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Schweinefleisch im Test: Schmeckt man Preis und Qualität?

PlaySchweinehälften in einem Schlachthof.
Schweinefleisch im Test: Schmeckt man Preis und Qualität?  | Video verfügbar bis 15.07.2021 | Bild: picture alliance/dpa / Hendrick Schmidt

– Jeder Deutsche isst im Schnitt pro Jahr 34 Kilo Schweinefleisch
– Halb so teuer wie Spargel: Wie kann ein Kilo Fleisch nur 5,70 Euro kosten?
– Die Stiftung Warentest untersucht den Unterschied zwischen Bio- und Discounterfleisch
– In zwei Dritteln der Produkte wurden Antibiotikarestistente Keime gefunden – auch in teuren Supermarkt-Bio-Steaks von Rewe und von Edeka, aber nicht bei Billigfleisch
– Der Handelsriese Edeka zeigte wenig Unternehmensverantwortung

Knapp 70 Pfund Schweinefleisch verspeist der Deutsche pro Jahr

34 Kilo Schweinefleisch landen im Schnitt pro Jahr auf unserem Teller. Kleine Schweinchen finden wir süß – die großen lecker, schrieb eine Zeitung vor kurzem. Auch nachdem die Corona-Fälle in der Fleischindustrie uns nochmals die Augen geöffnet haben für die Missstände in der Tierhaltung und in der Produktion. Die Stiftung Warentest hat ganz aktuell gecheckt, ob man Unterschiede bei Preis und Qualität herausschmeckt.

Endlich Grillwetter – Peter und Sharif haben Nackensteaks gekauft. Peter hat sich für die preiswerte Variante aus dem Supermarkt entschieden. Dabei hat er einfach darauf geachtet, dass das Fleisch gut aussieht. Bei Sharif durfte es ein bisschen teurer sein. Er hat Bio-Fleisch gekauft, weil er schon mehrere Filme über Tierhaltung gesehen hat. Sharif hofft, dass das Bio-Schwein weniger Stress hatte. Peter ist gespannt, ob das günstigere Fleisch tatsächlich schlechter schmeckt.

Ein Kilo Fleisch für 5,70 Euro – Halb so viel wie für Spargel

Auch die Experten der Stiftung Warentest haben neulich Schweine-Nackensteaks gekauft, und dazu noch einige Koteletts. Für einen Vergleichstest wurden Produkte von Discountern und Supermärkten ausgewählt – vier Bioprodukte runden das Testfeld ab. Für das Fleisch haben sie zwischen 5,70 und 20,00 Euro pro Kilo bezahlt. Die 5,70 € scheinen ein Kampfpreis der Discounter zu sein: Gleich sechs von 15 Produkten waren so günstig. Wie kann das sein? Spargel kostet oft das Doppelte!
Isabella Eigner, Stiftung Warentest: "Das ist tatsächlich das, was uns im Supermarkt begegnet ist als wir unsere Marktanalyse gemacht haben, und deswegen sind auch einige für diesen Preis im Test gelandet."
Doch viele Landwirte halten so einen Dumping-Preis für unmoralisch.

Test: Unterschied zwischen Bio- und Discounterfleisch?

Die Warentester wollten wissen, ob sich dieser Preis am Ende bei der Qualität bemerkbar macht. Zusätzlich haben sie geprüft, ob sich die Anbieter um Tierwohl und Arbeitsbedingungen kümmern. Doch zunächst wurden im Labor in chemischen Analysen die Anteile von Fett, Muskelfleisch und Bindegewebe in den Steaks ermittelt. Dabei wurde auch nach Auffälligkeiten wie Schmuddelkeimen gesucht.
Isabella Eigner, Stiftung Warentest: "Ja, tatsächlich haben wir in zwei Produkten einen auffällig hohen Gehalt an Pseudonomaden entdeckt. Das sind Verderbniskeime. Sie machen in der Menge nicht akut krank, aber sie deuten darauf hin, dass es doch Schwächen im Hygienemanagement dieser beiden Betriebe gab."

Antibiotikaresistente Keime bei teurem Fleisch

Potentiell gefährlich: Antibiotika-resistente Keime aus der Tierhaltung. Menschen können sich über rohes Fleisch mit diesen Keimen infizieren – sie sterben zum Glück ab, wenn alles richtig durchgegart wird. Die Warentester haben solche Keime in zwei Dritteln der Produkte gefunden – einschließlich der teuren Supermarkt-Bio-Steaks von Rewe und von Edeka.
Isabella Eigner, Stiftung Warentest: "Es kann sein, dass dem Schwein Antibiotika gegeben wurden, und es dann Resistenzen entwickelt hat. Es kann aber auch sein, dass nicht belastetes Fleisch in der Schlachterei mit Tierkörpern, die kontaminiert sind, in Berührung kommt, und darüber Keime reinkommen."

Ohne Keime: Die Bioprodukte von Pichler und von Dennree, aber auch die konventionellen 5,70-Euro-Billig-Steaks von Aldi-Süd und Edeka.

Auch bei Dumpingpreisen gute Testergebnisse – bis auf Tierwohl

Abgepacktes Hackfleisch aus dem Kühlregal.
Bei Bio-Fleisch kann man sicher sein, dass das Tierwohl gewährleistet ist. | Bild: picture alliance/ dpa / Marius Becker

Wichtigste Prüfung des Tests: die Beurteilung von Aussehen, Geruch und Geschmackdes Fleisches. Auch hier gab es bei den Stichproben einige Auffälligkeiten. Isabella Eigner, Stiftung Warentest: "Zum Beispiel hatten wir bei den Rewe-Steaks die Beobachtung, dass es leicht säuerlich gerochen, aber auch leicht säuerlich geschmeckt hat, und auch noch leicht nach alten Fett. Das klingt nicht so schön. Bei dem Norma-Kotelett war es so, dass es leicht fest, leicht zäh, leicht trocken und leicht wässrig beschrieben wurde. Das sind alles Fehler."

Dennoch – unterm Strich riechen und schmecken viele Produkte tadellos – auch viele preiswerte. Auch bei schlechter Haltung und Dumping-Preisen kann die reine Fleischqualität gut sein. Aber für das Leben der Tiere und die Beschäftigten macht es einen riesigen Unterschied. Deshalb wollten die Warentester diesmal auch genau wissen, wie Handel und Produzenten mit Tieren, Menschen und Umwelt umgehen. Sie schauten auch in die Herstellungsbetriebe. Simone Lindemann, Stiftung Warentest: "Die Experten sind vor Ort gewesen, also sowohl im Schlachtbetrieb als auch in den Mastbetrieben, haben sich dort sämtliche Bereiche angeguckt. In den Schlachtbetrieben auch natürlich den Bereich der Tötung und der Betäubung der Tiere."

Tierwohl an Vier-Stufen-Plan erkennbar

Ergebnis der Untersuchung: Die großen Handelsketten stellen nach wie vor kaum Anforderungen an die Fleischproduzenten. Sie ordern einfach immer das Billigste. Man erkennt es am Label der Haltungsform: Stufe 1 bedeutet "gesetzliche Mindestanforderungen" – Tierwohl zählt nicht dazu. Stufe 2 bringt 10 Prozent mehr Platz – eine rein kosmetische Verbesserung ohne echten Vorteil. Stufe 3 bringt immerhin Frischluft, Stroh und 40 Prozent mehr Platz. Aber erst bei Stufe 4 dürfen die Tiere auch mal nach draußen. Erzeuger, die sich um Tierwohl und Arbeitsbedingungen kümmern, haben gegen das Billigfleisch keine Chance.

Videoblick für Handel und Verbraucher in Schweinestall

Sie müssen andere Wege zur Vermarktung suchen. Schweinezüchterin Gabi Mörixmann hat auf Facebook und Instagram gesetzt. Mit Videos aus ihrem Schweinestall hat sie viele Menschen erreicht, und konnte dadurch Einzelhändler überzeugen, ihr teureres Produkt zu verkaufen.
Gabi Mörixmann, Schweinezüchterin: "Mit den Reichweiten konnte ich beweisen, dass es überhaupt jemanden interessiert, und mit diesen Reichweiten im Internet habe ich dann den Lebensmitteleinzelhandel angesprochen, hab gesagt, passt mal auf, ich hab da 'ne Internetseite für die sich viele Leute interessieren und es würden auch gerne welche kaufen. Würdet ihr das anbieten?"

Fleisch-Auswahl in einer Fleischtheke im Supermarkt
Stiftung Warentest hat untersucht: Ist die Qualität von billigem Fleisch schlechter? | Bild: picture alliance/dpa / Jan Woitas

Handel als Marktmacht muss mitziehen

Einige engagierte Händler ziehen mit – doch jeder musste einzeln überzeugt werden, denn das Produkt ist deutlich teurer als die herkömmliche Ware. Auch für Schweinezüchter Jens van Bebber steht das Tierwohl ganz oben. Er hat in der Gastronomie eine Nische gefunden. Auch bei ihm Voraussetzung für den Erfolg: engagierte Partner im Handel.

Dr. Jens van Bebber, Landwirt: "Der Handel ist extremst wichtig. Er muss natürlich bereit sein, diese Qualität, die wir hier in der Haltung haben, einzukaufen, und an seine Kunden weitergeben wollen." Auch die Warentester sehen den Handel in der Pflicht, solche Produkte nach vorne zubringen – und den Kunden zu erklären, dass höhere Preise für mehr Tier- und Menschenwohl gerechtfertigt sind.
Simone Lindemann, Stiftung Warentest: "Der Handel hat die Marktmacht. Er kann mittels seiner Preispolitik Entscheidungen treffen, bezüglich nachhaltiger Produkte oder eben auch der Listung und Beschaffung weiterer nachhaltiger Produkte. Noch sieht es aber so aus, dass er von seiner Preispolitik geleitet ist – das heißt, große Mengen für wenig Geld."

Übrigens: Beim Thema Unternehmensverantwortung schnitt Handelsriese Edeka bei der Stiftung Warentest am schlechtesten ab. Der Konzern hatte jeglichen Einblick in die Produktionsbedingungen verweigert. Begründung: Datenschutz.

Billigfleisch kann geschmacklich überzeugen – aber nicht beim Tierwohl

Und unsere Test-Esser? Sharif ist ein bisschen enttäuscht von seinem Bio-Steak: "Ich muss sagen, das billige Fleisch war saftiger." Peter fühlt sich zumindest teilweise bestätigt: "Wenn ich nur nach dem Geschmack gehe, ist das billige Fleisch deutlich überlegen. Wenn ich die Tierhaltung überlege, ist ein anderes Thema." Für 5,70 Euro pro Kilo ist eben kein Tierwohl drin.

Ein Beitrag von Jörg Förster

Stand: 17.07.2020 14:04 Uhr

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