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Corona und Überschuldung: Letzter Ausweg Privatinsolvenz?

PlayGerd Müller sucht Hilfe bei Schuldnerberaterin Sabine Prell.
Corona und Überschuldung: Letzter Ausweg Privatinsolvenz? | Video verfügbar bis 28.07.2022 | Bild: BR

  • Schon vor Corona waren rund sieben Millionen Deutsche überschuldet, also fast jeder Zehnte. Doch seit der Pandemie werden es immer mehr.
  • Viele suchen verstärkt Hilfe bei den Schuldner- und Insolvenzberatungsstellen in ganz Deutschland. Dort ist der Andrang enorm gestiegen und die Wartelisten werden immer länger.
  • Auch die verkürzte Dauer der Privatinsolvenzen von sechs auf drei Jahre tragen dazu bei, dass immer mehr Menschen einen Schuldenschnitt wagen.
  • So ist im ersten Halbjahr 2021 die Zahl der Verbraucherinsolvenzen rapide angestiegen, auf rund 46.000 Fälle – ein Plus von fast 63 Prozent gegenüber den ersten sechs Monaten des Vorjahres. 

Schulden zu haben – das gibt niemand gerne zu. Dieses Thema ist auch heute noch tabu und sehr schambesetzt. Schon vor Corona waren rund sieben Millionen Deutsche überschuldet. Doch seit der Pandemie werden es immer mehr. Zahlreiche Menschen sind in Kurzarbeit und haben am Ende des Monats weniger Geld auf dem Konto. Wer ohnehin schon zu den Geringverdienern gehört, kommt kaum mehr zurecht – und muss oftmals Schulden machen. Viele suchen inzwischen verstärkt Hilfe bei den Schuldner- und Insolvenzberatungsstellen in ganz Deutschland. Dort ist der Andrang enorm gestiegen und die Wartelisten werden immer länger.

Gesetzesänderung zum verkürzten Verfahren einer Privatinsolvenz

Ines Moers, Geschäftsführerin der Bundesarbeitsgemeinschaft Schuldnerberatung
Ines Moers, Geschäftsführerin der Bundesarbeitsgemeinschaft Schuldnerberatung | Bild: BR

Auch die Gesetzesänderung zum verkürzten Verfahren einer Privatinsolvenz von sechs auf drei Jahre trägt dazu bei, dass immer mehr Menschen einen Schuldenschnitt wagen. So ist im ersten Halbjahr 2021 die Zahl der Verbraucherinsolvenzen rapide angestiegen, auf rund 46.000 Fälle – das ist ein Plus von fast 63 Prozent gegenüber den ersten sechs Monaten des Vorjahres. "Wir rechnen auch im Laufe des Jahres weiterhin mit einem stetigen Anstieg der Privatinsolvenzen erklärt Ines Moers, Geschäftsführerin der Bundesarbeitsgemeinschaft Schuldnerberatung. Sie hat alle Hände voll zu tun, die Schuldner- und Insolvenzberatungsstellen bundesweit auf dem neuesten Stand zu halten.

Seit Corona gibt es laufend neue Bestimmungen und diese müssen die Schuldnerberater kennen, um Hilfesuchende beraten zu können. Außerdem beschäftigt Ines Moers, dass sie durch die verstärkte Nachfrage nach einer Beratung noch mehr Fachkräfte bräuchte vor Ort in den Beratungsstellen, diese aber derzeit nicht bekommt: "Wir haben einfach einen Fachkräftemangel."

Mehr Menschen kommen auf Beratungsstellen zu

Mario Schmid möchte seine Schulden abzahlen.
Mario Schmid möchte seine Schulden abzahlen.  | Bild: BR

Dennoch ist Ines Moers froh, dass inzwischen mehr Menschen auf die Beratungsstellen zukommen. Das war in der Vergangenheit nicht so. Obwohl der Bedarf für eine Beratung da wäre, trauen sich viele Menschen einfach nicht, über ihre finanzielle Situation zu sprechen. Oftmals brauchen sie zuerst ihre Ersparnisse auf bei Schulden und fragen Freunde und Verwandte, bevor sie sich an die Beratungsstellen wenden. Dabei sei das Angebot kostenlos und man müsse ja nicht immer gleich eine Privatinsolvenz anstreben – es gäbe viele Lösungsmöglichkeiten, davon ist Ines Moers überzeugt.

Seit Corona sind gerade Menschen mit einem niedrigen Lohn in großen Schwierigkeiten. Auch Bezieher von Kurzarbeitergeld haben am Ende des Monats oft weniger Geld auf dem Konto. Ratenzahlungen können nicht mehr geleistet werden, sie müssen oftmals Sozialleistungen beantragen, um überhaupt noch über die Runden zu kommen.

7,4 Millionen Bundesbürger im Niedriglohnsektor

Der Niedriglohnsektor ist in Deutschland sehr groß. 7,4 Millionen Bundesbürger arbeiten 2019 in dem Sektor. Das ist jeder fünfte. Gerade Menschen mit einem niedrigen Gehalt suchen oft Hilfe bei den Schuldnerberatern und in den Augen von Ines Moers hilft die Verkürzung der Dauer für die Insolvenz enorm, dass diese Menschen wieder eine Perspektive sehen, indem sie ihre Schuldenlast in einem geordneten Verfahren in einer realistischen Zeit abbauen können.

Bericht: Susanne Fiedler, Steffi Illinger/BR
Stand: Juli 2021

Stand: 29.07.2021 10:28 Uhr

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