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Angela Merkel und die Wirtschaft: Boom wegen oder trotz der Kanzlerin?

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Deutscher Wirtschaftsboom - wegen oder trotz der Kanzlerin? | Video verfügbar bis 07.11.2019 | Bild: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

• Während Unternehmensgewinne steigen, ist der Lohn vieler Mitarbeiter deutlich geringer gewachsen.
• In Sachen Lohnwachstum hängt Deutschland anderen europäischen Ländern deutlich hinterher.
• Unter Angela Merkel ist Deutschland zwar Exportweltmeister, dies aber auch aufgrund der schwach wachsenden Löhne.
• Während die Arbeitslosenquote sehr niedrig ist, sind immer mehr Menschen im Niedriglohnsektor tätig.

Angela Merkel beim Rundgang auf der ILA 2018
Angela Merkel beim Rundgang auf der ILA 2018 am Stand des Triebwerkhersteller Rolls-Royce | Bild: Imago

Michael Richter ist Lagerarbeiter bei Zalando in Erfurt. 10,80 Euro verdient er pro Stunde. So wie ihm geht es vielen der rund 3000 Beschäftigten hier. Nur die wenigsten können sich eine Wohnung direkt in Erfurt leisten und nehmen darum einen langen Arbeitsweg in Kauf – so auch Richter: "Die Nebenkosten fressen einen auf. Das Benzin frisst einen auf. Das Leben wird immer teurer und die Gehälter steigen einfach nicht. Wie soll man sich da fühlen? Da fühlt man sich abgehängt. Und stellt sich die Frage: Warum gehe ich überhaupt arbeiten?"

Satte Gewinne – magere Löhne

Zalando-Mitarbeiter Michael Richter
Michael Richters Lohn ist bei weitem nichts so stark gestiegen wie die Gewinne seines Arbeitgebers Zalando.  | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Als Michael Richter 2014 bei Zalando anfing, lag sein Nettogehalt bei 1.180 Euro, jetzt sind es gut 1.300 Euro – immerhin eine Lohnsteigerung von zehn Prozent. Bei seinem Arbeitgeber ging es im gleichen Zeitraum deutlich steiler bergauf: auf 101,6 Millionen Euro Gewinn nach Steuern. Das ist ein Plus von 115 Prozent. Diese Ungleichheit ärgert Richter: "Die Unternehmen machen fette Gewinne, machen Millionen, wenn nicht gar Milliarden. Und ihre Arbeitnehmer haben nichts von der Arbeit, haben nichts von dem Erfolg."

Wie sieht das Bundeskanzlerin Angela Merkel? So ganz geht die Stimmung im Land nicht an ihr vorbei: "Obwohl unser Land gut dasteht, ja mehr noch: obwohl es uns wirtschaftlich so gut wie noch nie seit der Wiedervereinigung geht, machen sich viele Menschen Sorgen um die Zukunft."

Zum Beispiel auch in Dresden: Viele Menschen haben hier nicht das Gefühl, dass sie vom wirtschaftlichen Aufschwung profitiert haben. Sie beklagen, dass es viele Menschen gibt, die trotz Arbeit kaum noch mit ihren Familie über die Runden kommen. Andere stören sich über den Wandel bei den Beschäftigungsverhältnissen: "Eine normale Anstellung gibt’s ja gar nicht mehr. Oder wenig. Das läuft alles über Zeitarbeitsfirmen, Personalleasing", meint ein Mann. Und für eine Dresdnerin muss sich der Arbeitseinstieg wieder mehr lohnen: "Das war ja jetzt schon ein bisschen ein Schritt in die richtige Richtung mit dem Mindestlohn. Aber der ist ja immer noch zu niedrig. Der müsste schon ein bisschen höher sein, noch oder schneller steigen, damit sich die Leute wieder mehr leisten können."

Schlusslicht Deutschland

Der Konjunkturforscher Prof. Gustav Horn vom Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung der Hans-Böckler-Stiftung kritisiert ebenfalls die jahrelange Lohnzurückhaltung in Deutschland.

"In den Jahren 2000 bis 2007 waren die deutschen Löhne viel, viel schwächer gewachsen als in den anderen Ländern des Euro-Raums. Wir waren Nummer 17 von 17 Ländern."

der Konjunkturforscher Prof. Gustav Horn von der Hans-Böckler-Stiftung
Konjunkturforscher Prof. Gustav Horn von der Hans-Böckler-Stiftung  | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Auch in den Jahren danach sind die Löhne in Deutschland real jährlich nur um durchschnittlich 1,55 Prozent gestiegen. Dabei hatten sich alle Euro-Länder dazu verpflichtet, die Löhne entsprechend der Produktivität anzupassen, erklärt Prof. Gustav Horn: "Die deutschen Löhne hätten im Jahresdurchschnitt etwa um drei Prozent wachsen können, ohne dass die Wirtschaft geschädigt worden wäre. Das entspricht dem Leistungszuwachs der deutschen Wirtschaft und dem, was an Inflation auch zulässig ist nach den Vorstellungen der EZB. Und das wäre eine Entwicklung, die stabilitätsgerecht gewesen wäre, die auch die Ungleichgewichte im Außenhandel weitgehend vermieden hätte."

Exportweltmeister auf Kosten der Arbeitnehmer

Deutschland ist jedes Jahr auch deshalb Exportweltmeister mit 287 Milliarden Euro Überschuss, weil die vergleichsweise niedrigen Löhne deutsche Produkte im Ausland günstig machen. Deutschland verschafft sich damit seit Jahren einen Wettbewerbsvorteil gegenüber anderen Ländern.

Die EU-Kommission hat deshalb die Bundesregierung bereits im letzten Jahr mit einer Rüge aufgefordert, die Kaufkraft im eigenen Land zu stärken. "Es sollten weitere politische Maßnahmen getroffen werden mit dem Ziel, das Einkommen der Haushalte zu erhöhen."

Niedrige Arbeitslosenquote – hoher Niedriglohnanteil

Angela Merkel im Deutschen Bundestag
Hat Angela Merkels Kanzlerschaft die deutsche Wirtschaft beflügelt? | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Das ist eine deutliche Kritik. Doch die Bundesregierung unter Angela Merkel verweist stattdessen auf die niedrige Arbeitslosenquote. Sie ist mit 5,3 Prozent im Jahresdurchschnitt 2018 so gering wie noch nie seit der Wiedervereinigung. "Unsere Wirtschaft, ob kleinere, mittlere oder große Unternehmen, steht heute gut da", gibt sich die Bundeskanzlerin zufrieden.

Michael Richter ist trotzdem nicht zufrieden: "Bei mir kommt der Aufschwung nicht an. Selbstverständlich: die Logistikbranche und der Onlinehandel boomen und Arbeitsplätze werden auch geschaffen, auch in Erfurt, nur stellt sich immer die Frage, um welchen Preis."

Die Kehrseite der niedrigen Arbeitslosenquote: Rund zehn Millionen Menschen in Deutschland verdienen den Mindestlohn oder weniger. Das sind 22 Prozent aller Erwerbstätigen. Der Anteil im Niedriglohnsektor ist so hoch wie nie. Auch wenn die Wirtschaft boomt: Arbeitnehmer wie Michael Richter, der täglich 120 Kilometer Arbeitsweg hat, spüren davon nichts in ihrem Portemonnaie.

Autoren: Christiane Cichy, Andreas Wolter
Bearbeitung: Friedemann Zweynert

Stand: 08.11.2018 16:30 Uhr

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