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Sinnlose Verschwendung: Warum in Deutschland so viele Lebensmittel weggeworfen werden

PlayEssensreste und Lebensmittel in einer Mülltonne
Sinnlose Verschwendung: Warum in Deutschland so viele Lebensmittel weggeworfen werden | Video verfügbar bis 10.10.2019 | Bild: picture alliance/dpa / Andrea Warnecke

  • 18 Millionen Tonnen Lebensmittel landen in Deutschland jährlich im Müll. Das sind pro Kopf rund 82 Kilo. Tendenz: steigend.
  • Dabei ist der Verbraucher nur ein Teil des Problems. Bereits bei der Produktion oder später im Handel werden riesige Mengen Lebensmittel weggeworfen. Oft liegt es am Mindesthaltbarkeitsdatum. Oder auch nur daran, dass Platz geschaffen werden soll für neue Ware.
  • In anderen europäischen Ländern, wie zum Beispiel in Frankreich, hat man bereits reagiert und Gesetze erlassen, die es zum Beispiel Supermärkten unter Strafandrohung verbieten, genießbare Lebensmittel wegzuwerfen.
  • Mit Erfolg: In Frankreich werden inzwischen nur noch 20 bis 30 Kilo Lebensmittel pro Kopf und Jahr weggeworfen.

Alltag in Deutschland: Statt auf den Teller wandern viele Lebensmittel aus den Regalen der Supermärkte in den Müll. Backwaren, Milchprodukte, Obst – was nicht verkauft wird, kommt in die Tonne. Was also tun gegen die massive Lebensmittel-Verschwendung? Wir sind in Regensburg. Korbinian Werthner ist hier in einer Foodsharing-Gruppe aktiv. Er holt regelmäßig bei Supermärkten Lebensmittel ab, die normalerweise im Müll landen würden. "Ich schaue mir alle Lebensmittel genau an", so erklärt er uns. "Manche sind vielleicht tatsächlich nicht mehr gut. Meist aber ist es dann bei den Salaten, dass irgendein Blatt außen verwelkt ist. Aber ansonsten ist das guter Salat."

Was nicht verkauft wird, landet in der Mülltonne.
Was nicht verkauft wird, landet in der Mülltonne. | Bild: BR

Beim Obst sei es ähnlich. Wenn in einer Packung mit 6 Nektarinen eine schlecht ist, wird gleich die ganze Packung weggeworfen." Immerhin darf er in diesem Supermarkt Lebensmittel mitnehmen und weiterverteilen. Darunter: Kistenweise aussortiertes Obst und Gemüse, aber auch andere Produkte, die eigentlich noch gut sind, aber deren Mindesthaltbarkeitsdatum erreicht ist.

Dass solche Lebensmittel verschenkt werden, ist eher die Ausnahme, sagt Korbinian Werthner vom Foodsharing e.V.in Regensburg. "Manche Ketten, das wissen wir inzwischen intern von Foodsharing, verlangen bundesweit von den Filialen, dass sie das nicht nur wegschmeißen, sondern teilweise sogar Spülmittel darüber kippen, damit es nicht mehr genießbar ist." Andere Händler sperren einfach die Tonnen ab.

Ein Drittel der Lebensmittel landet im Müll

Besonders schlimm: Die Lebensmittelverschwendung nimmt inzwischen gigantische Ausmaße an, wie eine aktuelle Studie der Unternehmensberatung Boston Consulting Group zeigt. "Wir haben das Phänomen, dass global aber auch in Deutschland ein Drittel der Lebensmittel verschwendet werden, sprich im Müll landen und nicht gegessen werden", so Karin von Funck von der Boston Consulting Group. "Und das ist ein Phänomen, das leider auch in Deutschland nicht besser wird." Beispiel Bäckereien und Backshops. In kaum einem anderen Bereich wird so viel weggeworfen. Im Mülleimer eines Supermarkts finden wir zum Beispiel Hunderte Brötchen.

Verdeckte Recherche im Supermarkt
Verdeckte Recherche im Supermarkt | Bild: BR

Wir sind mit versteckter Kamera unterwegs. Zuerst besuchen wir den Selbstbedienungsbereich eines Discounters. Lassen Kunden Backwaren liegen, kommt bald ein Mitarbeiter. "Was machen Sie mit dem Brot?" wollen wir wissen. Die Antwort: "Das kommt in den Müll!" In einem anderen Geschäft fragen wir kurz vor Ladenschluss, was mit der übrig gebliebenen Ware passiert. Auch hier die Antwort: "Das wird alles weggeworfen. Alles!"

Erst vor wenigen Tagen hat der WWF Deutschland eine ausführliche Studie zur Verschwendung von Backwaren veröffentlicht und nach den Ursachen für den Wegwerf-Wahnsinn gesucht. Dazu Tanja Draeger de Teran vom WWF Deutschland: "Wenn Bäckereien Brot und Backwaren weitergeben möchten, müssen sie zahlreiche Vorschriften beachten. Das kostet Zeit und ist mit einem hohen Aufwand verbunden, so dass so manche Bäckerei vielleicht den einfacheren Weg geht und ihre Ware in der Tonne verschwinden lassen."

Frankreich als Vorbild?

In Frankreich geht das nicht. Hier ist es sogar Pflicht, Lebensmittel vor dem Mülleimer zu bewahren. Denn seit zwei Jahren gibt es bei unseren Nachbarn ein Gesetz, das dem Handel verbietet, noch genießbare Lebensmittel wegzuwerfen. In einem Pariser Vorort treffen wir Yannick Saille. Er arbeitet für die französische Tafel Restos du Coeur, übersetzt also "Restaurants der Herzen". Bei einem Großhändler holt er Obst und Gemüse für die örtliche Tafel ab. Früher wanderte das in den Müll. Was hat das neue Gesetz verändert? Werden jetzt mehr Lebensmittel gespendet? "Ja, wir haben jetzt mehr, erklärt uns Yannick Saille von den Restos du Coeur. "Es gibt Geschäfte, die vorher nichts gegeben haben. Jetzt haben wir sehr viel mehr. Es gibt Händler, die haben vorher gar nichts gegeben, und jetzt sind sie gesetzlich dazu verpflichtet. Wir haben jetzt mehr Spenden."

Insgesamt kommen allein bei dieser Tafel nun 15 Prozent mehr Lebensmittelspenden an als vor der Einführung des Gesetzes. Und während in Deutschland laut Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft über 80 Kilogramm Lebensmittel pro Kopf und Jahr weggeworfen werden, sind es in Frankreich nur 20 bis 30. Doch der französische Staat hat nicht nur ein Wegwerfverbot eingeführt. Wir sind bei der Banque Alimentaire in Paris, der ältesten Tafel Europas. In riesigen Lagerhallen stapeln sich die Spenden der Supermärkte und werden von hier aus an die Ausgabestellen verteilt. Vom Präsident der Banques Alimentaieres, Jacques Bailet, erfahren wir, dass Firmen in Frankreich bei Lebensmittelspenden auch finanzielle Vorteile haben: "Wenn ein großer Supermarkt an eine Einrichtung wie unsere Banque Alimentaire Waren im Wert von 100 Euro spendet, bekommt er von der Steuer direkt 60 Euro zurück." Und damit sei das Spenden sogar attraktiver als die Ware zum halben Preis zu verkaufen.

Und in Deutschland? Da hat sich die Bundesregierung zwar verpflichtet, die Lebensmittelverschwendung zu halbieren: bis 2030. Doch konkrete Maßnahmen für Hersteller und Handel gibt es bisher nicht. Auf Nachfrage von Plusminus heißt es aus dem Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft, kurz BMEL: "Das Ziel … kann nur erreicht werden kann, wenn alle Akteure entlang der Wertschöpfungskette mitmachen. Gemeinsam mit ihnen … wird das BMEL eine Strategie zur Reduzierung von Lebensmittelverschwendung entwickeln." In der Praxis heißt das: Erst mal weiter wie bisher.

Weniger Verschwendung durch Foodsharing

Doch immerhin: Es gibt Lichtblicke. Die mittelständische Supermarktkette AEZ in Fürstenfeldbruck bei München hat für ihre 10 Filialen ein eigenes Foodsharing-Projekt entwickelt. Hinter den Kassen wurde eine Box mit Regal und Kühlschrank installiert. Dort werden nun Lebensmittel hineingelegt, deren Mindesthaltbarkeitsdatum bald erreicht ist. Die Kunden können diese kostenlos mitnehmen, erklärt uns Ralph Ulbricht vom AEZ Amper-Einkaufs-Zentrum "Wir sind froh, dass wir genießbare Lebensmittel nicht mehr in die Tonne schmeißen, sondern dem Kunden einfach weitergeben."

Foodsharing ist aufwendiger als die Lebensmittel zu entsorgen.
Foodsharing ist aufwendiger als die Lebensmittel zu entsorgen.  | Bild: BR

Allerdings ist dieses Foodsharing aufwendiger als die Lebensmittel einfach in den Müll zu werfen. Das gilt genauso, wenn Händler mit den Tafeln zusammenarbeiten. Darauf weist Christian Böttcher vom Bundesverband des Deutschen Lebensmittelhandels e.V. hin: "Mit den Tafeln zusammen zu arbeiten bedeutet im Vergleich zu einer nicht Zusammenarbeit insofern mehr Aufwand, weil man die Lebensmittel bereitstellen muss, man muss sie aussortieren, man muss die Übergabe protokollieren, man muss mit den Tafeln Abholtermine vereinbaren. Das ist ein zusätzlicher logistischer Aufwand, den man dort hat."

Das sieht auch Foodsharer Korbinian Werthner so. Er würde sich wünschen, dass künftig deutlich mehr Händler diesen Aufwand auf sich nehmen und Lebensmittel vor der Tonne retten. Da ist jetzt der Gesetzgeber gefordert. Denn solange es hierzulande keine klaren Regeln und Anreize gibt, wird sich nur wenig ändern.

Bericht: Johannes Thürmer, Martina Schuster

Stand: 18.05.2019 09:08 Uhr

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