Kindliche Kriegserfahrungen in Europa – Deutungen im Lebensverlauf

Deutsche Truppen marschieren in Polen vor um den 02./03. September 1939
Deutsche Truppen marschieren in Polen vor um den 02./03. September 1939 | Bild: ullstein bild / picture alliance

Autorin: Lu Seegers

Unterschiedliche Kriegskindheiten

"Wehrmachtskinder", "Besatzungskinder", "Kriegswaisen" – allein diese Begriffe zeigen, wie verschieden die Erfahrungen von Kindern in Europa während und nach dem Zweiten Weltkrieg waren. Viele jüdische Kinder starben in den nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslagern. Nur 52.000 jüdische Kinder konnten bis zum Kriegsbeginn aus Deutschland auswandern, flüchten oder kamen in so genannten "Kindertransporten" in die USA, nach Australien und Großbritannien.

In Großbritannien wurden bis 1944 mehr als 200.000 Kinder wegen der deutschen Luftangriffe aufs Land evakuiert. Polnische und russische Kinder wurden zur Zwangsarbeit nach Deutschland verbracht. Zugleich wuchsen in Deutschland Kinder und Jugendliche, die nicht rassistisch verfolgt wurden, im Zeichen der nationalsozialistischen "Volksgemeinschafts"-Ideologie auf. "Wehrmachtskinder" waren aus sexuellen Kontakten von deutschen Soldaten mit Frauen aus den besetzten Gebieten Europas entstanden. In Skandinavien und in Polen wurden "rassisch wertvolle" Kinder vom NS-Regime "zwangsgermanisiert".

"Besatzungskinder" wurden von alliierten Soldaten und deutschen Frauen in den letzten Kriegs- und frühen Nachkriegsjahren gezeugt. Während es in den 1950er Jahren in der Bundesrepublik eine erregte Diskussion über schwarze Besatzungskinder gab, wurden in der DDR die so genannten "Russenkinder" totgeschwiegen. Gemeinsam war den "Besatzungskindern" und "Wehrmachtskindern", dass sie in den europäischen Nachkriegsgesellschaften stigmatisiert wurden.

Die Erfahrung der kriegsbedingten Vaterlosigkeit

So unterschiedlich die Erfahrungen der "Generation der Kriegskinder" sind, so oft waren sie mit dem Verlust bzw. mit der Abwesenheit des Vaters verbunden. In Europa soll es nach 1945 circa 13 Millionen Voll- und Halbwaisen gegeben haben. Die kriegsbedingte Vaterlosigkeit ist geradezu eine Signatur des 20. Jahrhunderts, wie das Beispiel Deutschland zeigt: 4,71 Millionen deutsche Soldaten waren während des Zweiten Weltkriegs ums Leben gekommen. Sie hinterließen in Westdeutschland circa 1,7 Millionen Witwen, fast 2,5 Millionen Halb- und etwa 100.000 Vollwaisen (für Ostdeutschland liegen keine vergleichbaren Daten vor). Hinzu kamen zahlreiche Kinder, die ohne Väter aufwuchsen, weil diese vermisst, in einem anderen Land oder unbekannt waren.

Datenbasis der Auswertung ist die Langzeitstudie European Values Study (EVS), die seit 1981 in der Regel alle neun Jahre in mehreren europäischen Ländern durchgeführt wird. Die Umfragedaten ermöglichen einen Vergleich der Kriegskindergeneration (Jahrgang 1930 bis 1945) mit denen der Generation ihrer Kinder (Jahrgang 1955 bis 1970) und der Generation ihrer Enkel (Jahrgänge ab 1980).

Die Auswertung von EVS-Daten sowie die Kommentierung durch die Historikerinnen Prof. Dr. Barbara Stambolis und Priv.-Doz. Lu Seegers ist Teil des crossmedialen Projekts „Kinder des Krieges“ -  ein Gemeinschaftsprojekt aller Rundfunkanstalten der ARD.

Die lebensgeschichtliche Deutung der Vaterlosigkeit variiert allerdings. Berücksichtigt werden müssen sowohl länder-, politik- und gesellschaftsspezifische Unterschiede in Europa als auch die Jahrgänge, denen die "Kriegskinder" angehören: von Säuglingen und Kleinkindern ohne Erinnerung an den Krieg bis zu Jugendlichen, die 1945 15 Jahre alt waren. Wichtig war auch, ob die Kinder während des Krieges auf dem Land oder in der Stadt lebten, von Flucht und Vertreibung betroffen waren oder rassistischer Verfolgung unterlagen. Außerdem müssen Faktoren wie Geschlecht, sozialer Hintergrund und Bildungsstand beachtet werden.

Warum ist die Familie für vaterlose "Kriegskinder" bis heute besonders wichtig?

Für viele Angehörige der "Kriegskinder"-Generation ist die Familie von zentraler Bedeutung. Besonders wichtig war ihnen in Frankreich, Polen, Großbritannien und Deutschland, die Eltern stolz zu machen. Was sind die Gründe dafür? Sowohl in Polen als auch in West- und Ostdeutschland dominierte nach 1945 das Bild der leidenden und zugleich starken Mutter, die versuchte, die Kinder trotz Entbehrungen und Trauer durch die Kriegs- und Nachkriegszeit "zu bringen". Dies führte zu einer besonders engen Loyalitätsbeziehung der "Kriegskinder" zu ihren Müttern.

Das Schicksal der Mütter versuchten viele "Kriegskinder" in ihrem weiteren Lebensverlauf "wiedergutzumachen". In vielen Familien blieben Väter vermisst oder kehrten aus der Kriegsgefangenschaft erst spät zurück. Das gilt auch für Soldaten der polnischen Armia Krajowa sowie der britischen Armee. Der Wunsch nach einer "vollständigen" Familie war deshalb bei "Kriegskindern" besonders ausgeprägt. Dabei fühlten sich Töchter oft noch verantwortlicher für das Schicksal ihrer Eltern als Söhne dies taten.

Zur Infografik: Fast allen Kriegskindern ist die Familie in ihrem Leben wichtig. Im zunehmenden Alter steigt in Deutschland, Frankreich und Großbritannien noch einmal die Zustimmung unter den Kriegskindern. In Polen ist sie zu allen Zeitpunkten am höchsten.

Zur Infografik: In allen vier Ländern geben die Kriegskinder besonders häufig an, dass sie es als eines der Lebensziele zu betrachten, die eigenen Eltern stolz zu machen. Während in Deutschland die Generation ihrer Kinder dem am seltensten und die ihrer Enkel dem ähnlich häufig zustimmt, ist der Unterschied in dieser Frage zwischen den Kriegskindern und den nachfolgenden Generationen in den anderen Ländern deutlich ausgeprägt.

Leistungskraft und Eigenverantwortlichkeit als Kennzeichen

Leistungskraft im Beruf und Eigenverantwortlichkeit im Leben sind länderübergreifend zentrale Werte für die Angehörigen der "Kriegskinder"-Generation. Warum ist das so?

In der Nachkriegszeit führten der Verlust des Vaters und andere Kriegsfolgen zu einer deutlichen Verschlechterung der sozialen Situation vieler Familien. In der DDR sollten Kriegerwitwen möglichst vollständig in den Arbeitsmarkt integriert werden. die Situation vaterloser Familien wurde hier in der Öffentlichkeit kaum thematisiert. Materielle Schwierigkeiten wurden demzufolge eher als Schicksalslage "aller" und nicht als Folge des Verlustes des Vaters angesehen. Westdeutsche Kriegerwitwen erhielten durch das Bundesversorgungsgesetz Renten, die aber nur das Existenzminimum sicherten. Den "Kriegskindern" ging es deshalb in West- und Ostdeutschland sowie in Polen darum, den sozialen Status der Familie zu verbessern.  Dabei stand für sie – wenn auch unter unterschiedlichen politischen Vorzeichen – die Erlangung einer gesicherten und geordneten Existenz im Vordergrund. Für westdeutsche Frauen wurde ein sozialer Aufstieg nach wie vor in erster Linie mit einer "guten" Ehe assoziiert. Eine Berufsausbildung galt für sie in erster Linie als Absicherung gegen die Wechselfälle des Lebens. In der DDR konnten die weiblichen "Kriegskinder" von den Qualifizierungsmaßnahmen für Frauen profitieren und fühlten sich deshalb für ihre Ehemänner, von denen sie finanziell unabhängig waren, zum Teil weniger verantwortlich als für ihre Mütter. In Polen blieb das traditionelle Familienleitbild trotz einer Vielzahl erwerbstätiger Frauen nahezu ungebrochen, was an dem Einfluss der katholischen Kirche lag. Die Sorge um die Familie hat bis heute insbesondere für Frauen oberste Priorität.

Männliche "Kriegskinder" bemühten sich insbesondere bei der Berufswahl darum, Wünsche der Mütter bzw. der Familien zu erfüllen. In der privatwirtschaftlich organisierten Bundesrepublik war das Interesse der Mütter groß, die Söhne als Stammhalter aufzubauen, falls ein Betrieb vorhanden war. Umgekehrt hatten viele Söhne ein schlechtes Gewissen bei beruflichen Misserfolgen oder abseitigen Karrierewegen. In der DDR spielte dies weniger eine Rolle, zumal viele Betriebe zwangskollektiviert wurden. Hier war viel stärker der Staat bei der Berufsfindung und -ausübung präsent, entweder fördernd-paternalistisch oder aber den eigenen beruflichen Ambitionen entgegenstehend. In Polen betonen die männlichen "Kriegskinder" ihre Berufstätigkeit in erster Linie als persönliche Entscheidung und Leistung. Den Staat sehen sie dabei als nur wenig hilfreich an.

Zur Infografik: Die Kriegskindergeneration hält materielle Voraussetzungen, wie ein gutes Einkommen, für das Gelingen einer Ehe oder Partnerschaft für deutlich wichtiger als die Generationen ihrer Kinder und Enkel.

Politische Zurückhaltung der "Kriegskinder"

 "Kriegskinder" haben ein großes Interesse an Politik und schätzen gerade in Deutschland und Großbritannien die Demokratie besonders hoch ein. Dennoch nehmen sie an Demonstrationen oder anderen politischen Aktivitäten selten teil. Woran liegt diese länderübergreifende politische Zurückhaltung?

Zur Infografik: In Polen, Frankreich und Großbritannien kann sich die Mehrheit der Kriegskinder nicht vorstellen an einer genehmigten Demonstration teilzunehmen und gab zudem an, noch nie an einer teilgenommen zu haben. In Deutschland trifft dies auf knapp die Hälfte der Kriegskinder zu. In den nachfolgenden Generationen schließt nur ein weitaus kleiner Teil aus an einer Demonstration teilzunehmen.

Zunächst einmal haben die "Kriegskinder" in Europa die nationalsozialistische Gewaltherrschaft und den von ihr entfesselten Zweiten Weltkrieg erlebt. In der DDR und in Polen war die Sozialisation der Kinder und Jugendlichen zudem durch sozialistische Regime geprägt. Auch wenn ostdeutsche und polnische "Kriegskinder" in die Jugend- und Parteiorganisationen eingebunden waren, strebten sie hier kaum höhere Positionen an.

Eine wichtige Zäsur stellte in der Bundesrepublik ähnlich wie in Frankreich und abgeschwächter in Großbritannien die mit der Chiffre "1968" verbundene Studentenrevolte dar.  Der gesellschaftlichen Liberalisierung standen die "Kriegskinder" vorsichtig-distanziert gegenüber. Gerade vaterlose Töchter waren in den späten 1960er Jahren noch eng an ihre Mütter und konservative Wertvorstellungen gebunden. Auch Männer wünschten sich vor allem Sicherheit und geordnete Verhältnisse.

Zur Infografik: Die Kriegsgeneration in Deutschland und Großbritannien schätzt es noch einmal mehr als die nachkommenden Generationen in einem demokratisch regierten Land zu leben. In Frankreich bezeichnet sie dies allerdings am seltensten als absolut wichtig.

In der DDR und in Polen war besonders der "Prager Frühling" mit Angst um die eigene Sicherheit verknüpft. In Polen und in der DDR waren außerdem die Solidarnosc-Bewegung 1980/81 und das Ende des Kalten Krieges 1989/90 Ereignisse, die für "Kriegskinder" eine historische Zäsur darstellten. Die Wiedervereinigung bedeutete für ostdeutsche "Kriegskinder", dass sie sich im höheren Lebensalter noch einmal ganz neu orientieren mussten. Deshalb verorten sich ostdeutsche Angehörige der Jahrgänge 1930 bis 1945 bis heute weniger intensiv als "Kriegskinder" als dies Westdeutsche tun.

Über die Autorin: Dr. Lu Seegers ist Privatdozentin an der Universität Hannover, assoziierte Mitarbeiterin der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg (FZH) und Geschäftsführerin der Schaumburger Landschaft. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Generationengeschichte, Erinnerungskulturen, Mediengeschichte und Stadtgeschichte im 19. und 20. Jahrhundert.

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