaften Schulterverletzung litten, dem sogenannten Rotatorenmanschettensyndrom. Die eine Hälfte der Patienten behandelte er mit echten, die andere mit Placebo-Nadeln. Das Ergebnis: bei den mit echten Nadeln behandelten Patienten waren 74,2 Prozent mit dem Therapierfolg sehr zufrieden, aber auch 64,7 Prozent der Placebo-Gruppe.

Schmerzfrei durch Schein-OP

Noch mehr Aufsehen erregte ein medizinisches Experiment in Houston, Texas. Von 180 Patienten mit leichter Knie-Arthrose operierte der Orthopäde Dr. James Bruce Moseley zwei Drittel mit der herhömmlichen Technik. Die anderen kamen nur zum Schein unter das Messer. Bei den Patienten, die er wirklich operierte, schnitt der Orthopäde das Gelenk auf, spülte den Knochenabrieb aus und glättete die Knorpel mit einer feinen Fräse. Bei den anderen setzte er nur einige oberflächliche Schnitte. Kein Patient erfuhr, ob er wirklich operiert worden war oder nicht. Das Ergebnis: nach zwei Jahren waren 90 Prozent der Patienten beider Gruppen mit der OP zufrieden – unter den schmerzfreien Patienten waren die "scheinoperierten" sogar in der Mehrzahl.

Dem neurobiologischen Effekt von Placebos auf der Spur

Dem neurobiologischen Effekt von Placebos in der Schmerztherapie möchte der Turiner Neurologe Dr. Fabrizio Benedetti auf die Spur kommen. In seinem Placebo-Experiment fügt er Freiwilligen künstlich Schmerz am Arm zu, indem er die Blutzufuhr durch eine Manschette blockiert. Dieser Schmerz wird zum Testen von Schmerzmitteln eingesetzt. Das Gehirn reagiert mit der vermehrten Ausschüttung von Hormonen. Die Herzfrequenz steigt, der Körper steht unter Stress.

Die Placebo-Injektion – Kochsalz statt Schmerzmittel

In seinem Experiment verabreichte Benedetti den Versuchtsteilnehmern ein Medikament, das diese für ein Schmerzmittel hielten. In Wirklichkeit handelte es sich beim Inhalt der Injektion um ein pures Placebo: Kochsalzlösung. Doch davon wussten die Patienten nichts, sie glaubten der Versicherung des Arztes. Bereits nach wenigen Minuten begann die Injektion zu wirken: die Patienten fühlten deutlich weniger Schmerz und entspannten sich. Diese Reaktion ist offenbar die Folge einer komplexen Reaktion im Gehirn, die bereits beim Anblick der Injektionsspritze einsetzt: Über den sogenannten Thalamus gelangt das Signal "Spritze" zum Hypothalamus. Dieser schüttet nun weniger Hormone in den Blutkreislauf aus. Die Folge: die Herzfrequenz sinkt, der Patient entspannt sich.

Opioide – körpereigene Schmerzhemmer

Mit seinem Experiment konnte Bernadetti außerdem zeigen: Das Placebo wirkt wie ein herkömmliches Schmerzmittel. Unklar ist jedoch noch, wie und wodurch die Placebo-Injektion diesen schmerzlindernden Effekt bewirkt. Dr. Benedetti vermutet, dass es sich um die zusätzliche Aktivierung körpereigener Schmerzhemmer handeln muss – sogenannter Opioide. Um diese Vermutung zu beweisen, wiederholte er dieselbe Prozedur– mit einem Unterschied: Dieses Mal befand sich nicht Kochsalzlösung in der Spritze, sondern Naloxon, ein bekannter Opioid-Blocker. Dieser blockiert die Opioid-Rezeptoren in den Spalten zwischen zwei benachbarten Nervenzellen. Unter diesen Umständen konnte Bernadetti keine Placebo-Wirkung erzielen: der Schmerz hielt an. Für ihn war dies der Beweis: das Placebo mobilisiert die Opioide der körpereigenen Schmerzabwehr.

Placebos – Therapie fürs Gesundheitssystem?

Auch wenn viele Details der Wechselwirkung zwischen Bewusstsein und Hirn immer noch im Dunkeln liegen – die Forschung ist dem Geheimnis des Placebo-Effekts ein gutes Stück näher gekommen. Ein Allheilmittel sind Placebos allerdings nicht: bei vielen Arten des Schmerzes wird die Medizin auch weiterhin zu bewährten Schmerzmitteln greifen müssen. Trotzdem bietet die Anwendung von Placebo-Therapien Chancen: Der Verbrauch von Schmerzmitteln könnte um mehr als 30 Prozent reduziert werden, schätzt Professor Benedetti.

Links

Wirkung ohne Wirkstoff - Der Bayerische Rundfunk hat ein umfangreiches Dossier zum Thema "Placebos" auf seinen Onlineseiten zusammen gestellt.
http://www.br-online.de/umwelt-gesundheit/thema/placebo/index.xml

Literatur

T.C.Gauler, T.R. Weihrauch:
Placebo - ein wirksames und ungefährliches Medikament?
Urban & Schwarzenberg, 1997
ISBN 3-541-16331-3

Josef Zehentbauer:
Körpereigene Drogen
Artemis und Winkler, 1992
ISBN 3-760-81935-4

Dieser Text gibt den Fernsehbeitrag vom 10.03.2004 wieder. Eventuelle spätere Veränderungen des Sachverhaltes sind nicht berücksichtigt.

Sendung vom
Mi, 10.03.04 | 21:45 Uhr

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