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Ernte unter unwürdigen Arbeitsbedingungen

PlayCarnaubawachs
Ernte unter unwürdigen Arbeitsbedingungen | Video verfügbar bis 21.03.2019 | Bild: picture alliance / Arco Images GmbH / Diez, O.

– Carnaubawachs wird nicht nur in der Süßigkeitenindustrie, sondern u. a. für Schuhpflege- und Kosmetikprodukte verwendet.
– Die Carnauba-Palme wächst im Norden Brasiliens, dort wird das Wachs teilweise unter problematischen Bedingungen geerntet.
– Deutsche Firmen sehen zum Teil keinen Handlungsbedarf.
– Druck von der brasilianischen Agrarlobby: Präsident Michael Temer entschärft das Sklavereigesetz.

Es verleiht Glanz und sorgt dafür, dass Süßigkeiten nicht aneinanderkleben: Carnaubawachs. Das Naturprodukt wird aus Palmen gewonnen, die nur im Nordosten Brasiliens wachsen. Pulver aus den Blättern wird zu Platten gepresst und steckt in vielen Produkten aus unserem Alltag: Etwa in Frucht- und Kaugummi, Kosmetik,  Autowachs und Schuhpflegeprodukten.                     

Der "Haribo-Check" 2017

Bereits im vergangenen Jahr berichtete die ARD im Haribo-Check über diesen Inhaltsstoff. Denn Haribo nutzt Carnaubawachs, um Fruchtgummi zu ummanteln. Es verhindert, dass die Gummibärchen zusammenkleben – und gibt ihnen Glanz. Die Recherche führte die Reporter nach Fortaleza, in eine der ärmsten und unsichersten Gegenden Brasiliens.

Dort sahen sie prekäre Arbeitsbedingungen ohne Schutzkleidung, minderjährige Arbeiter und unerträgliche Bedingungen in den Unterkünften. "Die Arbeiter werden hier quasi wie Gegenstände behandelt – schlechter als Tiere", so damals Sergio Carvalho aus dem Arbeitsministerium.        

Nach dem "Haribo-Check"

Nach der Ausstrahlung des "Markencheck" im Oktober 2017 werden die schlimmen Arbeitsbedingungen von der Presse weltweit aufgegriffen. Haribo steht unter Druck, verspricht als Reaktion, die Arbeitsbedingungen zu überprüfen. Per Pressemitteilung kündigt man Ende November Kontrollen auf Carnauba-Farmen an.

Carnauba-Palme
Wenn die abgeschnittenen Strünke herunterfallen, könnten die Stacheln zu üblen Verletzungen führen. | Bild: WDR

Das Ergebnis der angekündigten Kontrollen, veröffentlicht von der Bild-Zeitung: Insgesamt gebe es nichts grundlegend zu bemängeln, so Haribo. Man habe nur einen minderjährigen Arbeiter entdeckt und einige Arbeiter, die nicht den Mindestlohn bekämen.   

Haribos Stellungnahme damals: "Angesichts des Ergebnisses unserer umfassenden Auditierungen erscheinen die im 'ARD-Markencheck' erhobenen Vorwürfe maßlos und monströs aufgebläht."

Wie sind die Arbeitsbedingungen heute

Bei einer erneuten Reise nach Brasilien treffen die "Plusminus"-Reporter abermals Sergio Carvalho vom Arbeitsministerium und erzählen ihm von Haribos Kontrollen. Was hält er davon, dass diese vorab in den Betrieben angekündigt wurden? Sergio Carvalho meint : "Eine Kontrolle mit Vorankündigung geht nicht. Es ist entscheidend, dass Kontrollen überraschend sind, damit nichts verändert wird, damit man die realen Arbeitsbedingungen sehen kann."           

Sergio Carvalho
Sergio Carvalho arbeitet im brasilianischen Arbeitsministerium. | Bild: WDR

Haribo erklärt dazu, man könne nur angekündigt kontrollieren. 10 Farmen habe man besucht. Zur Orientierung: In der gesamten Branche arbeiten rund 200.000 Arbeiter. Wer da genau für wen arbeitet, scheint Haribo nicht klar zu sein. "Ein Großteil der Produzenten arbeitet ohne feste Plantagen und an täglich wechselnden Standorten", so Haribo.      

Was sagen andere Firmen

Wie lässt sich sicherstellen, dass in der eigenen Lieferkette alles in Ordnung ist? Das fragen wir auch andere Firmen. Trolli antwortet nicht. Storck, Sonax und L’Oreal sagen, dass sich ihre Lieferanten an strenge soziale Standards halten müssten.

Fruchtgummi-Hersteller Hitschler teilt uns mit: "Unser Lieferant arbeitet ausschließlich mit nachweislich einwandfreien Wachsverarbeitern zusammen und wir werden die Lieferkette weiterhin kontinuierlich durch unabhängige Audits kontrollieren lassen." Zudem hielten sich die Farmen an die behördlichen Vorgaben – darauf verweist auch Storck. Sergio Carvalho vom Arbeitsministerium aber betont: "Nein, wir haben noch nie Farmen gefunden, die sich komplett an die gesetzlichen Normen gehalten haben."          

Erneuter Besuch auf der Farm

Brasilianische Arbeiter
Die Politik möchte das Sklavereigesetz entschärfen. | Bild: WDR

Bei einem erneuten Besuch auf der Carnauba-Farm sagt der Verwalter den Reportern, Kontrolleure seien nicht da gewesen. Verbessert hat sich indes nichts: Das Farmgebäude ist noch immer völlig verwahrlost. Bis Carnauba wirklich unter menschenwürdigen Bedingungen geerntet wird, ist noch viel zu tun. Alle befragten Hersteller jedenfalls sagen, sie wollen die Situation verbessern – am besten mit Hilfe der Politik.

Was tut die brasilianische Politik?

Von der Politik ist indes wenig Hilfe zu erwarten: In Brasilien gibt es starken politischen Druck, das Sklavereigesetz zu entschärfen. Die Agrarlobby stört sich an Aktionen wie der Befreiung von 21 Arbeitern aus sklavenähnlichen Zuständen auf einer Paranussfarm. Unter ihnen waren mehrere Kinderarbeiter, zum Teil erst 11 Jahre alt.

Andre Roston vom Arbeitsministerium war bis vor kurzem Leiter aller Einsätze gegen die Sklaverei in Brasilien – auf das, was sie geschafft hatten, war er stolz: "Wir haben seit 2003 insgesamt 51.000 Arbeiter befreit und dafür gesorgt, dass ausstehende Gehälter von etwa 100 Millonen Real, etwa 25 Millionen Euro, an die Arbeiter ausbezahlt wurden."  

Druck von Seiten der Landbesitzer

Doch den großen Landbesitzern ist der Kampf der Behörden gegen die Sklaverei ein Dorn im Auge. Im vergangenen Jahr können sie sich durchsetzen: Weil Präsident Michael Temer im Parlament auf die Stimmen der Landbesitzer angewiesen ist, entschärft er per Erlass den Sklaverei-Paragrafen. In Zukunft sollen unmenschliche Arbeitsbedingungen nicht mehr unter dem Gesetz verfolgt werden.         

Momentan hat das oberste brasilianische Gericht die Änderung des Gesetzes gestoppt. Doch Razzien auf den Carnauba-Feldern hat es seit dem Erlass des Präsidenten nicht mehr gegeben. 

Autor: Matthias Fuchs

Stand: 23.03.2018 10:10 Uhr

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