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Rechenspiele in Statistiken

PlayEin Taschenrechner liegt auf Geldscheinen und Münzen.
Wie Statistiker Preissteigerungen schönrechnen | Video verfügbar bis 24.03.2022 | Bild: IMAGO / Schöning

• Bei der Inflationsrate werden nicht nur die Preisentwicklungen in der Summe betrachtet.
• Bei technischen Konsumgütern spielt auch das Merkmal der Qualitätsentwicklung eine Rolle.
• So wird der Faktor "technischer Fortschritt" seit 20 Jahren bei der hedonischen Rechenformel berücksichtigt.
• "Der Wert dieser zusätzlichen Funktionalitäten wird dann bei der Preisberechnung in der Statistik abgezogen" erklärt Wirtschaftsforscher Hartmut Walz.
• Und das kostet dann Prozentpunkte bei der allgemeinen Inflationsrate.

Vieles ist seit Jahresbeginn teurer. Die Mehrwertsteuer-Ermäßigung fiel weg, Benzin wurde wegen der CO2-Abgabe teurer, Obst und Gemüse durch Lieferengpässe. Im Alltag steigen die Preise ohnehin schon seit Jahren stärker, als die Inflationsrate zeigt. Wir erklären, wie Statistiken schöngerechnet werden können.

Zwei VW-Golf fahren nebeneinander.
Im Preisvergleich: ein VW Golf von 1976 (rechts im Bild) und einer aus diesem Jahr. | Bild: MDR

Beispiel: Preissteigerung bei Autos

Wer heute einen nagelneuen VW Golf kaufen möchte, muss für eine Basisausführung derzeit über 20.000 Euro hinblättern. 1974 war die Markteinführung des Erstmodells, welches in der billigsten Variante für umgerechnet knapp 4.100 Euro zu haben war.

Das ergibt eine Preissteigerung um mehr als 400 Prozent. Doch laut offizieller Inflationsberechnung sind Autos in dieser Zeit nur um 182 Prozent teurer geworden. Der Grund liegt in einer speziellen Berechnungsweise der Inflationsrate, die eben nicht nur bei Autos zum Tragen kommt.

Ein Mann steht zwischen Häuserblöcken in einem Wohngebiet.
Familienvater Andreas Scholz hat alte Rechnungen gesammelt, die die Preissteigerungen im Alltag belegen. | Bild: MDR

Beispiel: Inflationsrate bei Lebensmitteln

Seit zehn Jahren steigen die Preise offiziell in Deutschland um kaum mehr als ein Prozent pro Jahr. Familie Scholz aus Dresden erlebt das täglich anders. "Das kann nicht stimmen, das wird mehr sein. Gerade bei Lebensmitteln ist das spürbar", sagt Familienvater Andreas Scholz.

Auf die letzten zehn Jahre berechnet liegt die Inflation nach offiziellen Angaben bei 11,1 Prozent. Doch Lebensmittel sind gleichzeitig – auch ganz offiziell – um 19,7 Prozent teurer geworden, also fast doppelt so viel.

"Technischer Fortschritt" kostet Prozentpunkte

Strom, Kleidung, Friseur: Die Preissteigerungen betreffen gefühlt so ziemlich jeden Bereich des täglichen Lebens. Allerdings gibt es auch Dinge, die man nicht regelmäßig kauft – und einiges davon ist laut offiziellen Angaben billiger geworden. Dazu zählen Fernseher, Computer oder andere technische Dinge. Und da spielt technischer Fortschritt eine große Rolle: Für diesen gibt es seit gut 20 Jahren eine spezielle Rechenmethode, die hedonische Preisberechnung. Hier werden qualitative Veränderungen bei Produkten berücksichtigt, die Verbraucher konsumieren.

Ein Mann steht in einem Hörsaal.
Wirtschaftsforscher Hartmut Walz erklärt das hedonische Rechenprinzip an Handys. | Bild: MDR

Prof. Hartmut Walz von der Hochschule für Wirtschaft und Gesellschaft in Ludwigshafen erklärt das am Beispiel von Handys: "Die neue Generation hat eine bessere Kamera, einen größeren Arbeitsspeicher, hat zusätzliche Funktionalitäten. Der Wert dieser zusätzlichen Funktionalitäten wird dann bei der Preisberechnung in der Statistik abgezogen."

Die hedonische Preisberechnung am Beispiel Handy

2011 konnte man ein I-Phone erstmals ohne Handyvertrag kaufen. Das war das Zeitalter des I-Phone 4. 699 Euro kostete es – und war gerade das absolute High-End-Smartphone.            

Laut statistischem Bundesamt sind Smartphones – hedonisch berechnet – seitdem um 48 Prozent billiger geworden. Man müsste ein neues I-Phone also heute statt für 699 für nur noch 353 Euro bekommen. Doch die neuen Modelle sind viel teurer als früher. Sie sind technisch natürlich besser, aber mit alter Software und Technik wären sie heute auch kaum noch nutzbar.

Ein Taschenrechner liegt auf Geldscheinen und Münzen.
Bei der Inflationsrate spielt der Rechenfaktor "technischer Fortschritt" auch eine Rolle. | Bild: IMAGO / Schöning

Das ist dem Statistischen Bundesamt bewusst, aber man dürfe Qualitätsveränderungen nicht einfach ignorieren. Auf Nachfrage erklärt uns die Behörde: "Bei der Berechnung der Inflationsrate ist der gesetzliche Auftrag, die Preisänderung unabhängig von der Änderung der Qualität zu messen. Und dabei achten wir genau darauf, dass wir nicht Äpfel mit Birnen vergleichen. Insgesamt auf die Inflationsrate betrachtet ist der Einfluss von diesen technischen Produkten aber gering. Der Anteil am Warenkorb beträgt nur etwa sechs Prozent." Übersetzt heißt das: Die offizielle Inflationsrate wird dadurch nur etwas kleiner.

Was heißt das jetzt nochmal genau für die Preissteigerung bei Autos?

Der VW Golf kostete 1974 nicht mal 4.100 Euro. Laut hedonischer Berechnung müsste er heute für rund 11.500 Euro zu haben sein. Doch er kostet fast doppelt so viel. Die bessere Technik hat hier positive und negative Konsequenzen.

"Die Autos sind viel sicherer geworden und wir haben grob noch ein Fünftel der tödlichen Unfälle, die wir vor 30 Jahren hatten", erklärt Wirtschaftsforscher Walz. "Allerdings kann es für Menschen, deren Einkommen nur mit der Inflationsrate steigt, eng werden, weil sie diese Qualitätsverbesserung dann nicht mehr bezahlen können."

Natürlich muss man sagen: Ein moderner Golf ist größer, hat mehr Platz im Kofferraum, mehr PS, elektrische Fensterheber, Airbag, ABS, etc. Aber Autos ohne solche Extras gibt es heute gar nicht mehr und auch kaum Modelle zu dem laut Inflationsberechnung heutigen Preis. Also wird man weiter im Lauf der Jahre mehr Abstriche machen, als die Inflationsrate glauben lässt.

Autor: Michael Houben
Bearbeitung: Carmen Brehme

Stand: 25.03.2021 10:37 Uhr

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