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09.02.2012

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Rückschau: Hirschhausen wills wissen: Können Sterne lügen?

 

 

Fast alle Deutschen kennen ihr Tierkreiszeichen und jeder Zweite sogar seinen Aszendenten. Horoskope finden sich heute zu hauf in Zeitungen oder im Internet. Steht unser Schicksal in den Sternen? Können Himmelskörper beeinflussen, ob wir sanftmütig, chaotisch oder draufgängerisch werden? Eckhart von Hirschhausen untersuchte mit einem einfachen Experiment die Glaubwürdigkeit von persönlichen Horoskopen.

"Sie gehen bedächtig auf die Welt zu und brauchen Zeit sich an neue Situationen anzugleichen. Ihre Kraft ist Ihre Geduld", heißt es etwa in einem individuellen Horoskop. Aussagen die auf so manchen zutreffen könnten. Doch seitenlange persönliche Horoskope kann sich doch nicht einfach jemand aus den Fingern saugen, ohne dass der Schwindel auffällt. Oder etwa doch? Hirschhausen wollte es wissen und lud sechs Freiwillige in die Archenholzsternwarte nach Berlin ein, um ihnen persönliche Horoskope anfertigen zu lassen. Ein kleiner Trick führte zu einem verblüffenden Ergebnis.

Die babylonische Sternenreligion

Astrologie ist die Lehre von den Sternen und deren Verbindung zum Menschen. Ihr genauer Ursprung liegt weitgehend im Dunkeln. Bekannt ist nur, dass in Ägypten oder Mesopotamien die Planeten als Götter und unsterbliche Menschen angesehen wurden und Sterne als die Seelen Verstorbener galten. Nach damaligem Glauben konnte nicht nur der richtige Zeitpunkt für die Jagd, Aussaat oder Ernte an der Himmelsuhr abgelesen werden, sondern auch das Schicksal des Menschen. Daher ist es nicht verwunderlich, dass Weissagungen aus dem Studieren des Himmels entstanden.

In den damaligen Hochkulturen hingen die Astrologie und die Astronomie, die Lehre vom Kosmos, in einer Art Sternenreligion zusammen. Auch die Chinesen, Azteken und Mayas besaßen astrologische Deutungen. Schon damals wurden Horoskope entworfen – die ältesten vor 4000 Jahren in Babylon und Chaldäa. Babylonische Priester lasen aus der Leber von Opfertieren und aus den Himmelszeichen. Frühe orientalische Astrologen sagten den Ausgang einer Schlacht, das Schicksal eines Volkes oder ähnliches hervor. Individuelle Horoskope gab es erst 2000 Jahre später, nachdem die Sternendeutung in die griechische Kultur eingedrungen war. Damit war das persönliche Geburtshoroskop geboren.

Die himmlische Willkür

Auch heute noch glauben viele daran, dass bestimmte Sterne einen Menschen bei der Geburt beeinflussen. Insgesamt leuchten ganze 1011 Sterne in unserer Milchstraße – das sind mehr als alle Sandkörner der Strände dieser Erde. Sichtbar sind davon gerade mal 6000, doch nur 150 Sterne, nämlich die des Tierkreies, sollen für unser Schicksal verantwortlich sein. Der helle Stern Sirius oder die bekannten Sternbilder Orion und Großer Bär senden dagegen keine "Schicksalsstrahlen" aus. Das haben die ersten Astrologen aus der babylonischen Zeit so festgelegt, ebenso wie ihre Wirkung. Die hängt keineswegs von der Masse, dem Spektraltyp, der Leuchtkraft oder der Entfernung von der Erde ab, sondern allein vom Namen des Planeten.

Venus etwa, benannt nach der griechischen Göttin, steht dafür, dass unter ihrem Einfluss freundliche und liebenswürdige Menschen entstehen. Die alten Lehren gelten unverändert auch heute noch und das obwohl sich das astronomische Gefüge seit der Bestimmung der Horoskopsterne um einige Grad gedreht hat. Es kann also noch der Steinbock am Himmel stehen, wenn alle glauben es sei dem Datum nach bereits der Wassermann. Trotzdem finden sich die Prognosen für Fische, Zwillinge oder Jungfrauen heute in fast allen Zeitungen, Zeitschriften oder auf Webseiten - der Astromarkt boomt. Was aber ist wirklich dran an der Kunst der Sternendeuter?

Das Experiment

Sechs Versuchspersonen schrieben ihren Geburtsort und ihre Geburtsstunde auf und übergaben diese Daten an ein Astrologen-Team der "Eclipse-Astro-Forschungsgruppe". Über Nacht erstellen die Experten für jeden Teilnehmer ein maßgeschneidertes Horoskop. Am nächsten Tag bewerteten die sechs Freiwilligen anhand von Zahlentäfelchen wie gut die Aussagen auf sie zutrafen. Das Ergebnis: Fünf der sechs Personen fühlen sich gut beschrieben. Der Clou an der Sache: Alle Personen erhielten dasselbe persönliche Horoskop und zwar das des Massenmörders Friedrich Haarmann, der in den 1930er Jahren 24 junge Männer auf brutalste Weise ermordete.

Sechs ist keine große Zahl, doch dasselbe Experiment wurde im Rahmen der Sendung "Quarks & Co" mit 200 Versuchspersonen gemacht, die auf eine verführerische Anzeige im Kölner Stadtanzeiger antworteten. Auch hier war das Ergebnis erschreckend, denn 74 Prozent der Teilnehmer fanden ihren Charakter korrekt beschrieben, obwohl auch sie alle das Horoskop Friedrich Haarmanns erhielten.

Die Tricks der Sternendeuter

Wie kann es sein, dass sich so viele täuschen lassen? Die Astrologen nutzen ein paar einfache Tricks, um andere zu überzeugen, dass sie aus dem Kaffeesatz oder den Sternen lesen können. Dazu gehören sogenannte "Balsamtexte" mit Passagen, die einfach auf jeden zutreffen. Genutzt wird auch die selektive Wahrnehmung der Astrogläubigen, die nur gesagt bekommen, was sie hören wollen und alles Unzutreffende einfach nicht aufnehmen. Aufgemotzt mit aktuellen Meinungsumfragen und der Bewertung von Kleidung und Körpersprache lässt sich relativ einfach ein passendes Bild des Befragten zeichnen. Denn fast jeder ist begierig etwas über sich und sein künftiges Leben zu erfahren und die Verantwortung für das eigene Handeln an kosmische Kräfte abzugeben - ein menschliches Bedürfnis, das die Astrologie ausnutzt.

Unzählige statistische Tests zeigen jedoch keinerlei Zusammenhang zwischen dem Sternenbild und bestimmten Charaktereigenschaften oder sogar passenden Partnerkonstallationen. Kein anderes Gebiet der Astrologie ist besser untersucht worden. Dennoch halten sich die Typologisierungen hartnäckig, denn inzwischen sind sie so bekannt, dass allein dies die Wahrnehmung der Menschen beeinflusst. Wählt man eine Stichprobe, die groß genug ist, wird man immer zufällige Zusammenhänge finden – aber diese lassen sich eben nicht wiederholen und sind damit auch nicht wissenschaftlich zu beweisen.

(Autorin: Christine Harbig)

Links

Die Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften e. V. zum Thema "Astrologie"

Aufsatz mit dem Titel "Astrologie in wissenschaftstheoretischer Perspektive"

Die freie Enzyklopädie Wikipedia zum Thema "Astrologie"

WDR Wissenschaftssendung "Quarks&Co": Astronomie und Astrologie - zwei ungleiche Gesichter

Dieser Text gibt den Fernsehbeitrag vom 15.09.2004 wieder. Eventuelle spätere Veränderungen des Sachverhaltes sind nicht berücksichtigt.

Sendung vom
Mi, 15.09.04 | 21:45 Uhr

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