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Oldersum am Dollart. Jeden Morgen gibt es hier ein Naturschauspiel zu sehen: Nonnen- und Graugänse soweit das Auge reicht. Die Nacht haben sie - sicher vor Feinden - auf dem Wasser verbracht, jetzt fressen sie sich auf den saftigen Marschwiesen hier hinter dem Deich satt.
Die scheuen Vögel behalten dabei die Umgebung immer im Auge. Einer der Vorteile, wenn man in der Gruppe unterwegs ist: Irgendeine Gans schaut immer hoch und beobachtet die Wiesen, die anderen können in der Zwischenzeit fressen. Das ostfriesische Rheiderland zwischen Ems, Dollart und holländischer Grenze ist ein Gänseparadies. Die ausgedehnten Grünflächen locken schon im Herbst zehntausende von Zugvögel aus dem Norden an. Für Graugänse, Blessgänse und Nonnengänse ist hier eines der wertvollsten Rastgebiete Westeuropas.
Wir begleiten den Vogelforscher Helmut Kruckenberg auf seiner täglichen Tour entlang der Marschwiesen. Er zählt die Tiere, beobachtet ihr Verhalten. Die Lebensbedingungen der Vögel, sagt er, werden sich durch steigende Temperaturen ändern, hier und vor allem weiter nördlich an ihren Brutplätzen. Wird es wärmer, verändert sich die Vegetation. Und dann bekommen besonders die schlüpfenden Junggänse Probleme, weil die ganz bestimmtes, für sie verdauliches Futter brauchen. Und das gibt es stets nur für einen bestimmten Zeitraum bei bestimmten Temperaturen. Sind die Jungvögel zur falschen Zeit am falschen Platz, werden sie im schlimmsten Fall verhungern.
Einige Deichwiesen weiter entdeckt Krukenberg eine riesige Herde Nonnengänse. Vierzig Prozent aller europäischen Nonnengänse rasten gleichzeitig in dieser Region, fand der Forscher heraus. Neun Monate im Jahr sind sie zwischen den südlichen Überwinterungsplätzen und ihren Brutgebieten in der russischen Tundra unterwegs. Noch gibt es dort nur flache Vegetation. Bei zunehmender Klimaveränderung aber könnte sich die Tundra so weit erwärmen, dass dort Büsche und Bäume wachsen. Für die Gänse wäre dann zum Brüten kein Platz mehr. Denn noch weiter nach Norden können sie nicht ausweichen – dort liegt das Nordmeer.
Und wie sieht es bei den Vögeln aus, die vor unseren Deichen im sensiblen Wattenmeer rasten und leben? In jedem Frühling machen hier insgesamt etwa zehn Millionen Zugvögel Station, tanken wertvolle Energie für den Weiterflug. Ein mögliches großes Problem in der Zukunft: Steigt der Meeresspiegel durch die Klimaveränderung wie vorhergesagt, gehen die Wattflächen verloren. Das bedeutet: die Zugvögel bekommen keine Nahrung mehr für den Weiterflug. Und auch den heimischen Arten, die sich auf das Leben im und am Watt spezialisiert haben, wird die Lebensgrundlage entzogen.
Unser nächster Besuch gilt der Insel Helgoland, ebenfalls ein wichtiger Rast- und Brutplatz. Dreiundzwanzig Zugvogelarten machen hier in jedem Frühling Station. Tölpel und Lummen brüten sogar hier. Auf dem Oberland des Felseneilands steht das Institut für Vogelforschung, die Vogelwarte Helgoland. Sie wurde hier am 1. April 1910 gegründet, mittlerweile aber ist der Hauptsitz nach Wilhelmshaven verlegt worden. Von Beginn an war der Schwerpunkt die Vogelzugforschung. Die Wissenschaftler beschäftigen sich mit Grundlagenforschung, konkret: mit den vielfältigen Beziehungen zwischen Vögeln und ihrer belebten und unbelebten Umwelt. Schwerpunkte sind u.a. die Ursachen von Bestandsveränderungen, und die möglichen Folgen der globalen Klimaerwärmung für die Vogelwelt.
Die Datensammlung zum Vogelzug auf Helgoland sind weltweit einzigartig, nirgendwo sonst wurden, wie die Wissenschaftler sagen, über einen so langen Zeitraum standardisierte Daten ohne nennenswerte Interferenz mit lokalen Brutvögeln untersucht.
Die peniblen Aufzeichnungen in der Helgoländer Vogelwarte zeigen: die Vogelwelt reagiert bereits seit über dreißig Jahren auf den Klimawandel. Brutzeiten beginnen immer früher, Durchzugszeiten vieler Vögel sind gegenüber früheren Jahrzehnten inzwischen um mehrere Wochen vorverlegt. Während der Hauptzugzeiten fangen die Forscher siebenmal am Tag die Zugvögel in großen Fangreusen, dem ‚Fanggarten’. So werden jährlich etwa 100.000 Vögel mit 'Helgoland-Ringen' beringt. Etwa 2600 davon werden pro Jahr ‚wiederentdeckt’, hinzu kommen etwa 600 Funde, bzw. Fangmeldungen ausländischer Vogelwarten.
Alle Funde werden per Computer ausgewertet und für andere Forscher in die europäische EURING-Datenbank eingestellt. Diese Datenbank sitzt im noederländischen Heteren.
Diese Datenfülle lässt die eindeutige Aussage zu: Die Vogelwelt ist im Wandel. Ehemalige Zugvögel werden sesshaft, alte Arten werden verdrängt, neue kommen hinzu. So kann man im norddeutschen Raum jetzt regelmäßig Arten beobachten, die es vor dreißig Jahren hier noch nicht gegeben hat, wie den Bienenfresser – er ist in Süd- und Südosteuropa weit verbreitet -, den Silberreiher oder den Löffler. Einige von ihnen brüten sogar inzwischen hier.
Die Experten sehen voraus, dass sich im Verlaufe der nächsten Jahre dieses Verhalten noch weiter drastisch verändern wird. Und sie hoffen, dass es die Vogelarten schaffen, sich den veränderten Bedingungen hier und weiter im Norden anzupassen, und nicht aussterben.
Autor: Volker Ide
Dieser Text gibt den Fernsehbeitrag vom 25.03.2007 wieder. Eventuelle spätere Veränderungen des Sachverhaltes sind nicht berücksichtigt.