SENDETERMIN Mi., 21.07.21 | 21:45 Uhr | Das Erste

Krankenhauspersonal: Applaus und leere Versprechen?

PlayEine Pflegekraft schiebt ein Bett auf einem Krankenhausflur
Krankenhauspersonal: Applaus und leere Versprechen? | Video verfügbar bis 21.07.2022 | Bild: ARD

  • Die Arbeitsintensität der Pflegekräfte in Krankenhäusern ist laut Experten seit Jahren ständig gestiegen.
  • 2018 wurden Personaluntergrenzen eingeführt – gültig ist die Verordnung heute für insgesamt zwölf pflegeintensive Stationsbereiche.
  • Fachkräfte kritisieren jedoch, dass diese Untergrenzen pauschal festgelegt wurden, unabhängig von den Patientinnen und Patienten. Außerdem sind die Untergrenzen nur im Monatsdurchschnitt einzuhalten.
  • Der Deutsche Pflegerat, die Gewerkschaft ver.di und die Deutsche Krankenhausgesellschaft fordern eine Verbesserung der Personalbemessung. Mindestens 40.000 Pflegekräfte müssten in Vollzeit neu eingestellt werden.

Wir sind zu Gast bei PSU-Akut e.V. Helpline. Dieser gemeinnützige Verein bietet unter anderem über ein Sorgentelefon psychosoziale Unterstützung für Pflegepersonal an. Denn gerade sie sind oft besonderen Belastungen und Akut-Situationen ausgesetzt, die auch Fachkräfte auf Dauer krank machen können. Dominik Hinzmann hilft solchen Pflegekräften in Not. Ehrenamtlich! In Gesprächen wie diesen, die erstmal beruhigen sollen:

»Ist das in Ordnung wenn wir "Du" sagen? Ich bin der Dominik.
Du bist Fachkrankenschwester für Intensivmedizin?«

Dabei arbeitet Dominik Hinzmann eigentlich selbst im Krankenhaus als Anästhesist. Er kennt solche extremen Arbeitssituationen und tröstet:

»Das kann ich nachvollziehen. Und dann hast du das Gefühl, du musst dich zerreißen. Und  wo gehe ich zuerst hin und wer braucht es nötiger…«

Dominik Hinzmann berät Pflegekräfte ehrenamtlich.
Dominik Hinzmann berät Pflegekräfte ehrenamtlich. | Bild: WDR

Er erzählt, die Helpline bekomme sehr viele solcher Anrufe, in denen verzweifelte Mitarbeitende aus dem Gesundheitswesen anrufen. Die Ehrenamtler versuchen, Betroffene mit einem Gespräch zu stabilisieren und mit ihnen gemeinsam einen Ausweg aus der Situation zu finden.

Alltag auf den Krankenstationen

Wie erlebt das Elena Eul? Sie ist Krankenpflegerin auf der Intensivstation der Uni-Klinik Köln. Hier ist sie in der Tagschicht für zwei Patienten und für drei in der Nacht verantwortlich. So wie es inzwischen für alle Intensivstationen vorgeschrieben ist: durch die sogenannte Pflegepersonaluntergrenzen-Verordnung.

Elena Eul schildert das so: "In manchen Diensten geht eins zu zwei, aber dann habe ich vielleicht auch Patienten, die sowieso am nächsten Tag auf die Normalstation gehen. Allerdings muss ich auch dazu sagen, dass wir hier sehr viele sehr kranke Patienten liegen haben. Viele sind beatmet, viele kommen mit einem akuten Herzinfarkt... Und da hilft es meiner Meinung nach nicht, pauschal zu sagen, tagsüber eins zu zwei, weil das einfach dem persönlichen und individuellen Bedarf der Patienten nicht gerecht wird."

Gerade kommt eine neue Patientin in ihre Obhut. Die 83-jährige Frau hat einen Herzschrittmacher gesetzt bekommen. Beim Umbetten und entkabeln braucht Elena Eul die Hilfe gleich mehrerer Kolleginnen und Kollegen. Danach ist sie wieder ganz allein verantwortlich. Was ist, wenn beide Patienten sie gleichzeitig brauchen? Wie hilft ihr da die Verordnung? Elena Eul meint dazu:

"Manchmal wäre es schon besser, wenn wir eher eine Eins-zu-eins-Betreuung hätten. Das kann man aber nicht so pauschal sagen. Und das ist meiner Meinung nach das große Problem, dass die Untergrenzen pauschal festgelegt wurden, unabhängig von den Patientinnen und Patienten. Das bedeutet immer wieder zu wenig Zeit für die Pflege."

Wie wirkt sich die Verordnung auf den Pflegealltag aus?

Die Arbeitsintensität ist ständig gestiegen, meint Professor Stefan Greß, Prodekan für Versorgungsforschung und Gesundheitsökonomie an der Hochschule Fulda. Er arbeitet seit Jahren zum Thema Pflegequalität.

Er meint: "Die Tage, wo sich auch die Pflegekräfte mal so ein bisschen entspannen konnten oder der Pflegebedarf nicht mehr so hoch war, die gibt es kaum noch. Das heißt die Intensität ist sehr hoch, die Fallzahlen sind sehr stark angestiegen. Gleichzeitig sind wir bei dem Pflegepersonal auf dem Stand von etwa Mitte der 90er-Jahre, als die Intensität des Aufwands für die Pflegekräfte, also der Bedarf, noch deutlich niedriger war.“

Am Geld liegt es wohl nicht, dass Personal fehlt. Denn Kliniken bekommen neu eingestellte Pflegekräfte am Bett inzwischen vollständig von den Krankenkassen finanziert. Zusätzlich hat Bundesgesundheitsminister Jens Spahn 2018 die Personaluntergrenzen eingeführt. Nachlegen müssen aber nur die 25 Prozent Krankenhäuser mit der dünnsten Personaldecke. Gültig ist die Verordnung heute für insgesamt zwölf pflegeintensive Stationsbereiche.

Stationstafel
2018 wurden Personaluntergrenzen für pflegeintensive Stationsbereiche eingeführt. | Bild: WDR

Dies sind neben der Intensivmedizin zum Beispiel auch die Geriatrie, die Unfallchirurgie, Kardiologie, Herzchirurgie, Neurologie, Kinder- und Jugendmedizin und Innere Medizin.

Statt Verbesserung der Pflegesituation negative Effekte?

Mit solchen Untergrenzen wird vielleicht die gravierendste Personalnot beseitigt. Das werde aber kaum jemanden motivieren, in den Pflegeberuf zurückzukehren, wenn man aufgrund der physischen und psychischen  Belastung seinem ursprünglichen Beruf den Rücken gekehrt hat, befürchtet die Gewerkschaft ver.di:

Sylvia Bühler ist seit 2013 Mitglied im ver.di-Bundesvorstand, zuständig für Gesundheitspolitik. Auch sie übt Kritik an der Wirksamkeit der Personaluntergrenzen-Verordnung.

»Es gibt Schätzungen, die sagen, wir haben ungefähr bis zu 170.000 Pflegekräfte, die unglaublich gerne wieder zurückkommen in ihren Beruf, weil sie ihren Beruf lieben. Aber mit diesen Arbeitsbedingungen wollen und können sie sich das nicht mehr zumuten.«

Genau solche Bedingungen haben Pflegekräfte in Teilzeit oder zum Berufsausstieg getrieben. Unter welchen Voraussetzungen würden sie wieder einsteigen? Das hat die Arbeitnehmerkammer Bremen vor wenigen Monaten gefragt. Rund 60 Prozent der Befragten würde wieder einsteigen, wenn es eine bedarfsorientierte Personalbemessung geben würde und sie mehr Zeit für eine qualitativ hochwertige Pflege bekämen.

Schwachstellen bei der Einhaltung der Verordnung

Da werden die vorgeschriebenen Untergrenzen wenig beitragen, weil sie legal unterschritten werden dürfen. Möglich ist das, weil sie nur im Monatsmittel einzuhalten sind und nicht an jedem einzelnen Tag. Die Verordnung wörtlich:

 "Die Krankenhäuser ermitteln anhand monatlicher Durchschnittswerte, ob die Pflegepersonaluntergrenzen eingehalten werden." (Quelle: Pflegepersonaluntergrenzen-Verordnung, §6)

Das heißt, wenn der Durchschnitt rein rechnerisch stimmt, darf es an den einzelnen Tagen und Nächten weniger Pflegekräfte geben. Formal ist damit alles in Ordnung. Aber das heißt auch an schlecht besetzen Tage besteht ein Risiko für pflegeintensive Patienten, die an solchen Tagen vielleicht besondere Hilfe brauchen. Und damit einher geht die besondere Belastung für das Pflegepersonal. So kann es nicht überraschen, dass nach einer Umfrage des Berufsverbandes Pflegeberufe vom Dezember 2020 32 Prozent der Befragten häufiger mit dem Gedanken spielen aufzuhören. Also etwa jeder Dritte.

Gesundheitsminister Jens Spahn, der sich medial gern engagiert zeigt, will der Personalnot Abhilfe mit Untergrenzen schaffen, die sein Ministerium gegenüber "Plusminus" als "absolutes Minimum" einstuft und zugibt, dass das bei weitem nicht ausreicht. Wörtlich:

»Für eine gute Patientenversorgung sollten die Verhältnisse Pflegekraft zu Patienten daher deutlich darüber liegen.«

Eine Pflegekraft geht im Gang eines Krankenhauses.
Eine Pflegekraft geht im Gang eines Krankenhauses. | Bild: picture alliance/dpa / Christoph Soeder

Also gut gemeint, aber untauglich? Heißt das Unterversorgung durch geplanten Personalmangel? Um das zu verhindern, müsse der Pflegebedarf ermittelt werden, meinen selbst so ungleiche Partner wie Deutscher Pflegerat, Gewerkschaft ver.di und Deutsche Krankenhausgesellschaft. Gemeinsam fordern sie deshalb für die Personalbemessung eine Verbesserung. Gerald Gaß, Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft schlägt dazu vor:

»Im Krankenhaus wird geschaut, wie pflegebedürftig sind die Menschen. Daran bemisst sich dann das Maß an Pflegepersonalausstattung. Das heißt konkret: Eine geriatrische Klinik, wo viele alte Menschen, immobile Menschen sind, die einen hohen Pflegebedarf haben, hat im Zweifelsfall einen höheren Anspruch auf Pflegepersonalausstattung als zum Beispiel eine orthopädische Fachklinik, wo eher junge Menschen nach Sportunfällen behandelt werden.«

Daraus ergibt sich, so schätzen die drei Organisationen, dass mindestens 40.000 Pflegekräfte in Vollzeit neu eingestellt werden müssten. Eine Zahl, die das Gesundheitsministerium nicht nachvollziehen könne, erklärt es gegenüber "Plusminus". Also bleibt es bei Untergrenzen? Für die Gewerkschaft ver.di und Sylvia Bühler ist das unakzeptabel:

»Es wird immer gesagt, wir hätten in Deutschland eines der besten Gesundheitssysteme der Welt. Und die Frage ist natürlich, auf wessen Kosten passiert das? Wenn man im Gesundheitswesen arbeitet und tagtäglich ausgepresst wird wie eine Zitrone und darüber krank wird, dann kann es ja nicht gehen. Das würde man in keinem Industrieunternehmen zulassen.«

Krankenpflege – eine Arbeit mit Zukunft?

Eigentlich liebt Krankenpflegerin Elena Eul ihren Beruf, kann sich sogar vorstellen, bis zur Rente auf Station zu arbeiten. Dennoch hat sie ihre Zweifel, wie es für sie weitergeht: "Das würde ich gerne machen. Ich sehe aber dafür gerade schwarz. Und für viele meiner Kolleginnen auch". Was wird, wenn sie und weitere so engagierte Pflegekräfte am Ende auch aufgeben?

Bericht: H.-C. Schultze und Gregor Witt

Ein Beitrag des Westdeutschen Rundfunks für Das Erste

Stand: 26.07.2021 11:21 Uhr

0 Bewertungen
Kommentare
Bewerten

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Bitte beachten: Kommentare erscheinen nicht sofort, sondern werden innerhalb von 24 Stunden durch die Redaktion freigeschaltet. Es dürfen keine externen Links, Adressen oder Telefonnummern veröffentlicht werden. Bitte vermeiden Sie aus Datenschutzgründen, Ihre E-Mail-Adresse anzugeben. Fragen zu den Inhalten der Sendung, zur Mediathek oder Wiederholungsterminen richten Sie bitte direkt an die Zuschauerredaktion unter info@daserste.de. Vielen Dank!

*
*

* Pflichtfeld (bitte geben Sie aus Datenschutzgründen hier nicht Ihre Mailadresse oder Ähnliches ein)

Kommentar abschicken

Ihr Kommentar konnte aus technischen Gründen leider nicht entgegengenommen werden

Kommentar erfolgreich abgegeben. Dieser wird so bald wie möglich geprüft und danach veröffentlicht. Es gelten die Nutzungsbedingungen von DasErste.de.