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Ob aus Hollywood-Filmen, dem Tatort oder Nahost-Nachrichten, die Bilder von Menschen, die mit einer Pistole oder dem Gewehr in die Luft schießen, kennt wohl jeder. Aber was passiert eigentlich mit so einer Kugel, wenn sie wieder runterkommt. Kann man von einer herunterfallenden Kugel erschossen werden?
W wie Wissen wagt einen Freischuss-Versuch auf dem größten instrumentierten Schiessplatz Europas - zusammen mit Waffenexperten der wehrtechnischen Dienststelle für Waffen und Munition (WTD) in Meppen.
Zuerst muss geklärt werden, wie hoch so ein Geschoss fliegt und wie schnell es wieder runter fällt. Und dann stellt sich die Frage, ob die herunterfallende Kugel dann immer noch für den Menschen gefährlich ist. Die Experten beobachten deshalb zuerst die Flugbahn der Pistolenkugel.
Sicherheit geht vor
Leichter gesagt als getan, denn das Geschoss ist nur 9 mm groß. Trotz-dem sind die Messtechniker der WTD zuversichtlich, denn ihre Messgeräte sind hochempfindlich und für genau solche Beobachtungen entwickelt worden.
Ein Schuss in die Luft ist zwar extrem steil, aber selten ganz senkrecht. Deswegen befestigen die Waffentechniker die Pistole unter einem Winkel von 70° an den sogenannten Schiessbock. Diese Halterung garantiert einen immer gleichen Abschusswinkel und vor allem eins: Sicherheit.
Die ist bei einem Schuss mit scharfer Munition mehr als nötig.
Beobachtung mit Infrarotkamera und Radar
In Echtzeit ermittelt das Hightech-Radar die Mündungsgeschwindigkeit der Pistolenkugel: 1.500 Kilometer in der Stunde. Mit dieser Geschwindigkeit begibt sich die Pistolenkugel auf ihren steilen Flug.
Die ersten zwei Sekunden lässt sich das Geschoss tatsächlich beim Flug beobachten. Aber natürlich nicht mit dem menschlichen Auge. Dafür ist ein abgeschossenes Projektil viel zu klein und viel zu schnell. Die für diesen Versuch verwendete Spezialmunition hinterlässt jeodch eine Wärme-spur, die die Infrarotkamera sichtbar machen kann. Nach zwei Sekunden erlischt diese „Leuchtspur“ und die Kugel wird auch für die Infrarotkamera unsichtbar.
Dann lässt sich die Pistolenkugel nur noch mit dem Radargerät verfolgen. Innerhalb der ersten 13 Sekunden wird die Pistolenkugel immer langsamer und erreicht ihren Höhepunkt in 1,1 Kilometern Höhe.
Für einen Augenblick scheint die Kugel in der Luft zu stehen, dann fällt das Geschoss wieder und beschleunigt. Nach 42 Sekunden schlägt die Kugel in ein Kilometer Entfernung auf, und das mit einer Geschwindigkeit von 350 Kilometern pro Stunde – viermal so langsam wie nach dem Abschuss. Ist so ein langsames Geschoss noch gefährlich?
Verlangsamte Munition wird in Gelantineblock geschossen
Um das zu testen brauchen die Experten nun langsame Munition.
Im Labor präpariert ein Spezialist die Pistolenmunition. Der Trick: Je we-niger Treibladung in der Patrone explodiert, desto langsamer fliegt sie.
So ist das Geschoss beim Abschuss nicht 1.500 km/h schnell, sondern nur noch etwa 350 km/h – die Fallgeschwindigkeit der Pistolenkugel.
Die verlangsamte Munition wollen die Waffenexperten auf ihre Durchschlagskraft testen. Das Ziel ist dabei ein Block aus Gelatine. Der hat ähnliche Eigenschaften wie menschliches Muskel-Gewebe.
Der Versuch wird von Hochgeschwindigkeits-Kameras aufgezeichnet. Sicherheit steht bei solchen Experimenten immer an erster Stelle. Und das aus gutem Grund: Die Hochgeschwindigkeits-Aufnahmen zeigen deutlich: Selbst die verlangsamte Kugel dringt tief in das künstliche Gewebe ein. Ein Mensch hätte garantiert schwere Verletzungen davon getragen.
Was passiert, wenn der Kopf getroffen wird
Bei herabfallenden Geschossen bietet unser Schädel schließlich die größte Angriffsfläche. Hält unser Schädelknochen dem Einschlag einer fallenden Kugel stand? Ein Gelatine-Block mit künstlicher Knochenplatte soll das testen. Und tatsächlich: Die Kugel durchschlägt auch die künstliche Schädeldecke.
Die Experimente zeigen deutlich, ein Schuss in die Luft ist zwar langsamer als eine abgeschossene Pistolenkugel, aber immer noch tödlich.
„Schüsse in die Luft“ kommen häufig vor
Tatsächlich geschieht es gar nicht so selten, dass Menschen von herabfal-lenden Projektilen getroffen werden. Laut Angabe von Experten werden regelmäßig Menschen durch fahrlässige „Schüsse in die Luft“ verletzt und sogar getötet. Offensichtlich wird der Tatsache, dass alles hochgeschossene wieder zu Erde zurückkehrt, kaum Beachtung geschenkt - und das rund um den Globus. Ob zu Festlichkeiten oder Silvester, Trauer oder Wutkundgebungen - der Schuss in die Luft ist ein denkbar ungeeigneter Ausdruck von Freude oder Empörung. Er ist einfach unberechenbar und extrem gefährlich.
Autor: Daniel Haase
Wundballistik und ihre ballistischen Grundlagen
K. Sellier und B. Kneubuehl
Gefährlichkeit weiter Schüsse
Dr. Beat Kneubuehl,
Weitere Informationen unter URL:
http://www.kneubuehl.com/~beat/
Dieser Text gibt den Fernsehbeitrag vom 06.04.2007 wieder. Eventuelle spätere Veränderungen des Sachverhaltes sind nicht berücksichtigt.