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Illegale Wasserentnahme: Wie unsere Erdbeerlust einen Nationalpark zerstört

PlayErdbeeren in Nahaufnahme
Wie unsere Erdbeerlust einen Nationalpark zerstört  | Video verfügbar bis 28.04.2022 | Bild: Kirchner Media / Inderlied

- Spanische Erbeerbauern nutzen auch illegale Brunnen
- Nationalpark Coto de Doñana droht durch den Erdbeeranbau auszutrocknen
- Zulieferer von Rewe und Alnatura sind im Visier der Behörden

Erdbeeren sind wunderbar. Deshalb will der Handel sie auch immer früher anbieten, die Nachfrage ist schließlich das ganze Jahr da. Das geht in Deutschland aber nur, wenn Landwirte ihre Pflanzen vor Kälte schützen. Die ersten heimischen Erdbeeren, gewachsen und gereift unter Folie oder Glas, können Ende April geerntet werden. "Und damit sind wir auch in diesem Jahr rund vier Wochen früher als im Freiland", sagt Ludger Linnemannstöns vom Versuchszentrum Gartenbau der Landwirtschaftskammer NRW. Das ist aber noch zu spät.

Die große Lust auf Erdbeeren

Haben die Deutschen Anfang der 1990er im Schnitt noch 1,7 Kilogramm pro Jahr gegessen, hat sich der Verbrauch innerhalb von nur zehn Jahren verdoppelt und bis heute gehalten. Etwa 200.000 Tonnen produzieren die deutschen Bauern, das sind aber nur Zweidrittel des Bedarfs. Rund 100.000 Tonnen müssen importiert werden. Früh, viel und günstig – das kriegen nur die Spanier hin, sie liefern 80 Prozent unserer Import-Erdbeeren.

Wo kommen die Importe her?

Wir reisen in die spanische Erdbeerhochburg südwestlich von Sevilla. Wasser ist hier ein knappes Gut. Seit Jahren rücken die Erdbeerfelder immer näher an den Nationalpark Coto de Doñana. Das Unesco Weltnaturerbe ist Rückzugsort für Millionen von Tieren. Doch Umweltschützer*innen warnen, der Erdbeeranbau grabe dem Park mit illegalen Brunnen das Wasser ab, 50 Prozent des Wassers sollen schon verschwunden sein.

Wasser aus illegalen Brunnen

Wir treffen die Gruppe Ecologistas en Accion. Sie spürt illegale Brunnen auf und meldet sie den Behörden. Die Aktivisten wollen uns die geheimen Brunnen der Farmen zeigen. "Manche Bauern reagieren äußerst aggressiv auf die Umweltschützer – und auf die Presse", erzählt Juan Romero und blickt nervös auf ein Auto. Auf keinen Fall sollen die Farmer uns mit der Kamera sehen. Die Umweltschützer fürchten, die Farmer könnten uns bedrohen oder gar verprügeln. 

"Das sind die Becken. Es gibt über hundert von diesen", zeigt Juan Romero ein illegales Sammelbecken. Hier wird das Wasser aus den Brunnen gesammelt, um die Erdbeeren zu bewässern. Juan dokumentiert alles – will dann aber schnell weiter.

Probleme bei ehemaligem Aldi-Zulieferer

Direkt in der Nähe zeigt uns Juan einen weiteren illegalen Brunnen. Mitten in der Schutzzone des Nationalparks. Dieser wurde bereits von der Behörde geschlossen und versiegelt. Er gehörte offenbar der Firma Bonafru. Bonafru belieferte laut Medienberichten von 2018 auch Aldi. Der Brunnen ist zwar geschlossen, die Plantage wird aber noch betrieben. Woher sie jetzt ihr Wasser bekommen, sagt uns die Firma auf Anfrage nicht.

Aldi schreibt uns, dass sie aktuell keine Erdbeeren mehr von Bonafru beziehen. Bis Mitte nächsten Jahres wolle man neue Standards einführen, um sicherzustellen, dass nur legale Wasserquellen genutzt werden.

Wasserraub bei Erdbeeren von Rewe?

Doch es gibt noch andere problematische Produzenten. Wir erhalten Luftaufnahmen von einer anderen Plantage. Sie befindet sich mitten im Naturschutzgebiet, hätte dort eigentlich nie gebaut werden dürfen. Sie gehört dem Unternehmen Bionest, das auch Rewe beliefert. Ob die Quellen hier legal sind, sagt uns das Unternehmen nicht. Noch 2016 wurde gegen Bionest wegen einer anderen Quelle eine hohe Geldstrafe verhängt. Aktuell läuft gegen Bionest ein Prozess in Sevilla. Klagevorwurf: Wasserraub.

Rewe räumt das auf Nachfrage ein, sagt aber, dass Bionest mittlerweile besser arbeite: "Seit 2012 wurde das Wassermanagement kontinuierlich verbessert und die Nachhaltigkeit der Wasserentnahmen sichergestellt. Dies bestätigen auch entsprechende externe Zertifikate."

Illegale Brunnen wurden legalisiert

Tatsächlich sind viele ursprünglich illegale Brunnen im Nachhinein von der örtlichen Verwaltung legalisiert worden. Denn Erdbeeren sind ein wichtiger Wirtschaftszweig, tausende Arbeitsplätze in der Region hängen daran. Die Bauern sehen durch die Umweltgesetze ihre Lebensgrundlage bedroht, es gibt Massendemonstrationen.

Und auch Politiker sind laut Umweltschützern teils in die Geschäfte eingebunden. "Fast jeder Bürgermeister oder Bürgermeisterin hat direkte Verwandtschaft auf diesen Landgütern und die ganze Bevölkerung ist darin verstrickt. Deshalb ist es sehr schwer, da ein Ende zu finden, weil es der wichtigste Wirtschaftssektor ist", sagt Felipe Fuentelsaz von der Umweltschutzorganisation WWF.

Warnungen vor Umweltbehörden per WhatsApp

Hubschrauberaufnahmen der Polizei zeigen, wie die Beamten illegale Brunnen ausfindig machen und schließen. Die spanische Regierung ist unter Druck. Die EU hat Klage gegen Spanien eingereicht. Der Bürgermeister von Lucena del Puerto ist bereit uns zu treffen. Er sagt, er sei im Konflikt zwischen Bauern und Umweltschützern neutral. Wir haben jedoch einen anderen Eindruck.

"Das ist Land, das unsere Großeltern besät haben. Das ist jetzt schon die vierte Generation", erklärt Bürgermeister Manuel Mora. Die Farmen stünden unter hohem Preisdruck – und hätten trotzdem schon viel für die Nachhaltigkeit gemacht.

Dann zeigt er uns aber ganz offen eine WhatsApp-Gruppe. Darin warnen sich die Bauern gegenseitig vor den Inspektoren der Umweltbehörde. "Eine Patrouille des Umweltschutzes an dem Tor von Fray Lolo Almacén", steht dort im Chatverlauf und weiter: "Keine Ahnung, ob die dort halten oder weiterfahren. Ein Auto der Umweltschutzbehörde mit zwei Leuten."

Die Warnungen findet Bürgermeister Manuel Mora nicht verwunderlich: "Doñana ist ein Weltnaturerbe. Wir verstehen zwar, dass jeder seine Meinung sagen kann. Aber sie müssen auch verstehen, dass Doñana unsere Heimat ist, und dass wir das Recht haben, sie zu verteidigen."

Auch Bio-Anbauer auf der Anklagebank

Könnte es die Lösung sein, nur noch Bio-Erdbeeren zu kaufen? Im Bio-Markt Alnatura finden wir Erdbeeren der Marke Flor de Doñana. Auch dieses Unternehmen sitzt mit einigen anderen zurzeit wegen Wasserraubs auf der Anklagebank. Alnatura sagt dazu, man arbeite seit 20 Jahren mit der Firma zusammen: "Während unserer gesamten Zusammenarbeit hat Flor de Doñana stets legales Wasser bezogen. Es scheint sich somit um einen Verwaltungsfehler zwischen der andalusischen Regierung und der Wasserbehörde zu handeln, wodurch es zu diesem Prozess gekommen ist." Mit einem Urteil im Prozess wird frühestens in einigen Wochen gerechnet.

Nicht nur Spanien hat ein Wasserproblem

Doch welche Alternative gäbe es zu den umstrittenen spanischen Erdbeeren? "Wenn wir Import-Erdbeeren betrachten, dann gibt es zu Spanien kaum Alternativen von der Menge her", sagt Hans-Christoph Behr von der Agrarmarkt Informations-Gesellschaft mbH AMI.

Zur Erinnerung: 100.000 Tonnen müssen importiert werden, um den Hunger der Deutschen nach Erdbeeren zu stillen, bis zu 80 Prozent liefern die Spanier. Weit abgeschlagen dahinter folgen auf Platz zwei die Niederlande, dann Griechenland. Noch kleinere Mengen liefern Italien, Belgien oder Ägypten. Und: Länder wie Griechenland, Süditalien, Ägypten und Marokko haben die gleichen Probleme wie Spanien. "Sie haben alle ein Wasserdefizit", sagt Behr.

Das ganze Jahr Erdbeeren – zu welchem Preis?

Kein Wasserproblem hat Nordeuropa. Aber: Selbst Gewächshaus-Erdbeeren gibt es nicht das ganze Jahr über. Damit können wir Erdbeeren lediglich etwas früher genießen, sie sind dann aber dreimal so teuer. Erdbeeren aus dem deutschen Gewächshaus kosten 4,99 Euro, das spanische Import-Schälchen gibt es für 1,49 Euro pro Kilogramm.

Grund für den Preisunterschied sind die höheren Produktionskosten für die frühen heimischen Erdbeeren. "Wir haben höhere Energiekosten", erklärt Ludger Linnemannstöns von der Landwirtschaftskammer NRW. "Wir haben auch viel höhere Arbeitskosten. "

Im Gewächshaus wäre mit extra LED-Beleuchtung und Beheizung sogar die Ganzjahres-Erdbeere drin! Die Umweltbilanz – fraglich. Holland und Belgien, die im Gartenbau immer stark vorangehen, machen das bereits. Dort gibt es ganzjährige Produktionsanlagen. Ob Gewächshaus oder Import aus Spanien – die Ganzjahres-Erdbeere gibt es nur auf Kosten der Umwelt.

Bericht: Melanie Jost und Matthias Fuchs: (WDR)

Stand: 29.04.2021 08:42 Uhr

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