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Verzweifelter Kampf: Das Sterben der Innenstädte

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Verzweifelter Kampf: Das Sterben der Innenstädte | Video verfügbar bis 28.10.2021 | Bild: dpa / Gregor Fischer

- Im Einzelhandel könnte die Corona-Krise 50.000 Geschäftsaufgaben nach sich ziehen
- Neue Konzepte für Innenstädte sind gefragt – Fördergeld soll dabei helfen
- Experten sind sicher: Die Zeit der großen Filialisten und Einkaufsmeilen ist vorbei

Der Erfolg des Online-Handels hat ein Sterben der Innenstädte in Gang gesetzt. Jetzt noch beschleunigt durch Corona. Klar ist: Die Zeiten, als man für alle wichtigen Einkäufe in die Stadt fuhr, sind vorbei. Auch wenn viele Kommunen verzweifelt und mit allen Mitteln um die Kunden kämpfen.

Etwa in Bernkastel-Kues. Der beschauliche Ort an der Mosel ist ein Touristen-Magnet. Gerade in dieser Zeit, in der Auslandsreisen wegfallen. Doch selbst hier muss sich der Einzelhandel etwas einfallen lassen, um gute Umsätze zu erzielen. Unter dem Motto "Heimatshoppen" gibt’s für fleißige Einkäufer Gutscheine. Zwar profitiert der Touristenort von Sonderregelungen für den Sonntagsverkauf, aber Leerstand gibt es auch hier. Es trifft vor allem Bekleidungsgeschäfte. Der Online-Handel, Maskenpflicht und Corona-Angst verhageln das Geschäft.

Die Furcht vor dem erneuten Lockdown

Mit einem Drittel weniger Umsatz als im Vorjahr rechnet beispielsweise Einzelhändler Viktor Hees. "Im Moment ist die Stimmung ja wieder ein bisschen bedenklicher. Und wir fürchten natürlich, wenn es dann zu einem weiteren Lockdown kommen könnte, bedeutet das für den Handel in den Städten natürlich auch eine katastrophale Entwicklung." Und Städte, die nicht so viele Touristen anziehen, leiden deutlich mehr. 

Etwa Bottrop im Ruhrgebiet. Das große Einkaufszentrum mitten in der Innenstadt steht schon seit Jahren leer. Aus der ehemaligen Haupteinkaufsmeile nebenan verabschieden sich Ende des Jahres die Filialisten Douglas und Christ. Auch das große Bekleidungsgeschäft vor Ort: insolvent. Und Karstadt ist schon seit 2016 weg – so können bald viele Innenstädte aussehen. 

"10.000 Quadratmeter, ein einziger Mieter - das wird so nicht mehr geben"

Neueröffnungen sind selten – aber es gibt sie: Im alten Karstadt-Gebäude hat ein Fitness-Studio eröffnet. Im Stockwerk darüber entsteht ein Hotel. Ein Investor hat mittlerweile Dreiviertel der Flächen vermietet. Trotzdem sei es mühsam, alte Einkaufstempel wiederzubeleben, sagt Christian Zöll von der Devello Immobilien AG: "Wovon wir uns auf jeden Fall verabschieden müssen, sind die klassischen Einkaufszentren." Er ist sicher: "10.000 Quadratmeter, ein einziger Mieter - das wird so nicht mehr geben."

Woanders schließen die Karstadt-Kaufhof-Filialen erst jetzt, bundesweit rund 40. Und auch viele andere Ketten wie Hallhuber, Esprit oder SaturnMediamarkt reduzieren die Zahl ihrer Filialen.

Für die Städte sind die aussterbenden Einkaufsmeilen ein zunehmendes Problem.

"Wir haben gut 30 Prozent weniger Kunden in den Innenstädten", sagt Stefan Genth vom Handelsverband Deutschland (HDE). Das führe dazu, dass die Geschäfte dort sehr gefährdet sind und es für die Innenstädte mit immer mehr Leerständen gar einfach sei, überhaupt aus der Krise herauszukommen.  

Diese alarmierende Lage hat auch Bundeswirtschaftsminister Peter Altmeier erkannt. Er verspricht zu handeln - mit Geld und Hilfsprogrammen. "Mein Ziel ist, dass wir das Sterben des Einzelhandels zunächst einmal schon während der Corona-Pandemie deutlich verlangsamen, dass es im Jahre 2021 zum Stillstand kommt", gab er am 20. Oktober zu Protokoll. Ab 2022 soll es dann durch die neuen Maßnahmen in den Innenstädten sogar wieder aufwärts gehen, sagt er.

Experten beziffern die benötigte Fördersumme auf bis zu eine Milliarde Euro

Optimistisch, da es dafür bisher weder Geld noch konkrete Maßnahmen gibt. Die Verbände hingegen benennen sogar schon die Höhe der staatlichen Investitionen, die sie gern bekämen. "Uns schweben sogar 500 Millionen Euro pro Jahr vor, nicht für den Einzelnen, sondern für die Kommunen, um konkrete Unterstützungsmaßnahmen zu machen", so Stefan Genth.

Der Städtetag geht sogar noch weiter, will eine deutliche Aufstockung der Städtebauförderung von derzeit 790 Millionen Euro, so Eckart Würzner, Oberbürgermeister von Heidelberg: Eine Milliarde stand mal im Raum, aber selbst die wird für meine Begriffe nicht ausreichen für das, was notwendig ist in den Innenstädten.

Stadt Bottrop will Leerstand bekämpfen

Geld, das auch Dorothee Lauter von der Wirtschaftsförderung Bottrop gut gebrauchen könnte, um die Stadt zu beleben. "Wir wollen, dass die Leute wieder gerne hier in die Innenstadt kommen, dass sie hier tolle Sachen finden, dass sie hier ihre Mitbürger und ihre Kollegen treffen. Dass wir auch anders als vielleicht mit den Filialisten interessantes, regionales, spannendes Angebot schaffen."

Etwa den eigenen Lieferdienst "Louise", der vom Einzelhändler nach Hause liefert. Oder auch die Entwicklung einer eigenen Web-Plattform für die City-Läden. Dorothee Lauter möchte Bottroper Kunden ermöglichen, bei ihren lokalen Händlern online zu bestellen. Aber viele haben die Digitalisierung etwas verschlafen und bisher nicht mal richtige Webshops.

Außerdem hat sie hat eine halbe Million Fördermittel vom Land NRW beantragt, um leerstehende Läden anzumieten. Ihr Plan: "Wir wollen gerne in diese Leerstände als Zwischenmieter einsteigen. Wir planen über das Sofortprogramm Innenstadt-Leerstände anzumieten". Diese Ladenlokale sollen dann jungen Konzepten zur Verfügung gestellt werden - zu deutlich günstigeren Konditionen.

Der Wunsch: Attraktive Innenstädte, die auch soziale Bedürfnisse decken

Solche Konzepte der Zwischenmiete kritisiert der Bund der Steuerzahler: Die Kommunen griffen so in den Wettbewerb ein und Verluste blieben beim Steuerzahler. Noch ist nicht über Dorothee Lauters Antrag entschieden. Und vom Bund kann sie so schnell keine neuen Gelder erwarten. Im zuständigen Innenministerium muss erst noch der "Beirat Innenstadt" tagen, um "eine aktuelle, an den derzeitigen Herausforderungen angepasste Innenstadtstrategie als Hilfestellung für Städte und Gemeinden zu erarbeiten. (….) Diese soll bis zum Sommer des nächsten Jahres vorliegen."

Hoffentlich ist das dann nicht zu spät – viele Bürgerinnen und Bürger wünschen sich jedenfalls lebendige, attraktive Innenstädte, die auch soziale Bedürfnisse decken. Am besten so lebendig wie in Bernkastel-Kues — aber dafür müssen Händler und Kommunen in Vorleistung gehen und mit eigenen Ideen Kunden in Ihre Städte locken. Denn ob die Städtebauförderung zur Rettung der Innenstädte wirklich erhöht wird, ist noch nicht klar.  

Autorin: Inga Thiede (WDR)

Stand: 29.10.2020 13:22 Uhr

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