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Friseure am Limit: Schwarzarbeit steigt

PlayFür einen Haarschnitt sind Kundinnen und Kunden bereit, viel Geld zu bezahlen.
Friseure am Limit: Schwarzarbeit steigt | Video verfügbar bis 10.02.2022 | Bild: picture alliance / Eibner-Pressefoto / Fleig

  • Noch kaum wurden staatliche Hilfen angekommen.
  • Die Schwarzarbeit ist 2020 auf fast 340 Milliarden Euro angestiegen – der höchste Wert seit 20 Jahren.
  • Wirtschafts-Expertesagen, die Zunahme der Schattenwirtschaft ist hauptsächlich auf den Lockdown zurückzuführen.

In den sozialen Medien haben sich längst illegale Gruppen gegründet: "Falls jemand aus Berlin sucht", steht da ganz offen und: "Bin Friseurin aus München". Der Druck ist groß – auch bei den Kunden. Die Corona-Mähne nervt. Von Magdeburg bis Marktredwitz.

100 Euro für einen Herrenhaarschnitt  

Angie Filler-Würstle
Angie Filler-Würstle | Bild: BR

Angie Filler-Würstle führt einen von rund 80.000 Friseurbetrieben in Deutschland. Auch ihr Laden ist seit dem 16. Dezember geschlossen. Seit Wochen kommt sie nur noch zum Staub wischen in den Salon – dabei könnte sie gerade jetzt viel Geld verdienen. Ein Haarschnitt ist mittlerweile ein wertvolles Schwarzmarkt-Gut: "Mir sind jetzt schon bis zu 100 Euro für einen Herrenhaarschnitt angeboten worden, über Ecken. Also, das war sehr spannend, das wahrzunehmen. Und dann entsteht halt schon so ein kleiner Gewissenskonflikt in einem. Was tut man?"

Ein anderes Beispiel: Friseurin Luisa sichert die Nachfrage auf dem Schwarzmarkt gerade das Überleben. Sie besucht die Kunden während des Lockdowns zuhause. Ihre Versuche, irgendwo legal Geld zu verdienen, waren zuvor gescheitert: "Die Chance ist wahnsinnig gering, jetzt im Moment einen Aushilfsjob zu finden. An einer Tankstelle habe ich schon konkret angefragt, aber auch da... Die sind voll, die haben ihre Leute und mehr können sie auch nicht bezahlen."

Ohne Schwarzarbeit kein Essen

Bei Strafen bis zu 25.000 Euro fährt die Angst immer mit, erklärt sie uns. Aber einen anderen Ausweg sieht sie nicht, denn staatliche Hilfe hat sie bislang nicht bekommen. Dazu Luisa: "Wenn ich es nicht machen würde, dann wüsste ich nicht, wie ich mir Essen kaufen könnte, tatsächlich. Man wird als ehrlich arbeitender Mensch dazu gezwungen, in Anführungszeichen kriminell zu werden, obwohl man eigentlich nur ums Überleben kämpft. Ich war immer ehrlich, habe immer fleißig gearbeitet, war nie arbeitslos. Und dass man jetzt in so eine Sparte rutscht, ist schon erschreckend und traurig."

Die Schwarzarbeit im Friseurhandwerk boomt.
Die Schwarzarbeit im Friseurhandwerk boomt. | Bild: BR

Wie viele Friseure gerade – so wie Luisa – illegal arbeiten, ist nicht bekannt, denn auch für Zollfahnder ist die aktuelle Situation ungewohnt. Thomas Meister vom Hauptzollamt München erklärt: "Das ist für uns natürlich auch ein neues Feld, ein schwieriges Feld, weil wir im Verdachtsfall in Privatwohnungen reingehen müssten. Hier gilt aber ganz klar die Unverletzbarkeit der Wohnung, das heißt, wir dürfen als Behörde nicht einfach in die Wohnung reingehen, sondern wir bräuchten zur Not einen Durchsuchungsbeschluss."

Mehr Strafverfahren

Fakt ist: Die Schwarzarbeit im Friseurhandwerk boomt. 2019 wurden bundesweit gut 2.300 Kontrollen durchgeführt. Ergebnis: 764 Strafverfahren. 2020 hat sich – trotz geringerer Kontrolldichte – die Zahl der Strafverfahren auf 866 erhöht.

rProf. Friedrich Schneider
Prof. Friedrich Schneider | Bild: BR

Prof. Friedrich Schneider aus Linz in Österreich ist einer der führenden Experten für Schattenwirtschaft. Für das Institut für angewandte Wirtschaftsforschung in Tübingen hat er ermittelt: 2020 wurden in Deutschland fast 340 Milliarden Euro schwarz erwirtschaftet. Der stärkste Anstieg seit 20 Jahren.

Dazu Prof. Friedrich Schneider: "Die Zunahme der Schwarzarbeit im letzten und in diesem Jahr ist im Wesentlichen auf den Lockdown zurückzuführen. Viele Geschäfte waren zugesperrt und konnten keinerlei Geschäft machen. Daher haben die Leute verstärkt schwarzgearbeitet. Ob die Friseuse, die Putzfrau oder andere. Die Leute können offiziell nicht arbeiten, also werden sie entsprechend versuchen, durch Schwarzarbeit den Einkommensverlust auszugleichen."

Ersparnisse gehen zu Ende

Auch Angie Filler-Würstle leidet immer stärker unter den Lockdown-Folgen. Bei Bedarf mischt sie Haarfarbe an, die sie an ihre Kunden schickt. Viel Geld lässt sich damit aber nicht verdienen. Ihre finanzielle Lage verschlechtert sich von Tag zu Tag: "Also momentan helfen noch die Ersparnisse, die langsam zu Ende gehen. Mit denen muss ich das Geschäft, das Unternehmen und mich privat finanzieren. Dadurch, dass die staatlichen Hilfen überhaupt noch nicht angekommen sind und ich noch warte, geht das wirklich an die Substanz."

Kein Umsatz, noch immer keine staatliche Unterstützung und ein leerer Terminkalender. Sie versucht jetzt, irgendwie bis zum 1. März zu überleben, bis die Friseurläden wieder öffnen dürfen.

Bericht: Lisa Wurscher/BR
Stand: Februar 2021

Stand: 10.02.2021 22:59 Uhr

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