Bargeld ade

Die Sparmaßnahmen der Banken und ihre Folgen

Grafik: Bargeld im Portemonnaie
Ist das Bargeld in Gefahr? | Bild: SWR

– Bankfilialen werden geschlossen, Geldautomaten abgebaut und Gebühren angehoben.
– Mit Sparzwängen wird eine schleichende Bargeldabschaffung begründet.
– Die Bargeldverminderung ist Strategie von Zentral- und Großbanken.

Sparkassensymbol
Sparkassen schließen Filialen | Bild: SWR

Die Einwohner von Mülheim, einem kleinen Ort im Moseltal, haben ein großes Problem, denn vor kurzem hat die einzige Sparkassa vor Ort ihre Filiale geschlossen. Die Geldautomaten sind ebenfalls weg. Bargeld kann man seitdem im Ort nicht mehr bekommen. Rentnerin Hildegard L. kämpfte vergeblich gegen die Schließung. Mit 85 Jahren ist für sie die Kontrolle des Kontostands, eine Überweisung oder Bargeld abheben nun eine riesige Herausforderung. Für jedes kleine Bankgeschäft muss sie nun sechs Kilometer in den nächsten größeren Ort fahren. Was passiert, wenn sie mal nicht mehr Auto fahren kann oder es ihr schlecht geht, weiß sie noch nicht.

Viele Orte und Kunden betroffen

Nicht nur die Kunden der Sparkasse Mittelmosel sind von Schließungen betroffen. Viele Banken und Sparkassen bauen derzeit reihenweise Geldautomaten ab. Wichtigstes Argument: Die hohen Unterhaltskosten. Die flächendeckende Versorgung der Bevölkerung mit Bargeld wollen sich die Banken nicht mehr leisten.

Prof. Gerald Mann, Lehrstuhl Volkswirtschaftslehre der Hochschule FOM München erläutert dazu: "Also jeder Geldautomat weniger heißt weniger Kosten und das Ergebnis wird natürlich sein: Man kommt schwerer an Bargeld und deswegen wird auch hier Bargeld Stück für Stück zurückgedrängt werden."

Hohe Kosten kleine Betriebe und Kunden

Das Zurückdrängen des Bargelds ist für die Banken eine Sparmaßnahme. Die Zeche zahlen andere, wie zum Beispiel die Metzgerei Sopp in Mülheim. Inhaber Karlheinz Sopp berichtet uns: "Da wo die Leute ihr Geld holen, da sind sie vor Ort, da sind sie direkt bei den Geschäften und da lassen sie ihr Geld auch. Und wie die Sparkasse dann von jetzt auf gleich schloss, da haben wir das doch erheblich gemerkt."

Zahlung am EC-Karten-Terminal
Zahlen bald nur noch mit Karte? | Bild: SWR

Etwa 20 bis 30 Prozent weniger Umsatz macht die Metzgerei seitdem. Langfristig wird das kleine Unternehmen das nur schwer verkraften können, meint der Inhaber: "Wir haben sehr viele Angestellte und da müssen wir vielleicht früher oder später überlegen, ob wir da abspecken müssen. Die Leute sind sehr lange Jahre hier, gehören mit zur Familie, und das würde einem doch sehr schwer fallen."

In seiner Not fügt sich Karlheinz Sopp dem bargeldlosen Geschäft: Bei ihm können die Kunden nun auch mit EC-Karte bezahlen. Die Gebühren dafür trägt seine Metzgerei.

Wo noch Geldautomaten stehen, wird das Abheben immer teurer. Selbst von ihren eigenen Kunden verlangen immer mehr Banken inzwischen Gebühren von bis zu einem Euro pro Abhebung. Viele Kunden sind zwar sauer, aber fügen sich.

Internationale Strategie gegen Bargeld

Die Kunden ärgern sich zwar oder verdrängen es, aber sie ahnen nicht, dass die Maßnahmen der Banken Teil einer internationalen Strategie sind. Langfristiges Ziel ist die Abschaffung des Bargelds. Vorreiter ist die so genannte "Group of 30", in der sich Vorstände großer Finanzinstitute und Notenbanker zusammengeschlossen haben. Einer von Ihnen ist Mario Draghi, heute Chef der Europäischen Zentralbank. Vor zehn Jahren war er noch Chef der Zentralbank in Italien und mitverantwortlich dafür, dass dort heute nur noch bis 3.000 Euro bar bezahlt werden darf. Und als EZB-Chef lässt er die Einführung von solchen Bargeldobergrenzen in immer mehr EU-Staaten zu.

Grafik mit Mario Draghi und Group of 30 bei Angriff auf Bargeld
Wer greift unser Bargeld an? | Bild: SWR

Zahlungen mit Bargeld einzuschränken, hält Währungsrechtler Prof. Helmut Siekmann vom Institut für Währungs- und Finanzstabilität in Frankfurt für bedenklich: "Bargeld, also Noten und Münzen, die auf Euro lauten, sind unbeschränkte gesetzliche Zahlungsmittel. Und diese Funktion ist nicht mehr gegeben, wenn man Obergrenzen einführt, um diese Zahlungsmittel zu verwenden. Der wahre Grund ist, dass man damit die Geldpolitik der Zentralbanken abstützen will."

Bargeld contra Negativzinsen

Die Zentralbanken verlangen bereits negative Zinsen für Geldeinlagen. Diese Strafzahlungen für Sparer könnten künftig noch massiver werden.

Prof. Gerald Mann erläutert dazu: "Solange es Bargeld gibt, könnten die Bürger bei Einführung von Negativzinsen ihre Konten leer räumen und im Safe oder unter dem Kopfkissen deponieren und sich so den Negativzinsen entziehen. Wenn es aber kein Bargeld mehr gibt, ist diese Fluchtmöglichkeit aus den Negativzinsen versperrt."

Deshalb kommt auch der Internationale Währungsfonds laut Unterlagen zu dem Ergebnis: Bargeld muss abgeschafft werden, um die negativen Zinsen durchsetzen zu können. So arbeiten die Geschäfts- und Zentralbanken längst auf die bargeldlose Welt hin, auch wenn viele Kunden in Deutschland diese Entwicklung ablehnen.

Um den Kunden das Bargeld auszutreiben, bieten immer mehr Banken offensiv andere Zahlungsmöglichkeiten an, bequem und kostenlos. "Wenn der Konkurrent Bargeld erledigt ist, haben die Anbieter von bargeldlosem Zahlen alle Möglichkeiten, die Gebühren wieder zu erhöhen. Hinzu kommt der Wert der Daten, die durch bargeldloses Zahlen generiert werden. Wissen ist Macht und Wissen über Menschen ist damit auch Macht über Menschen", erklärt Prof. Gerald Mann.

In Mülheim haben die Menschen die Macht der Banken schon zu spüren bekommen, immer mehr zahlen inzwischen mit Karte,  gezwungenermaßen. Und wenn die Strategie der Banken aufgeht, wird es so bald in vielen Orten aussehen.

Stand: 01.06.2017 09:18 Uhr

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