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Autodiebstahl per Funksignalklau: Über 240 Modelle betroffen

PlayEin "Keyless Go"-Schlüssel
Autodiebstahl per Funksignalklau: Über 240 Modelle betroffen | Video verfügbar bis 13.03.2020 | Bild: picture alliance / dpa / Uli Deck

  • IT Sicherheitsmängel machen den Diebstahl von Fahrzeugen zum Kinderspiel. Kriminelle Hacker greifen die Schließtechnik "Keyless Go" an. Mit dieser Technik können über eine Funkverbindung Schlösser von Auto, Motorrad oder LKW geöffnet und der Motor gestartet werden.
  • Plusminus dokumentiert einen Fall vom Diebstahl in München bis zur dramatischen Verhaftung des Täters, an der tschechisch-polnischen Grenze.
  • Der ADAC mahnt an, dass Hersteller immer mehr Fahrzeuge mit der unsicheren Technik ausstatten. Neueste Testergebnisse belegen, dass derzeit bei 245 Modellen von 35 Autoherstellern ein Einbruch ins Fahrzeug sowie Start des Motors möglich ist.  

Ein Autodieb durchbricht eine Polizeisperre. Polizisten springen zu Seite. Eine Bodycam filmt die dramatische Szene, die sich am 13. Dezember vergangenen Jahres um 11 Uhr vormittags im Osten Tschechiens abspielt. Dann fallen Schüsse. Der Dieb setzt das gestohlene Fahrzeug in den Graben, versucht zu Fuß zu entkommen.

Ein Auto mit der Keyless-Go-Technik wird geklaut.
Ein Auto mit der Keyless-Go-Technik wird geklaut. | Bild: BR

Als Tom Biederstaedt aus München morgens bemerkt, dass sein Wagen nicht vor der Türe steht, alarmiert er die Polizei und die hat eine Erklärung parat, wie sich der Diebstahl zugetragen haben könnte. Reinhold Bergmann, Kommissariatsleiter der Abteilung Organisierte Einbruchskriminalität der Polizei München erläutert: "Der Täter geht davon aus, dass viele Leute ihre Fahrzeugschlüssel im Eingangsbereich hängen haben, am Schlüsselbrett oder in der Kleidung, das Funksignal wird einfach verlängert mit einem technischen Apparat und so kann der Täter dann problemlos das Fahrzeug öffnen und damit wegfahren."

Eine moderne Schlüsseltechnik macht es den Autodieben leicht. Bei der sogenannten "Keyless Go"-Technik ist kein Knopfdruck nötig, um ein Fahrzeug zu öffnen und zu starten. Es funktioniert über Funk. Die Automafia weiß das. Sie setzt darauf, dass Autoschlüssel im Eingangsbereich aufbewahrt werden, so wie es Tom Biederstaedt macht. Spätere Ermittlungen ergeben: Die Bande hat das Funksignal abgefischt, das Auto im Nu geöffnet und gestartet.

Navi wurde entfernt

Sofort startet die Münchner Polizei die Ortung des Fahrzeugs. Reinhold Bergmann von der Polizei München erinnert sich: "Die Täter haben das Navi rausgerissen und weggeworfen. Meistens gehen diese Gruppierungen so vor, damit wir sie nicht aufspüren können."

Lagezentrum der Polizei Hradec Kralové
Lagezentrum der Polizei Hradec Kralové | Bild: BR

Keinen Kilometer von Tom Biederstaedts Wohnort entfernt findet die Polizei das Navi. Doch Tom Biederstaedt hat eine Idee: "Ich benutze einen elektronischen Fahrtenbuchschreiber für die Steuer, einen Tracker. Da habe ich mir gedacht, schnell die Firma anrufen, die den Tracker baut und die Software geschrieben hat und mein elektronisches Fahrtenbuch sozusagen betreut. Vielleicht können die das Auto orten."

Wie die Ortung doch noch gelang

Er bittet eine entsprechende Freischaltung auf dem Gerät durchzuführen, um für die Polizei die Live-Verfolgung des Trackers zu ermöglichen.

Dort ist man sofort entschlossen zu helfen und den Tracker von der Ferne aus anzupeilen. Gueven Oektem von der Firma Fleetize: "Hierzu musste unserer Techniker eine neue Software aufspielen, einige Befehle an das Gerät senden und die enthaltene SIM-Karte freischalten. Durch das Freischalten des Trackers war die Polizei in der Lage, nicht nur Live-Fahrzeugdaten mit einer Geschwindigkeit von bis zu einer Sekunde mit zu verfolgen, sondern auch wo sich das Fahrzeug davor befunden hat. Genau genommen sah die Polizei eine Google Map mit einem pulsierenden, grünen Punkt und einer gezeichneten Fahrtroute. So konnte die Polizei beurteilen, ob das Fahrzeug steht, sich bewegt und falls ja, wie schnell es sich fortbewegt. Im Grunde können Sie sich das wie in einem Hollywood-Streifen vorstellen, in welchem ein Satellit aus dem Weltall Live-Bilder einer Verfolgungsjagd sendet."

Ivana Jezkova von der Polizei Hradec Kralové in Tschechien
Ivana Jezkova von der Polizei Hradec Kralové in Tschechien | Bild: BR

Über das gemeinsame Zentrum der bayerischen Polizei und der tschechischen Polizei in Schwandorf und über Europol landen alle Informationen bei der Polizei im Osten Tschechiens, im Lagezentrum der Stadt Hradec Kralové. Man startet einen Polizeieinsatz. Dass man einen Täter auf frischer Tat erwischen könnte, weil man genaue Ortsangaben hat, das passiere selten, weiß Ivana Jezkova aus Erfahrung: "Das war eine tolle Zusammenarbeit mit den deutschen Kollegen! Am häufigsten passieren gestohlene Fahrzeuge aus Österreich und Deutschland unser Land. Ihr Ziel ist Polen. Hier hatten wir eine Chance, den Täter dingfest zu machen. Wir mussten schnell handeln."

Die Beamten sagen: Ist das Auto erst einmal in Polen, wird es ausgeschlachtet: Die kriminelle Verwertungskette reicht von Osteuropa bis in die arabische Welt, berichtet Reinhold Bergmann von der Polizei München. Es ist ein gigantisches Geschäft.

Testergebnisse: 245 Modelle von 35 Herstellern betroffen

Der ADAC mahnt an, dass Hersteller immer mehr Fahrzeuge mit der unsicheren Technik ausstatten. Neueste Testergebnisse (Stand 22. Februar 2019) belegen, dass derzeit bei 245 Modellen von 35 Autoherstellern ein Einbruch ins Fahrzeug sowie der Start des Motors durch Dritte möglich ist.

Dass einige Fahrzeuge nun teilweise mit "Keyless Go"-Schlüsseln auf den Markt kommen, bei denen das Funksignal vom Halter daheim unterbrochen werden kann, halten IT-Sicherheitsexperten für wenig hilfreich. Es sei nur eine Frage der Zeit, bis die Auto-Hacker auch dieses System knacken. "Zur Zeit können wir das Keyless-System nicht empfehlen. Denn was bringt’s denn, wenn ich ein Auto hab, wo ich dann jeden Abend Angst haben muss, dass mir in der Früh das Fahrzeug fehlt", sagt Melanie Mikulla, Sprecherin des ADAC.

Das sagt der Verband der Automobilhersteller

Konfrontiert mit diesen desaströsen Testergebnissen schreibt der Verband der Automobilhersteller VDA an Plusminus: "Erkenntnisse über neueste Angriffs- und Diebstahlmethoden werden rasch und umfassend ausgetauscht und fließen direkt in die weitere technische Optimierung der Fahrzeuge und in die Prävention ein."

420 Millionen Euro betragen die Versicherungsschäden wegen Kfz-Diebstahls in Deutschland 2017. Wie viel davon auf "Keyless Go"-Fahrzeuge entfällt, die Autoversicherer sagen, das wüssten sie nicht.

Für IT-Spezialist Sandro Gaycken steckt ein einfaches Rechenspiel dahinter: "Das scheint bis jetzt weder der Automobil- noch der Versicherungsindustrie so weh zu tun, dass man das Feature wieder abschaffen möchte. Man hat sicherlich die Kosten dafür eingepreist, wie das immer so ist (...), und das zahlt dann letzten Endes der Kunde."

Polizei schnappt Täter

Gestohlenes Fahrzeug an der tschechisch-polnischen Grenze
Gestohlenes Fahrzeug an der tschechisch-polnischen Grenze | Bild: BR

Dieses Mal entkommt der Täter nicht. Der elektronischen Fahrtenbuchfreischaltung und der schnellen und reibungslosen grenzüberschreitenden Zusammenarbeit der Polizei in München und in Hradec Kralové sei Dank. Wie die späteren Ermittlungen ergeben, stehen die Täter unter massivem Einfluss von Drogen. Eine gängige Masche der Automafia, die die Autodiebe aufputscht und zu skrupellosem Fahren anregt.

Den Wagen, so wird der Dieb später aussagen, habe er nicht geklaut, sondern nur überführen sollen. Der Kampf der Polizei gegen die Automafia: eine Sisyphusarbeit.

Tom Biederstaedt bekommt sein Geld von der Versicherung zurück, sprich die Versichertengemeinschaft zahlt. Dass er seinen Autoschlüssel nachrüsten kann, mit einem extra Knopf, der den Funk ein und ausschaltet, hält er für absurd: "Dann kann ich mir das 'Keyless Go' ja gleich sparen."

Bericht: Sabina Wolf

Stand: 14.03.2019 10:42 Uhr

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