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Mammut-Prozess: Das Verfahren gegen den Ex-Audi-Chef Rupert Stadler

PlayEx-Audi-Chef Rupert Stadler.
Mammut-Prozess: Das Verfahren gegen den Ex-Audi-Chef Rupert Stadler | Video verfügbar bis 23.09.2021 | Bild: picture alliance/AP Photo

  • Der ehemalige Audi-Vorstandsvorsitzenden Rupert Stadler muss sich wegen Betrugs, mittelbarer Falschbeurkundung und strafbarer Werbung vor Gericht verantworten.
  • Damit geht die Aufarbeitung der Schuldfrage im Diesel-Skandal in die entscheidende Runde. Ein wahrer Mammut-Prozess steht bevor. Schon jetzt plant das Landgericht München II 181 Verhandlungstage im Hochsicherheits-Gerichtssaal Stadelheim.
  • Nicht nur Hunderttausende geschädigte Audi-Kunden beobachten diesen Prozess ganz genau. Auch viele Beschäftigte in der Automobilindustrie, die seit dem Diesel-Skandal und der damit ausgelösten Automobil-Krise um ihre Jobs bangen.

In wenigen Tagen beginnt in München der Strafprozess gegen den ehemaligen Audi-Chef Rupert Stadler. Ein wichtiges Wirtschaftsverfahren, das den Diesel-Skandal ausführlich aufarbeiten wird. Die entscheidende Frage, die das Landgericht München klären muss: Was wusste man in der Chefetage von den illegalen Abgas-Manipulationen. Ein Prozess, den betrogene Autofahrer und die gesamte Branche mit Spannung erwarten.

Florian Gliwitzky, Sprecher Oberlandesgericht München
Florian Gliwitzky, Sprecher Oberlandesgericht München | Bild: BR

Am 30. September startet der Mammut-Prozess gegen Rupert Stadler. Das Landgericht plant 181 Verhandlungstage, das Urteil wird für Dezember 2022 erwartet. Angeklagt sind neben dem Ex-Audi-Chef drei weitere Manager. Die Vorwürfe: Betrug, mittelbare Falschbeurkundung und strafbare Werbung. Im Klartext: Die Angeklagten sollen von den Abgas-Manipulationen gewusst haben. Trotzdem lief der Verkauf der Autos weiter. "Dieses Verfahren hat internationale Bedeutung", erläutert Florian Gliwitzky vom Oberlandesgericht München. "Ein Großteil der Tatvorwürfe spielt in den USA. Das heißt, wir haben einen Sachverhalt, der sich nicht auf den Mikrokosmos München oder Bayern bezieht, sondern weit über Deutschland hinaus Bedeutung hat."

Seit Wochen laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren, die unter Corona-Bedingungen besonders schwierig sind. Besonders wichtig: ein möglichst großer Raum. Und da fiel die Wahl auf den relativ neuen Gerichtssaal bei der Justizvollzugsanstalt Stadelheim. Doch worum geht es in dem Prozess?

Die Manipulationen kommen ans Licht

Rückblick: Am 18. September 2015 fliegen die Manipulationen in den USA auf. Betroffen ist zunächst nur die Audi-Mutter VW. Konzern-Chef Martin Winterkorn tritt zurück. Audi-Chef Rupert Stadler bleibt im Amt. Doch nach und nach kommt ans Licht, dass auch Audi in seinen Diesel-Motoren illegale Abschalteinrichtungen einsetzt. Damit stoßen die Autos im Straßenverkehr deutlich mehr Schadstoffe aus als auf dem Prüfstand. Die Behörden ermitteln. Am 15. März 2017 durchsucht die Staatsanwaltschaft – während der Bilanzpressekonferenz – die Audi-Zentrale.

Erste Niederlage

Prof. Jürgen Wessing
Prof. Jürgen Wessing | Bild: BR

Dass es überhaupt zum Prozess kommt, kann als erste Niederlage für Rupert Stadler gewertet werden, wie wir von Prof. Jürgen Wessing erfahren. Er ist einer der bekanntesten Wirtschafts-Strafverteidiger Deutschlands und war bereits bei zahlreichen großen Verfahren dabei. Für Plusminus schätzt er den Stadler-Prozess ein. Ziel der Verteidigung ist in der Regel die Hauptverhandlung zu vermeiden. "Wenn man eine zugelassene Anklage hat", so erläutert Jürgen Wessing, "dann hat man schon zwei Schritte verloren: Erstens hat man den Staatsanwalt nicht davon überzeugt, dass dieses Verfahren nicht vor Gericht gehört. Und der zweite Schritt, dass man das Gericht im Zwischenverfahren nicht davon überzeugt hat, dass am Verfahren nicht genug dran ist, um es vor die Öffentlichkeit zu bringen. Als Verteidiger in Wirtschaftsstrafsachen ist die Maxime: bloß nicht vors Gericht."

Doch da muss Rupert Stadler jetzt hin. Die entscheidende Frage wird sein, ob er von den Manipulationen wusste oder nicht. Er selbst hat vorher alle Vorwürfe von sich gewiesen.

Ärger bei betrogenen Diesel-Kunden

Stefan Adelmann aus Nürnberg kaufte vor zwei Jahren einen fast neuen Audi Q7. Er vertraute darauf, dass der VW-Konzern und damit auch Audi aus dem Dieselskandal gelernt hat. Doch vor einigen Monaten hat er ein Schreiben des Kraftfahrtbundesamtes bekommen. Auch in seinem Modell wurden illegale Abschalteinrichtungen gefunden. "Ich bin davon ausgegangen, so Stefan Adelmann, "wenn Volkswagen dermaßen Nachteile durch diesen Abgasskandal gehabt hat, dass sie nicht so weiter machen. Ich war nicht skeptisch, weil ich davon ausgegangen bin, dass die Autos jetzt sauber sind."

Audi-Kunde Stefan Adelmann
Audi-Kunde Stefan Adelmann | Bild: BR

Doch das scheint nicht der Fall zu sein. Stefan Adelmann klagt jetzt in einem Zivilprozess gegen Audi. Sein Anwalt Marcus Hoffman erhofft sich viel vom Strafverfahren gegen Rupert Stadler: "Es ist natürlich so", erzählt Marcus Hoffmann, "wenn Sie auf zivilrechtlicher Seite kämpfen, mauern alle. Sie kommen ganz schwer an Informationen. Deswegen erhoffen wir uns von einem Strafprozess vor allem eines: Erkenntnis.Die Ermittlungsbehörden haben natürlich ganz andere Möglichkeiten an Informationen und Unterlagen zu kommen als der kleine Anwalt aus Nürnberg. Ich kann schlecht bei Audi genauer reinschauen."

Während Audi-Kunden zumindest die Möglichkeit haben zu klagen, sieht es für andere schlecht aus: für zahlreiche Mitarbeiter der Automobil- und Zulieferindustrie, die ihre Jobs wegen der Diesel-Krise verloren haben oder darum bangen müssen. Auto-Experte Ferdinand Dudenhöffer sieht die ganze Branche betroffen. "Der Diesel ist insgesamt zerstört", meint er. "Er war das Kernelement der deutschen Automobilindustrie, die mit dem Diesel in die Zukunft gehen wollte. Das ist nicht mehr möglich." Die Folge: ein rasanter Wandel in der Branche, deutliche Umsatzeinbrüche und ein massiver Abbau von Arbeitsplätzen. 

"Man muss schon feststellen," so Johann Horn von der IG Metall, "dass die Abgas-Manipulationen tatsächliche die ganze Branche in die Krise getrieben haben. Und viele tausend Leute in der Automobilindustrie haben die Zeche bezahlt, haben ihren Job verloren, ihre Arbeit verloren oder mussten Entgelteinbußen hinnehmen."

Schwierige Beweisführung

Haben also die Audi-Manager Schuld am Debakel einer ganzen Branche und wird das Gericht Rupert Stadler für die Abgas-Manipulationen wirklich verantwortlich machen? Wirtschafts-Strafverteidiger Jürgen Wessing weiß, dass eine Beweisführung schwierig wird: "Das Ganze sind sogenannte Vorsatztaten. Man kann das, was ihm vorgeworfen wird, nicht fahrlässig begehen. Man muss gewusst haben, was man tut und das zweifelsfrei festzustellen, ist nicht ganz einfach. Es reicht nicht aus, dass er es hätte wissen können, es reicht nicht aus, dass er es hätte wissen müssen, es reicht nur aus, dass das Gericht feststellt, er hat es gewusst."

Und was sagt Audi zu dem beginnenden Prozess? Auf Plusminus-Anfrage heißt es: "Das anstehende Strafverfahren gegen Einzelpersonen ist unabhängig von der AUDI AG zu sehen. (…) Gleichzeitig ist die juristische Aufklärung im Rahmen des Strafprozesses gegen Einzelpersonen ein weiterer wichtiger Schritt für einen nachhaltigen Neustart unseres Unternehmens."

Automobilexperte Ferdinand Dudenhöffer
Automobilexperte Ferdinand Dudenhöffer | Bild: BR

Auch die Öffentlichkeit blickt gebannt auf das Verfahren. Doch kann dieser Strafprozess Gerechtigkeit bringen? "Gerechtigkeit, in dem Sinne", so Ferdinand Dudenhöffer, "dass alles, was an Schaden angerichtet wurde, wiedergutgemacht wird, kann so ein Prozess natürlich nicht bringen. Aber was er bringt: dass Transparenz einzieht."

Und Jürgen Wessing ergänzt: "Ich denke der Prozess wird zur Vorstandsverantwortlichkeit deutliche Worte sagen. Und das ist ein Thema, das ist wichtig. Das strahlt weit über die akute Lage hinaus." Hohe Erwartungen also an den Stadler-Prozess und vor allem an das Gericht.

Bericht: Martina Schuster und Johannes Thürmer/BR

Stand: 24.09.2020 13:47 Uhr

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