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Abhängig von China: Die Folgen der Rohstoffknappheit

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Abhängig von China: Die Folgen der Rohstoffknappheit  | Video verfügbar bis 10.11.2022 | Bild: SWR

  • Die Angst geht um bei den metallverarbeitenden Unternehmen: Das Magnesium wird knapp.
  • Dieses Metall, das unter anderem zur Herstellung von Aluminium für den Autobau oder die Medizintechnik gebraucht wird, kam bisher fast ausschließlich aus China.
  • Nun hat das Land einen Exportstopp erlassen – offiziell, um seine CO2-Ziele zu erreichen.
  • Damit trifft China die deutschen Industrie ins Mark. Denn ohne Magnesium stehen hierzulande die Bänder still, weil wichtige Komponenten fehlen.

Die Angst geht um bei den metallverarbeitenden Unternehmen: Das Magnesium wird knapp. Dieses Metall, das unter anderem zur Herstellung von Aluminium für den Autobau oder die Medizintechnik gebraucht wird, kam bisher fast ausschließlich aus China. Nun hat das Land einen Exportstopp erlassen – offiziell, um seine CO2-Ziele zu erreichen. Damit trifft China der deutschen Industrie ins Mark. Denn ohne Magnesium stehen hierzulande die Bänder still, weil wichtige Komponenten fehlen. Noch reichen die Vorräte wenige Wochen – was danach kommt, steht in den Sternen.

Jochen Gerlach, Firma POWER-CAST
Jochen Gerlach, Firma POWER-CAST

Stockheim in Franken. Bei der Firma POWER-CAST Zitzmann arbeiten rund 150 Menschen. Normalerweise. Denn zurzeit sind die meisten davon in Kurzarbeit. Für Geschäftsführer Jochen Gerlach ist die Lage dramatisch: "Es ist für uns eine existenzbedrohende Situation. Wir haben zwei Standorte einen hier in Stockheim, den anderen in Neukirchen in der Lausitz, wo wir 100 Prozent Magnesium verarbeiten. Wenn wir auf Dauer kein Magnesium bekommen könnten, wären die Standorte sicherlich nicht zu halten."  

Franziska Erdle, Wirtschaftsvereinigung Metalle
Franziska Erdle, Wirtschaftsvereinigung Metalle

Das Problem: Ohne Magnesium geht kaum etwas in der deutschen Industrie. Franziska Erdle, Hauptgeschäftsführerin der Wirtschaftsvereinigung Metalle, schlägt Alarm: "Magnesium ist das wichtigste Legierungsmetall für Aluminium. Das heißt, alle Branchen sind betroffen, die Aluminium einsetzen. Das ist der Automobilbau, das ist die Verpackungsindustrie. Das ist der Flugzeugbau. Das wird sich wie ein Dominoeffekt durch die gesamte Wertschöpfungskette ziehen."

Hohe Preise und leere Lager

Markus Kögel, von der Fírma Kögel Zerspanungstechnik
Markus Kögel, von der Fírma Kögel Zerspanungstechnik

Innerhalb weniger Wochen haben sich die Einkaufspreise für Magnesium-Barren verfünffacht. Und ab Dezember drohen komplett leere Lager in Deutschland. Anderes Beispiel: Die Firma Kögel Zerspanungstechnik aus Schwabsoien in Oberbayern stellt Teile aus Aluminium her – etwa für Beatmungsgeräte. Doch in der dafür benötigten Aluminium-Legierung ist ebenfalls Magnesium enthalten. Geschäftsführer Markus Kögel hofft, dass sein Aluminium-Vorrat möglichst lange reicht. Seiner Meinung nach ist das Rohstoff-Problem hausgemacht: "Man merkt, wie anfällig unser System in diesen Bereichen geworden ist, durch die Globalisierung. Wir zentralisieren alles auf einen Markt, Klar ist China da federführend, aber wir machen uns abhängig. Und das ist genau die Situation in der wir uns jetzt befinden."

Abhängig von einem Lieferanten

Das sieht auch Ulrich Grillo so. Vor Jahren schon hat er als damaliger Industriepräsident vor Rohstoffknappheit und Abhängigkeiten gewarnt. Jetzt ist es so weit. China spielt seine Marktmacht aus: "China hat heute einen Marktanteil bei Magnesium von rund 90 Prozent", so der ehemalige BDI-Präsident, "wenn sie 90 Prozent kontrollieren, haben sie uns in der Hand." 

Jetzt rächt sich die deutsche und europäische Rohstoff-Politik der vergangenen Jahre. Denn bisher kaufte man die Rohstoffe dort, wo sie am günstigsten waren. Und China hat den Weltmarkt mit Dumpingpreisen erobert.

Magnesium Made in Europe?

Bis vor 20 Jahren hat Europa noch selbst Magnesium produziert: im norwegischen Herøya Industripark. Doch das letzte europäische Magnesium-Werk musste 2002 schließen, weil es mit der Billigkonkurrenz aus Fernost nicht mehr mithalten konnte. 

Peter Buchholz, Deutsche Rohstoffagentur
Peter Buchholz, Deutsche Rohstoffagentur

Dabei wäre der Rohstoff an sich nicht knapp. Magnesium liegt quasi vor unserer Haustüre, wie wir von Peter Buchholz von der Deutschen Rohstoffagentur in Berlin erfahren: "Magnesium ist nicht knapp. Ein wichtiger Lieferant ist der Dolomit. Die halben Alpen bestehen aus Dolomit. Es gibt keine Engpässe im eigentlichen Rohstoffsektor. Das Besondere ist, dass die Herstellung von Magnesium aus diesen Gesteinen extrem energieintensiv ist. Und das ist eher im Moment das Problem, keine Rohstoffverknappung, sondern hohe Energiekosten und Energieverknappung."

Magnesium aus China – gutes Umwelt-Gewissen in Deutschland?

Prof. Eberhard Sandschneider, China-Experte
Prof. Eberhard Sandschneider, China-Experte

Die Europäer haben lange Zeit energieintensive und umweltschädliche Produktionen anderen Ländern der Welt überlassen, um ihre eigene Umwelt- und Klimabilanz zu schonen. Das rächt sich jetzt, wie Prof. Eberhard Sandschneider, China-Experte und langjähriger Lehrstuhlinhaber an der FU Berlin, beschreibt: "Solange China als Lieferant aufgetreten ist, war das natürlich relativ bequem, weil gerade das Erschließen von solchen Metallen und solchen Ressourcen zum Teil extrem umweltbelastend ist. Diese Umweltbelastung haben wir uns so lange geschenkt wie China bereit war, zu vernünftigen Preisen als Lieferant zur Verfügung zu stehen."

Magnesium und Umweltschutz: kein Gegensatz

Sverre Gotaas, Direktor des Herøya Industripark
Sverre Gotaas, Direktor des Herøya Industripark

Rohstoffsicherheit und Umweltschutz müssen sich dabei nicht ausschließen. Wir sind wieder in Norwegen. Hier haben Wissenschaftler ein Verfahren entwickelt, mit dem Magnesium umweltfreundlich hergestellt werden kann. Es wird dabei auf Kohlenstoff verzichtet, so dass kaum CO2–Emissionen anfallen. Auf dem alten Firmengelände der letzten europäischen Magnesiumfabrik wollen sie dafür ein neues Werk errichten. Aber es fehlt das Geld. "Der Produktionsprozess ist bereit", berichtet Sverre Gotaas, der Direktor des Herøya Industripark, wir hatten bereits mehrere Demonstrationen und ein Pilotprojekt. Wir wissen also, dass der Prozess funktioniert. Das Projekt scheitert also nicht an der Technologie, sondern daran, dass wir bislang keine Investoren gefunden haben. Wir sind ganz schön frustriert."

99 Prozent des CO2 könnte bei der Produktion gegenüber herkömmlichen Verfahren eingespart werden. Klar. Es wäre deutlich teurer, aber umweltfreundlich und zudem eine Möglichkeit, aus der Abhängigkeit von China zu entkommen.

(Bericht: Johannes Thürmer, Martina Schuster /BR)
(Stand: November 2021)

Stand: 11.11.2021 08:48 Uhr

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