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Blutplasma aus den USA – warum deutschen Kliniken ein Engpass droht

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Weniger Blutplasma aus USA - Deutschland droht Engpass | Video verfügbar bis 04.11.2021 | Bild: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

• Die USA ist der Hauptlieferant von Blutplasmakonserven am Weltmarkt.
• Wer in den USA Blutplasma spendet, bekommt bis zu 75 Euro dafür.
• In den USA sind die Zahlen der Blutplasmaspender durch die Coronakrise zurückgegangen.
• So könnte der Einbruch in den USA auch zu Engpässen in anderen Ländern führen – wie auch in Deutschland.

Viele Patienten sind angewiesen auf Blutplasmaspenden – wie Christoph Mählmann. Aufgrund eines Immundefektes müssen ihm Antikörper über Transfusionen zugeführt werden, damit er vor Infektionen geschützt wird. Diese Antikörper werden aus Blutplasmaspenden gewonnen.

Ein Mann mit medizinischen Geräten.
Christoph Mählmann ist wegen einer Immunerkrankung auf Blutplasmaspenden angewiesen. | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

"Ohne dieses Medikament könnte ich mein Leben nicht führen, so wie ich es jetzt lebe", erklärt Christoph Mählmann. "Ich bin auch von den Plasmaspendern ein Leben lang abhängig." Weil es in Europa an Spendern mangelt, greifen die Kliniken auch auf Material aus den USA zurück. Und der Bedarf an Blutplasma wächst seit Jahren kontinuierlich an. Es wird auch eingesetzt bei der  Behandlung von Covid19-Erkrankten.

USA ist weltweit Blutplasma-Hauptversorger

In den Staaten gibt es mehr als  800 Spendenzentren.  Die USA bringt das meiste Blutplasma in den weltweiten Handel ein. Europa war 2017 mit 18,8 Millionen Litern der Hauptabnehmer. 2019 wurden in Deutschland allein 6,5 Millionen Liter US-Plasma zu Medikamenten verarbeitet. Hersteller wie CSL Behring in Marburg halten diese Abhängigkeit von US-Blutplasma für gefährlich. "Es ist wichtig, dass wir die Last auf viele Länder legen", sagt Dirk Hoheisel, General Manager CSL Behring. Wenn andere Länder derzeit durch die Coronapandemie weniger Blutplasma sammeln können, sei es umso dringender, dies vermehrt in Europa zu tun.

Spenden in den USA eingebrochen

Allein an der US/Mexikanischen Grenze stehen mehr als 40 Blutspendezentren, sie gehörten jahrelang zu den produktivsten Amerikas. Die Hauptspender dort sind Mexikaner, die über die Grenze kommen, um mit der Plasmaspende Geld zu verdienen. Internationale Firmen locken hier mit Werbespots: Wer zweimal in der Woche kommt, könne bis zu 400 Dollar pro Monat verdienen. Für manchen Mexikaner ist das ein kleines Vermögen.

Interne Zahlen grenznaher Plasmazentren einer Firma zeigen, dass das Spendenaufkommen in den USA gesunken ist. Ein Blutspendezentrum in El Paso etwa verzeichnete im Frühjahr 2019 noch Rekordwerte von über 600 Spenden am Tag. Im Frühjahr 2020 waren es nur noch 71. Derartige Einbrüche sind auch für andere US-Blutspendezentren belegt, wie Zahlen zeigen, die dem NDR vorliegen.

Engpässe in ein bis zwei Jahren befürchtet

Ein Mann sitzt in einem Büro.
Transfusionsmediziner Marcel Heim betont, Europa müsse umdenken und sich selber ausreichend mit Blutplasma versorgen können. | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Noch gibt es EU-weit genug gefrorenes Blutplasma zur Herstellung von Medikamenten, wie auch Biotest im hessischen Dreieich bestätigen kann. Da der Produktionsprozess bis zu einem Jahr dauern kann, werden sich Engpässe erst später zeigen. Transfusionsmediziner wie  Professor Marcell Heim sehen jedoch mittelfristig Probleme auf Europa zukommen. "Ich glaube nicht, dass wir vor ein bis zwei Jahren wieder genügend Plasmaspenden in den USA haben", schätzt der Transfusionsmediziner Heim die Lage ein.

Blutplasmaspender in den USA bekommen mehr Geld

Wer in den USA Blutplasma spendet, bekommt bis zu 75 Euro dafür. Im Plasmacenter in Halle (Sachsen-Anhalt) erhalten Spender 25 Euro – als Aufwandsentschädigung für die bis zu eineinhalb Stunden dauernde Behandlung. Julius von Erdmannsdorff kommt jede Woche zum Spenden.  "Als Student ist das ein guter Anreiz, weil man mit 25 Euro weit kommen kann. Man ist eher motiviert, als wenn man es unbezahlt machen würde", gibt er zu.

Die meisten EU-Länder lehnen bezahlte Spenden ab

Viele Beutel mit Blutplasma
Die Selbstversorgung Europas mit Blutplasma war vor 25 Jahren erklärtes Ziel von Brüssel. Seither blieb es nur bei der Ansage. | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Doch selbst diese geringe Aufwandsentschädigung lehnen viele EU-Länder ab. Neben Deutschland erlauben nur drei weitere Länder in der EU bezahlte Spenden: Österreich, Tschechien und Ungarn.

Paul Strengers leitet in Amsterdam einen Verband von Plasmaherstellern, die sich für unbezahlte Spenden stark machen. Er erklärt die Ablehnung mit ethischen Gründen. "Die Spender sollten spenden, weil wir einander helfen wollen, nicht für Geld. Bei einer bezahlten Spende besteht immer das Risiko, dass der Spender aus finanzieller Not spenden muss, weil er das Geld zum Leben braucht", erklärt Paul Strengers von der International Plasma and Fractionation Association.

EU-Länder mit bezahlten Spenden verzeichnen größere Spendenaufkommen

Doch genau die Länder, die eine Bezahlung strikt ablehnen, haben das geringste Spendenaufkommen. In Westeuropa ist Spanien das schwächste mit acht Litern auf 1.000 Einwohner. Im Vergleich dazu haben die vier Länder, die eine Entschädigung zahlen, ein viel höheres Spendenaufkommen: Österreich hat hier die Nase vorn mit 75 Litern, Deutschland kommt auf 36 Liter. Im Durchschnitt kommt Europa auf gerade 14 Liter pro 1.000 Einwohner.  In den USA sind es etwa 113 Liter. 

Brüssel betont Notwendigkeit der Selbstversorgung in Europa – tut aber nichts

Angesichts der aktuellen Zahlen sei es an der Zeit, endlich auch in Europa umzudenken, betont Transfusionsmediziner Professor Marcel Heim. Eine Selbstversorgung Europas sei nur möglich, wenn "alle Länder in Europa für sich schon eine Selbstversorgung haben". So sei das bereits vor 25 Jahren in Brüssel formuliert worden. "Eine entschädigungsfreie Plasmaspende ist nicht effektiv durchführbar", sagt der Transfusionsmediziner.

Seit der Feststellung vor 25 Jahren hat Brüssel nichts unternommen, um hier einen Prozess voranzutreiben. Auf unsere Anfrage, welche Maßnahmen ergriffen werden, um die Selbstversorgung in der EU zu gewährleisten, haben wir keine Antwort erhalten.

Autorinnen: Christiane Cichy, Stefanie Dodt
Bearbeitung: Carmen Brehme

Stand: 05.11.2020 10:13 Uhr

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