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Corona-Pandemie: Ausgefallene Messen schwächen den Mittelstand

PlayKeine Messen, keine Aufträge: ein Dominoeffekt für viele Mittelständler in Deutschland.
Corona-Pandemie: Ausgefallene Messen schwächen den Mittelstand | Video verfügbar bis 23.09.2021 | Bild: BR

  • Der Corona-bedingte Lockdown und das Verbot für Großveranstaltungen hat die deutsche Messewirtschaft hart getroffen. In der Branche bleibt nichts, wie es war: Bis Ende Juli wurden 58 Prozent aller 368 für 2020 geplanten Messen in Deutschland abgesagt oder verschoben.
  • Messen sind überlebenswichtig für viele Mittelständler, die dort ihre Aufträge einholen. Ein Dominoeffekt: fehlende Messen, fehlende Auftragseingänge bei vielen Unternehmen.
  • Da schafft auch eine virtuelle Verlagerung der Messen ins Internet zumindest nur bedingt Abhilfe.

Internationales Flair, Glitzer, Prunk, Menschen dicht an dicht, Standpartys – das ist Messe anno dazumal, Messe vor Corona. Viele Monate ging gar nichts mehr, langsam erwacht die deutsche Messewirtschaft wieder aus dem Coronaschlaf, doch es ist nichts mehr wie vorher.

Messebauer Michael Lex von der Firma Rappenglitz und Aussteller Peter Kwoka fiebern auf die erste Messe in München hin, die nach den Coronaeinschränkungen wieder stattfinden darf.

Es ist die Trendset, eine Messe für Dekoration, Lifestyle und Wohnen. Seit ersten September sind in den meisten Bundesländern Messen wieder zugelassen.

Neuausrichtung wegen Corona

Peter Kwoka
Peter Kwoka | Bild: BR

Peter Kwoka, Importeur für Floristikbedarf, muss seinen Stand allerdings komplett neugestalten. Mehr Platz für die Mitarbeiter, größere Freiflächen für die Abstandsregeln. Da bleibt weniger Raum, um die Waren zu präsentieren. "Ich rechne nicht mit dem vollen Umsatz, ich rechne damit, dass wir vielleicht die Hälfte des Vorjahres machen, aber trotzdem bieten wir das volle Programm", sagt Peter Kwoka, Aussteller auf der Trendset.

Ein Zeichen setzen

Fast jeder zweite Aussteller bleibt weg, nur fünf statt der sonst acht Hallen sind belegt. Die Messeveranstalterin Tatjana Pannier will trotz Corona die Trendset unbedingt durchziehen, will ein Zeichen setzen, dass es geht. "Der Druck kam auch von Ausstellerseite, kämpft dafür, macht alles, dass wir wieder ausstellen können, dass wir wieder kommen können."

Virtuelle Messen

Andere Messen belegen gar keine Hallen, weichen aus ins Internet. Die Spielemesse Gamescom in Köln fand ausschließlich digital statt. Präsentationen und Besprechungen nur im Online-Stream. Die Internationale Funkausstellung IFA in Berlin schrumpfte extrem, vieles gab es nur virtuell zu erleben. Gut 97 Prozent der Besucher fielen weg. Ein herber Schlag. Grund: die Coronaauflagen.

Föderalismus wird zum Problem

Jörn Holtmeier
Jörn Holtmeier | Bild: BR

Die sind zum Leidwesen der Messen in allen Bundesländern unterschiedlich, zum Beispiel die erlaubte Besucherzahl pro Quadratmeter. Die Veranstalter wünschen sich mehr Einheitlichkeit. Jörn Holtmeier, Geschäftsführer des Ausstellungs- und Messe-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft e.V. AUMA sagt: "Gleiche Standards sind natürlich auch gerade für die Internationalität des Messestandortes Deutschland sehr wünschenswert, gerade mit Hinblick darauf, dass natürlich auch Ausstellerunternehmen nicht nur in einem Bundesland ausstellen, sondern in vielen verschiedenen, und je einheitlicher hier die Regeln für die Zukunft sind desto besser."

Gesamtwirtschaftliche Bedeutung der Deutschen Messewirtschaft

Denn Messen kurbeln die Wirtschaft an. Vor Corona haben pro Jahr Messegesellschaften, Aussteller und Besucher 14,5 Milliarden Euro ausgegeben. Inklusive Folgegeschäften hat das einen Produktionseffekt im Volumen von 28 Milliarden Euro und sichert 231.000 Arbeitsplätze. Etwa 18 Milliarden Davon Euro sind wegen Corona bedingt ausgefallener oder verschobener Messen bislang schon weggebrochen.

Gesamtwirtschaftliche Bedeutung der Messewirtschaft
Gesamtwirtschaftliche Bedeutung der Messewirtschaft | Bild: BR

Weihnachtsgeschäft adé

Das spürt auch Floristikimporteur Kwoka auf der Trendset in München. Die Messe wurde wegen Corona von Juli auf September verschoben. Seine Weihnachtsware kommt für die Wiederverkäufer eigentlich zu spät, dafür gibt es schon Osterideen. Peter Kwoka: "Das Kaufverhalten der Kunden ist etwas verhalten, weil natürlich die Weihnachtssaison bereits geordert ist. Es herrscht viel Unklarheit und keine Planungsfähigkeit auf Weihnachtsmärkte auf Hotellerie, auf Events, auf Firmenfeiern."

Der Umsatz mit dem Weihnachtsgeschäft fällt also weitgehend aus. Die Fachbesucher decken sich eher mit zeitlosem Blumenschmuck ein. Einkäuferin Tanja Schiemann von der Firma Tandeco meint: "Ich persönlich bin froh, dass wir kommen dürfen, für mich ist es eine wichtige Messe." Die Trendset Sommer 2020 geht zu Ende, Peter Kwoka zieht Bilanz: "Wir sind zufrieden, das kann ich grundsätzlich sagen, eine euphorische Hoffnung hatten wir nicht."

Hoffnung beim Messebauer

Michael Lex
Michael Lex | Bild: BR

Auch Geschäftsführer Michael Lex vom Messebau Rappenglitz ist von Euphorie weit entfernt. Er ist Partner der Messe München, macht dort den Standmöbelverleih, kann mit der Trendset wenigstens wieder ein klein wenig Geschäft machen. Auch in seiner Schreinerei, in der vor Corona an 6 Tagen in der Woche Messestände gebaut wurden, herrscht zumindest wieder etwas Betrieb – Desinfektionsständer für kommende Veranstaltungen. Doch von seinen 80 Leuten arbeitet gerade mal eine Handvoll, der Rest ist noch in Kurzarbeit. Michael Lex, Geschäftsführer bei Messebau Rappenglitz erwartet für Herbst weiterhin eine Flaute. "Wenn ich ehrlich bin, sind schon sehr viele Messen für den Herbst wieder abgesagt worden. Es ist erstaunlich, weil die meisten unserer Kunden gerne auf die Messen gehen würden."

Plusminus hatte Michael Lex durch die Coronakrise begleitet. Rückblick: bereits seit Ende Februar ging hier gar nichts mehr, verwaiste Hallen, der Chef alleine in der Firma, alle Messen abgesagt und das für Monate. Am 11.März 2020 klagte Michael Lex: "Wir hatten eine sehr gute Auftragslage, wir haben gar keine Arbeit mehr für meine Mitarbeiter."

Digital in die Zukunft

Produktion eines digitalen Messestands
Produktion eines digitalen Messestands | Bild: BR

Die Messebaufirma reagiert, schafft sich ein neues Geschäftsfeld. Sie programmiert Online-Ausstellungsräume. Für einen ihrer langjährigen Kunden, den französischen Elektrik-Konzern Schneider entstehen gerade innerhalb weniger Wochen völlig neue virtuelle Welten. Mit der Maus sollen sich Besucher darin bewegen und informieren können. Avatare der Konzern-Mitarbeiter präsentieren und erklären die neuen Produkte. Doch wozu der Aufwand? Der Kunde Michael Reffle, Eventmanager bei Schneider Electric, verteidigt das Vorhaben: "Generell muss man am Markt bleiben, man darf nicht verschwinden, nur weil es keine Events gibt. Die Kunden müssen sehen, dass sich auch bei uns das Rad weiterdreht, dass wir weiter im Geschäft sind."

Im Oktober soll das Projekt für eine internationale Firmenmesse online gehen, Neuland für alle. Vielleicht die Zukunft? Dazu Michael Reffle: "Ich persönlich hoffe nicht, dass es die Zukunft ist, nur noch digital abbilden zu können, es gehört bei jedem Kundengespräch immer noch der menschliche Faktor dazu, dass sich Menschen untereinander austauschen und direkt auf Fragen eingehen können. Das hier ist für mich eine Ersatzversion, wo der Kunde sich die Basics an Information holen kann aber das wird nicht ein echtes Kundengespräch ersetzen.

Haptik first

Der Floristik-Importeur Peter Kwoka hält von einer digitalen Messe gar nichts, seine Produkte soll man anfassen und spüren können. "Die Messe ist für uns ein wichtiges Standbein in der Präsentation des Unternehmens, es wäre nicht vorstellbar auf gar keine Messe mehr zu gehen und dem Kunden nicht mehr so entgegenkommen zu können."

Dazu Jörn Holtmeier, Geschäftsführer des Ausstellungs- und Messe-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft e.V. AUMA: "Ich glaube fest daran, dass es für Messen und physische Begegnungen weiterhin einen Markt gibt, und dass sich das auch am Geschäftserfolg ablesen lassen wird."

Nur wann Messen wieder richtig funktionieren, ist völlig offen, solange bangen viele Unternehmen um ihre Aufträge und ihre Existenz.

Bericht: Reinhard Weber/BR

Stand: 24.09.2020 13:48 Uhr

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