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09.02.2012

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Rückschau: Frühlingsgefühle

 

 

Wenn im Frühling die Natur erwacht, wirkt der Duft, der überall in der Luft liegt, wie Doping fürs Gemüt. Kaum steigen die Temperaturen, pellen wir uns aus unserer dicken Verschalung, befreien uns von den dicken wärmenden Stoffen und zeigen wieder mehr Haut. Prompt sind wir auch empfänglicher für bestimmte Reize als sonst im Jahr.

Schuld daran sind unsere Hormone. Die reagieren auf Licht, das durch die Augen-Netzhaut ins Gehirn gelangt. Die Lichtmenge steuert in der Zirbeldrüse die Produktion des Schlafhormons Melatonin - im Frühjahr wird weniger produziert, im Winter mehr. Die kürzeren Nächte im Vorsommer erhöhen also die Aktivität und damit die sexuelle Erregbarkeit, sie sorgen also für die berühmten Schmetterlinge im Bauch.

Hormone sicherten schon von jeher die besten Überlebenschancen

Die Wirkung von Hormonen erforscht am Münchner Max-Planck-Institut Günter Stalla. Dass die Botenstoffe im Lenz verrückt spielen, stammt aus der Frühgeschichte der Menschheit, ist ein Überbleibsel unserer Vorfahren.

Ein überlebenswichtiger Urinstinkt weiß Stalla: "Natürlich gibt es Frühlingsgefühle beim Menschen wie es auch Frühlingsgefühle bei den Tieren gibt. Der biologische Hintergrund ist letztendlich die saisonale Veränderung verschiedener Hormone: der Sexualhormone, Schilddrüsenhormone und anderer, deren biologischer Sinn letztendlich ist, dass die Neugeborenen zu einem Zeitpunkt geboren werden und bessere Überlebenschancen haben, wo das Nahrungsangebot am größten ist. Im übrigen wissen wir natürlich auch, dass die Stimmung im Frühjahr bzw. Sommer besser ist als im Herbst bzw. Winter."

Die Stimmung ist sogar so gut, dass wir uns angeblich bevorzugt im Frühjahr verlieben. Als Beleg dafür gilt: gerade im Wonnemonat Mai zeugen wir besonders viele Wonneproppen.
Alles anders! Alles Einbildung! Das zumindest sagt der Freiburger Hormon-Experte Martin Reincke. Er hat festgestellt, dass die Lenz-Lust der Zivilisation zum Opfer gefallen ist.
"Frühlingsgefühle – zumindest hormonell gesteuerte Frühlingsgefühle – die gibt es nicht, oder zumindest nicht mehr. Unsere Existenz hat sich sehr verändert. Wenn Sie an Naturvölker denken, die völlig anders gelebt haben oder heute noch leben als wir moderne Menschen. Und dieses bedeutet für uns, dass das, was früher Sexualität und Fortpflanzung gesteuert hat, nicht zum Tragen kommt."

Veränderungen in der Gesellschaft beeinflussen unsere Hormone

Ein Grund dafür ist, dass wir es im Winter so warm und kuschelig wie im Sommer haben wollen. Außerdem macht Kunstlicht jeder Art die Nacht zum Tag. Die hell erleuchteten Winternächte lassen uns den Unterschied zum Sommer nicht mehr so stark spüren. Und die gesteuerte Hormoneinnahme leistet ein übriges: die Pille hat den weiblichen Zyklus so verändert, dass der Jahreszeiten-Wechsel das Triebverhalten kaum noch anregt. Hinzu kommt, dass wir gerne in Herbst und Winter in mediterranen oder tropischen Gefilden Urlaub machen – und so den Frühling vorweg nehmen.

Nur noch im ewigen Eis gibt es Frühlingsgefühle - bei den Eskimos. Die haben sich, so Hormonforscher Reincke, fernab der Zivilisation die Lust und Leidenschaft im Lenz bewahrt. Glückliche Wilde!

Adressen

Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie
Herrn Thomas Maas
Berufsgenossenschaftliche Kliniken Bergmannsheil
Universitätsklinik
Bürkle-de-la-Camp-Platz 1
44789 Bochum
Tel.: 0234/97889-30
Fax: 0234/97889-31
E-Mail: dge@endokrinologie.net
Internet: Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie


Max-Planck-Institut für Psychiatrie 
Klinische Neuroendokrinologie AG
Prof. Günter K. Stalla
Kraepelinstr. 2 
80804 München
Tel.: 089/30622270
E-Mail: stalla@mpipsykl.mpg.de
Internet: Max-Planck-Institut für Psychiatrie

Dieser Text gibt den Fernsehbeitrag vom 14.05.2003 wieder. Eventuelle spätere Veränderungen des Sachverhaltes sind nicht berücksichtigt.

Sendung vom
Mi, 14.05.03 | 21:45 Uhr

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