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Planenschlitzer: Millionenschäden durch Diebstähle aus Lkws

PlayEin Mann durchsucht einen Lkw-Anhänger
Planenschlitzer: Millionenschäden durch Diebstähle aus Lkws | Video verfügbar bis 24.07.2020 | Bild: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

• Diebesbanden stehlen europaweit Fracht aus Lkws.
• Die Banden formieren sich in der polnischen Stadt Gorzów Wielkopolski.
• Der Kampf gegen die Banden wird von Europol unterstützt. Deutsche und polnische Polizeieinheiten arbeiten dabei eng und erfolgreich zusammen.
• Immer häufiger kommen Täter vor Gericht.

Frachtdiebe bei einem Einbruch in einen fahrenden Lkw
Die Hubschrauberaufnahme der rumänischen Polizei zeigt Frachtdiebe bei einem Einbruch in einen fahrenden Lkw.  | Bild: Polizei Rumänien

Aus einem Hubschrauber haben rumänische Polizisten Bilder aufgenommen, die aus einem Hollywoodfilm stammen könnten. Sie zeigen zwei Männer, die auf der Motorhaube eines Pkws stehen, der ganz dicht an das Heck eines Lkws heranfährt. Die Männer versuchen, von hinten in den Laderaum einzubrechen, um dort Waren zu stehlen. In diesem Fall wird nichts gestohlen. Doch die Masche funktioniert, wie eine Diebstahlserie aus Schweden zeigt.

Diebstahl bei voller Fahrt

Ed Kraszewski von der niederländischen Polizei
Ed Kraszewski von der niederländischen Polizei  | Bild: MDR

In Schweden  waren aus Transportern der Post während der Fahrt immer wieder Pakete verschwunden. Die Lösung des Rätsels lieferten später Bilder einer Überwachungskamera, die im Laderaum der Postautos installiert war. Während der Fahrt mit Tempo 80  schaffen es Diebe, in den Laderaum einzudringen und die Fracht zu stehlen. Die Täter waren europaweit unterwegs. Einige wurden später in den Niederlanden verhaftet. Ed Kraszewski von der niederländischen Polizei erzählt, wie halsbrecherisch die Diebe vorgingen: "Das Auto fuhr nah an den Lkw, so nah, dass der Mann, der auf der Motorhaube stand, die Tür mit einem Trennschleifer aufbrechen konnte und dann in den Laderaum kam." Weitere Überwachungskameras hatte die schwedische Polizei in Frachtpaketen versteckt. So konnten einige Diebe sogar auf frischer Tat ertappt und festgenommen werden.

Millionenschäden auch in Deutschland

Andreas von Koß vom Landeskriminalamt Sachsen-Anhalt
Andreas von Koß vom Landeskriminalamt Sachsen-Anhalt | Bild: MDR

Statistisch gesehen werden auch in Deutschland täglich Lkw von Dieben heimgesucht. Der jährliche Schaden soll nach Schätzungen des Verbandes der deutschen Versicherungswirtschaft 300 Millionen Euro betragen. Europaweit dürften die Schäden im Milliardenbereich liegen. Gestohlen wird vor allem nachts, wenn die Lkw-Fahrer in ihren Kabinen schlafen, erklärt Andreas von Koß vom Landeskriminalamt Sachsen-Anhalt: "Die Vorgehensweise ist eigentlich immer dieselbe, es gibt eine Art Vorhut, die fahren die Parkplätze entlang der Autobahn ab, schneiden die Planen auf, gucken welche Ware tatsächlich auf dem Lkw ist."

Die Hintermänner entscheiden

sichelförmiger Schnitt in einer Lkw-Plane
Mit einem sichelförmigen Schnitt verschaffen sich die Täter einen Blick ins Innere des Lkws.  | Bild: Polizei Deutschland

Genauso lief es in einem Fall in diesem Jahr auf einem Rastplatz an der A9 Richtung München in Sachsen-Anhalt ab. Ein Sattelauflieger hatte 330 Fernseher im Wert von ca. 150 000 Euro geladen. Die Täter hatten wahrscheinlich den Fahrer schon eine Weile im Visier, denn sie warteten, bis er schlief. Dann öffneten die Diebe die Lkw-Plane im hinteren Bereich mit einem sichelförmigen Schnitt in die Plane, um durch das Loch zu schauen, was der Lkw geladen hat. Diese "Planenschlitzer" entscheiden aber nicht selbst, ob die Fracht gestohlen wird oder nicht, weiß Andreas von Koß:  "Ist die Ware geeignet, schicken die Planenschlitzer ihren Hintermännern ein Foto per Whatsapp. Die sagen ja oder nein. Lässt sich die Ware gut verkaufen, wird eine zweite Truppe organisiert."

aufgeschnittene Lkw-Plane
Ist die Fracht lukrativ, schneiden die Diebe die Plane richtig auf.  | Bild: Polizei Deutschland

Und die kommt dann mit einem meist kleineren Lkw für den Abtransport der Beute. Das Fahrzeug wird nah an den Lkw mit den Fernsehern geparkt. Und dann wechseln die Pakete die Ladefläche. Im konkreten Fall an der A9 in Sachsen-Anhalt kam allerdings eine Polizeistreife dazwischen. Die Diebe flüchteten, zu Fuß und ohne Beute.

In diesem Jahr ist es den Ladungsdieben allein im Bundesland Sachsen-Anhalt bereits 55 Mal gelungen, die Beute auch abzutransportieren. Der Schaden beläuft sich auf fast 800 000 Euro.

Spediteure fürchten um ihren Ruf

DSLV-Hauptgeschäftsführer Frank Huster
DSLV-Hauptgeschäftsführer Frank Huster | Bild: MDR

"Plusminus" fragt beim Bundesverband Spedition und Logistik (DSLV) nach betroffenen Unternehmen. Doch Namen will man nicht nennen und auch keinen Kontakt vermitteln. Die Angst vor einem Imageschaden ist zu groß, wie DSLV-Hauptgeschäftsführer Frank Huster erklärt: "Man muss sich ja auch vorstellen, dass die Folgen einer solchen Straftat ja auch im Kunden-Dienstleister-Verhältnis negative Auswirkungen haben können. Die Folge ist ja, dass Ware nicht pünktlich oder nicht vollzählig ankommt. Es gibt Produktions-Stopps, es gibt Produktionsausfälle, es gibt Lieferausfälle: Das wirft ein schlechtes Licht auf den Empfänger der Ware, weil der ja selber mit dieser Ware auch weiterarbeiten will, aber auch der Logistikdienstleister muss sich unangenehmen Fragen stellen: Ist das jetzt ein Einzelfall? Kommt das bei Euch öfter vor?"

Diebesbanken im Visier von Europol

Sitzt der europäischen Polizeibehörde Europol in Den Haag
Europol unterstützt den Kampf gegen Planenschlitzer. | Bild: MDR

Bei der europäischen Polizeibehörde Europol in Den Haag in den Niederlanden war der massenhafte Ladungsdiebstahl in den vergangenen Monaten schon zweimal Thema auf Konferenzen. Seit 2018 unterstützt Europol das Projekt CARGO zur Bekämpfung der Planenschlitzer. Es wird von Guido Sünnemann vom Landeskriminalamt Sachsen-Anhalt geleitet. Er beschreibt das Vorgehen der Einheit: "Wir halten ganz engen Kontakt zum Herkunftsland unserer Täter, nach Polen und wollen so durch Informationssteuerung, aber auch durch das Zusammenarbeiten mit Polen dieses Phänomen in den Griff bekommen."

Guido Sünnemann vom Landeskriminalamt Sachsen-Anhalt
Guido Sünnemann vom Landeskriminalamt Sachsen-Anhalt leitet das Projekt CARGO. | Bild: MDR

Das Projekt CARGO ist erfolgreich. Anfang des Jahres gelangen erste Festnahmen. Die polnische Spezialeinheit Centralne Biuro Śledcze Policji (CBŚP) verhaftete zehn Tatverdächtige in einem Lager für gestohlene Waren in Polen. Die Männer sollen als Bande Ladungsdiebstähle in mehreren europäischen Ländern begangen haben. An der Razzia waren 200 Polizisten aus Polen, Deutschland und Österreich beteiligt.

Bei einer geheimen Konferenz europäischer Ermittler trifft "Plusminus" auch einen Offizier der polnischen Spezialeinheit. Er hat mit dafür gesorgt, das Millionen-Geschäft einer Planenschlitzer- Bande zu beenden: "Wir wussten, dass wir es mit besonders gefährlichen Menschen zu tun haben, die auch schon in der Vergangenheit verurteilt worden sind. Jeder Einsatz unserer Abteilung ist gewissermaßen gefährlich, einfach weil wir es mit organisierter Kriminalität zu tun haben."

Gorzów Wielkopolski: Das Zentrum der Kriminalität

Polnische und deutsche Polizisten im Einsatz
Im Kampf gegen Planenschlitzer arbeiten polnische und deutsche Polizisten eng zusammen.  | Bild: Polizei Polen

In der Stadt Gorzów Wielkopolski nahe der deutsch-polnischen Grenze rekrutieren die Bandenchefs ihre Auftragsdiebe, für etwa 1000 Euro pro Einsatz. Von hier aus schwärmen laut Polizei 95 Prozent der Diebstahls-Söldner nach Westeuropa aus und erledigen ihre Aufträge.

Eine der Banden hatten die Ermittler der polnischen Spezialeinheit mehrere Monate im Visier. Um genügend Beweise für den Zugriff zu sammeln, wurde vor allem verdeckt ermittelt. Der Offizier vom polnischen CBŚP erzählt: "Wir haben jemanden in die Bande eingeschleust und dieser Verbindungsmann war dann bei Touren in ganz Europa mit dabei und auch bei zahlreichen Verbrechen. Die Bande, von der wir sprechen, wurde vollkommen zerschlagen und existiert jetzt nicht mehr. Wir können davon ausgehen, dass diese Bande in Deutschland und auch in anderen Ländern keine Verbrechen mehr begehen wird."

Grafik: Der Weg der Banden aus Gorzow Wielkopolski durch Europa
Der Weg der Banden aus Gorzow Wielkopolski durch Europa | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Immer mehr Diebe vor Gericht

Rechtsanwalt Dr. Denis Matthies
Rechtsanwalt Dr. Denis Matthies ist der Verteidiger einiger Angeklagter. | Bild: MDR

Auch in Deutschland ist es in jüngster Zeit gelungen, Planenschlitzer vor Gericht zu bringen. In Chemnitz wurde eine ebenfalls polnische Bande verurteilt. Der Haupttäter ist ein 42-jähriger Mann. Seine 23-jährige Komplizin hatte sich in Polen um den Vertrieb der gestohlenen Waren gekümmert. Rechtsanwalt Dr. Denis Matthies hat einen der Angeklagten vertreten und verteidigt aktuell in Dresden noch einen weiteren mutmaßlichen Planenschlitzer. "Für meinen Bereich kann ich sagen, dass die Anzahl der Festnahmen und demzufolge auch die Anzahl der Mandate, die ich bekomme, sich erhöht hat. Das ist merkbar."

Angeklagt wird in der Regel schwerer Bandendiebstahl. Das kann wie in Chemnitz für den Haupttäter sieben Jahre und sechs Monate Haft bedeuten. Die konsequentere Strafverfolgung scheint sich auch bei den Tätern herumgesprochen zu haben, ist Strafverteidiger Matthies überzeugt: "Ich denke, dass es schon Ermittlungserfolge gab, wo man doch auch sehr stark durch die Zusammenarbeit mit den polnischen Behörden auch in Polen ein Signal gesetzt hat. Das hinterlässt schon Wirkung. Inwieweit das eine dauerhafte Wirkung haben wird, das wird die Zukunft zeigen."

Die Arbeit der CARGO-Gruppe scheint erfolgreich zu sein: Im Vergleich zum Vorjahr ist der Ladungsdiebstahl zumindest in Deutschland im ersten Halbjahr 2019 um etwa zwei Drittel zurückgegangen.

Autor: Rico Wolf

Stand: 25.07.2019 14:17 Uhr

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