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Elektromobilität: Wirklich die automobile Zukunft?

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E-Mobilität: Wirklich die automobile Zukunft? | Video verfügbar bis 16.01.2020 | Bild: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

– Autohersteller setzen immer stärker auf rein batteriebetriebene Autos.
– Diesen Fahrzeugen bescheinigen Experten aber nicht die beste Ökobilanz.
– Alternativen wie Hybridantriebe schneiden da besser ab.

Symbolbild Elektromobilität
Ist die Zukunft der Mobilität elektrisch? | Bild: Imago/Peter Endig

Auch wenn das Auto von Jan W. elektrisch klingt, fährt er nicht ausschließlich mit Strom. Sein Auto ist vielmehr ein Hybrid-Fahrzeug. Hier wird der Akku des Elektroantriebes bei Bedarf vom Benzinmotor aufgeladen. Jan W. lebt mitten in der Stadt, in einer Etagenwohnung. Mit einem E-Mobil wäre er auf öffentliche Ladestationen angewiesen: "Rein elektrisch wäre für mich in der Stadt in Berlin unpraktikabel. Es wäre mir auf gut Deutsch ein Graus, weil die Ladeinfrastruktur das nicht hergibt." Darum ist der Hybridantrieb für ihn der perfekte Kompromiss.

Bessere Ökobilanz

Schriftzug "Hybrid"
Hybridfahrzeuge haben eine bessere Ökobilanz als reine Elektromobile. | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Axel Friedrich war jahrzehntelang Chef der Verkehrsabteilung im Umweltbundesamt. Jetzt ermittelt er für das Emissions-Kontroll-Institut (EKI) der Deutschen Umwelthilfe Luftschadstoffe. Die Fixierung auf E-Mobile hält er für falsch: "Wir brauchen niedrige CO2-Emissionen, also niedrigen Verbrauch. Und gute Hybridfahrzeuge haben eben einen niedrigen Verbrauch, viel niedriger als die konventionellen Fahrzeuge. Und auch sie haben keinen großen Rucksack für die Batterien, die heute noch mit Kohlestrom hergestellt werden."

Deutsche Hersteller wie Audi werben gerade massiv für Elektro-Antriebe. Tonnenschwere Elektro-SUV sollen in heiler Natur umweltfreundlich wirken. Doch die Batterieherstellung ist energie- und rohstoffintensiv. Obwohl der Anteil an Öko-Energie zunimmt, stammt immer noch ein Großteil des benötigten Stroms aus Kohlekraftwerken. Für Umwelt und Klima ist das nicht wirklich ein Fortschritt.

In China gefragt, hier kaum

Michael Ebenhoch von der ZF AG
Michael Ebenhoch wünscht sich mehr Chancen für Hybrid-Antriebe. | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Einer der größten deutschen Automobilzulieferer, die ZF AG, produziert auch Hybrid-Antriebe. Dieses Konzept spielt in der deutschen Diskussion kaum noch eine Rolle, während die Nachfrage aus China nach der Kombination von Elektro- und Verbrennungsantrieb zunimmt. Darum wünscht man sich, dass der Hybrid nicht als zweitklassige Übergangslösung gesehen, sondern aktiv gefördert und weiterentwickelt wird, wie Michael Ebenhoch, Antriebsspezialist bei ZF erklärt: "Wir brauchen eine Versachlichung der Diskussion, eine technologieoffene Diskussion, um am Ende Lösungen im Antriebsstrang zu finden, die bezüglich der CO2-Emission sowohl bei der Produktion, im Betrieb des Fahrzeuges und beim Recycling die optimale Lösung darstellen."

Bei Taxifahrern beliebt

Toyota Prius als Taxi
Bei Berliner Taxifahrern ist Toyotas Hybridmodell Prius beliebt.  | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Welches Potenzial im Hybridantrieb steckt, haben Berliner Taxifahrer entdeckt. Statt einen Diesel mit Stern fahren sie immer häufiger Hybrid-Modelle von Toyota. Obwohl der Prius nicht an der Steckdose aufgeladen werden muss, ist der Benzinhybrid sparsamer als alle Diesel und bietet darüber hinaus auch noch mehr Platz. Das neueste Modell verbraucht kaum noch vier Liter auf hundert Kilometer.

Von Japanern überholt

Warum nutzen deutsche Hersteller diese Technik, die sparsam, umweltfreundlich und alltagstauglicher als Elektrofahrzeuge ist, nur in teuren Oberklassemodellen? Wie kommt es, dass japanische Hersteller in allen Fahrzeugklassen zeigen, wie es geht? Für Michael Ebenhoch wäre es kein Problem, es anders zu machen: "Ich denke technologisch sind wir auf Augenhöhe, aber der Marktzutritt der japanischen Kollegen war deutlich besser als von europäischen Wettbewerbern. Ich denke, die nächste Generation der Hybridfahrzeuge wird zeigen, dass wir eine enorme Aufhol-Rally haben werden."

Hybrid statt rein elektrisch

Hybrid-Bus in Stuttgart
Hybrid-Bus in Stuttgart | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

In Stuttgart herrscht inzwischen Fahrverbot für ältere Diesel. Elektroautos sieht man trotzdem kaum, auch keine Elektrobusse, obwohl fast alle deutschen Großstädte beschlossen haben, so schnell wie möglich nur noch Elektro-Busse anzuschaffen. Stuttgart dagegen setzt auf Hybrid. Vom reinen Elektroantrieb will man hier nichts wissen, erklärt Markus Wiedemann von der Stuttgarter Straßenbahnen AG: "Die rein batteriebetriebenen Busse haben enorme Nachteile im aktuellen Zustand. Wir brauchen mehr Fahrer und Fahrzeuge, um die Busse zu laden und dazu wieder ins Depot zu fahren. Wir brauchen einen enorm hohen Stromanschluss hier auch bei Katastrophenfällen, bei Stromausfällen. All diese Punkte sprechen aktuell nicht für den Einsatz eines rein batteriebetriebenen Busses"

Nicht jeder Diesel ist schmutzig

Markus Wiedemann von der Stuttgarter Straßenbahnen AG
Markus Wiedemann kennt die Nachteile rein batteriebetriebener Fahrzeugflotten. | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

So werden trotz Diesel-Skandal sogar noch neue Diesel-Busse angeschafft. Ausgerüstet nach der neuesten Nutzfahrzeug-Abgasnorm Euro 6 produzieren sie weniger Stickoxid als die meisten Diesel-Pkw. Denn was beim Diesel-Skandal schlicht vergessen wurde: Es ist durchaus möglich, saubere Diesel zu bauen. Die Hersteller hatten nur am falschen Ende gespart und so den Ruf des Diesels ruiniert.

"Entscheidend ist, was hinten rauskommt."

Axel Friedrich vom Emissions-Kontroll-Institut (EKI) der Deutschen Umwelthilfe
Axel Friedrich: "Entscheidend ist, was hinten rauskommt." | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Axel Friedrich gilt wegen seiner Messungen für die deutsche Umwelthilfe als "Dieselkiller". Doch selbst er hält die Fixierung auf Elektroantrieb und die Verteufelung des Diesels für falsch: "Mir ist egal, wie die Fahrzeuge angetrieben werden: ob mit Gas, mit Benzin oder Diesel. Entscheidend ist, was hinten rauskommt. Und wir können auch Diesel sauber machen. Dann entscheidet die Klimagas-Emission ob das Fahrzeug gut oder schlecht ist."

Brennstoffzelle und O-Bus als Alternative?

Werbung an einem Bus mit Brennstoffzelle
Bei Brennstoffzellen ist die Herstellung des benötigten Wasserstoffs energieintensiv.  | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

So setzt Stuttgart weiter auf sparsame Diesel- und Hybrid-Fahrzeuge. Für reinen Elektrobetrieb müssten auf dem Betriebshof jede Nacht über hundert Ladestationen die Busse nachladen – mit dem Stromverbrauch einer Kleinstadt. Außerdem setzen die Stuttgarter Verkehrsbetriebe langfristig noch auf eine andere Technologie, die in der politischen Diskussion fast in Vergessenheit geraten ist: Brennstoffzellen, die den Strom für Elektroantrieb während der Fahrt aus Wasserstoff erzeugen. Als Abgas entsteht reiner Wasserdampf. Eine Technik, die in Bussen bereits erfolgreich eingesetzt wird, aber nicht ganz unumstritten ist, wie Axel Friedrich erklärt: "Ich muss Wasserstoff herstellen aus anderen Energien. Dabei verliere ich Energie. Und wir haben heute auch nicht genügend erneuerbare Energie zur Verfügung. Das heißt, das ist zur Zeit keine Lösung. Wir brauchen eine effiziente Nutzung der Energie – und das geht nach heutigem Stand nur mit Oberleitungsbussen, die mit kleinen Batterien unterstützt werden."

Oberleitungsbus
Auch Oberleitungsbusse sind eine umweltfreundliche Alternative. | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Diese Alternative zum akkubetriebenen Elektroantrieb ist in Eberswalde schon seit 80 Jahren im Einsatz und auch in Solingen und vielen anderen europäischen Städten seit Jahrzehnten erfolgreich in Betrieb. Mit relativ kleinen Akkus gekoppelt, können die Busse außerhalb der Stadt auch ohne Leitung fahren. Natürlich müsste man dafür in den Innenstädten Oberleitungen bauen. Kritiker halten das für zu teuer. Doch gleichzeitig fördert die Politik mit Millionen Euro Pilotprojekte für Oberleitungen über deutschen Autobahnen. Damit wird eines klar: Wer zur Luftreinhaltung den Diesel verteufelt und allein auf Elektroantrieb mit Akku hofft, ignoriert jede Menge sinnvoller Alternativen, die deutlich schneller für saubere Luft und Klimaschutz sorgen könnten.

Autor: Michael Houben
Bearbeitung: Friedemann Zweynert

Stand: 21.05.2019 10:09 Uhr

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