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Die Ernte-Mafia: Brutale Ausbeutung im Obst- und Gemüsegeschäft

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Die Ernte-Mafia: Brutale Ausbeutung im Obst- und Gemüsegeschäft | Bild: BR

  • "Plusminus" deckt auf, wie kriminelle Banden zehntausende Migranten und Flüchtlinge für die Ernte in Italien rekrutieren und gemeinsam mit Landwirten ausbeuten.
  • Viele Feldarbeiter bekommen nur so wenig Lohn, dass sie sich keine Wohnung und kaum etwas zu Essen leisten können.
  • Neben der Mafia seien die Supermarktketten schuld, behaupten die Landwirte. Die großen Handelsfirmen würden die Preise für Obst und Gemüse immer weiter drücken.

Italien ist ein großer Player im internationalen Obst- und Gemüsegeschäft. Vor allem aus Kalabrien und von der Insel Sizilien kommen massenhaft Früchte in den deutschen Handel. Die Ware ist in allen großen Supermarktketten und Discountern zu finden – oft zu Spottpreisen.

Wer in die italienischen Anbaugebiete reist, stößt schnell auf die Menschen, die unser Obst und Gemüse anbauen und ernten. Meist Flüchtlinge und Migranten aus Afrika. Sie stehen an den Straßen, sogenannte Arbeiterstriche, und warten bis sie für die Arbeit auf den Feldern und in den Gewächshäusern eingesammelt werden.

System der Angst und Ausbeutung

Obst- und Gemüseplantagen in Kalabrien
Obst- und Gemüseplantagen in Kalabrien | Bild: BR

Nach monatelangen Recherchen deckt "Plusminus" ein schockierendes System der Angst und Ausbeutung auf. Flüchtlingshelfer, Gewerkschaften und italienische Journalisten berichten von sklavenähnlichen Zuständen. Die meisten Erntehelfer bekommen viel zu wenig Lohn. Oft müssen sie Akkordarbeit leisten, bekommen nur 50 Cent bis einen Euro pro Kiste gepflückter Orangen oder Mandarinen. Nur starke Arbeiter kommen auf 25 Euro am Tag. Laut Tarifvertrag müssten sie aber mindestens 50 Euro verdienen.

Elendsorte mitten in Europa

Dazu kommen Schikane und Gewalt. Viele Flüchtlinge macht die Arbeit auf den Feldern krank. Doch dagegen wehren können sie sich nicht. Die Mehrzahl der Erntehelfer ist illegal im Land, ohne Papiere wie Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis. Oft haben sie so wenig Geld, dass sie sich nicht einmal etwas zu Essen oder eine Wohnung leisten können. Viele leben in illegalen Zeltstädten und schlafen in Zelten und Baracken, die sie aus Müll gebaut haben. Manche finden in leerstehenden Fabrikhallen oder in verlassenen, baufälligen Bauernhöfen ein Dach über den Kopf. Ohne Strom, ohne fließendes Wasser, ohne festen Boden. "Das hat nichts mit Menschlichkeit zu tun", sagt Alikali, ein Flüchtling und Erntehelfer aus Gambia. Es sind Elendsorte mitten im reichen Europa.

Mafia verdient an der Ausbeutung

Die Ausbeutung der Feldarbeiter ist in Italien noch schlimmer als beispielsweise in Spanien, wo "Plusminus" ebenfalls verheerende Zustände in der Landwirtschaft aufgedeckt hat. Der Grund: die Mafia. Der Clan 'Ndrangheta hat seine Wurzeln in der italienischen Landwirtschaft. Zahlreiche Mafiosi verdienen an der Ausbeutung der Flüchtlinge mit, zum Beispiel durch ein kriminelles Netz an Arbeitsvermitteln, die für die Landwirte Flüchtlinge für die Arbeit auf den Feldern und in den Gewächshäusern anwerben und den Erntehelfern dafür einen Teil vom ohnehin geringen Lohn abknöpfen.

Polizeirazzia auf Feldern
Polizeirazzia auf Feldern | Bild: BR

Von diesen sogenannten Caporali gibt es viele. Nicht alle gehören zur Mafia, manche machen auch auf eigene Faust Kasse mit dem Leid der Flüchtlinge. Die Polizei ist den Banden seit Jahren auf der Spur. Immer wieder kommt es zu Festnahmen von Caporali, Landwirten und Mafiabossen. Doch die 'Ndrangheta ist in den Anbaugebieten weit verbreitet und findet immer wieder neue Wege im Obst- und Gemüsegeschäft mitzumischen. So verdient sie in vielen Fällen auch am Plastik für die Gewächshäuser oder an den Verpackungsmaterialien für die Obst- und Gemüsekisten mit, bestätigen Polizei und Staatsanwälte.

Politik und Kontrollbehörden überfordert

Flüchtlinge bei der Feldarbeit
Flüchtlinge bei der Feldarbeit | Bild: BR

Die italienische Politik ist bisher nicht in der Lage, die Ausbeutung zu stoppen. Die Gründe sind vielfältig: Ungeklärte Zuständigkeiten zwischen den Behörden in den Kommunen, in den Regionen und der Regierung in Rom, überforderte Kontrolleure sowie Mafiaverbindungen in die Politik. Die italienischen Landwirte schieben die Schuld an der Ausbeutung der Erntehelfer vor allem den Handelsketten zu.

Insbesondere deutsche Supermärkte und Discounter drücken extrem die Preise, berichten viele Obst- und Gemüsebauern. Von Dumpingpreisen und Knebelverträgen ist die Rede, sie fühlen sich erpresst. Ein Landwirt in Kalabrien berichtet beispielsweise, dass er für ein Kilo Klementinen nur 20 bis 25 Cent erhalten hat. Er musste den Anbau einstellen, weil er statt etwas zu verdienen, draufzahlen musste, um seine Kosten zu decken.

Deutsche Supermärkte blocken ab

Fakt ist: Die Ware aus den Ausbeuterbetrieben, an der in vielen Fällen auch die Mafia verdient, landet in deutschen Geschäften. Die großen Supermarktketten wie Rewe, Edeka, Lidl weisen allerdings eine Verantwortung von sich. Auf Anfrage distanzieren sie sich von Arbeitsrechtsverletzungen und berufen sich auf das Zertifikat GlobalG.A.P. Die Anbaubetriebe würden danach vor Ort auf Missstände kontrolliert. Das Zertifikat GlobalG.A.P steht jedoch in der Kritik, da bereits in der Vergangenheit in zertifizierten Betrieben Probleme dokumentiert wurden. Es handelt sich zudem um ein Label, das die Handelsbranche selbst finanziert.

Bericht: Jan Zimmermann, Vanessa Lünenschloß

Stand: 11.10.2018 09:44 Uhr

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