SENDETERMIN Mi., 01.09.21 | 21:45 Uhr | Das Erste

Flutkatastrophe: die verschlungenen Wege der Spendengelder

PlayMenschen kratzen in einem leeren Raum Tapete von den verschmutzten Wänden
Flutkatastrophe: die verschlungenen Wege der Spendengelder | Video verfügbar bis 01.09.2022 | Bild: dpa / David Young

- Was passiert mit den Hochwasser-Spenden
- Betroffene wissen nicht, wie sie Hilfe bekommen
- Noch kein standardisierter Prozess der Vergabe
- Schnelle Hilfe dagegen von örtlichen Initiativen

Dreck und Staub, wo früher ihr gemütliches Wohnzimmer war: Anna Helbach und ihr Mann Sven aus Erftstadt-Bliesheim müssen die Wände freilegen. Damit sie trocknen können. Aber das ist nicht ihre einzige Sorge. Sie hoffen auf finanzielle Hilfe, um das Zuhause für ihre drei Kinder wieder aufbauen zu können. "Jetzt ist halt alles nicht mehr so da. Und es fällt mir halt echt noch schwer, mit das vorzustellen, dass es halt irgendwann wieder schön wird", so Anna Helbach. Erst Anfang des Jahres waren sie mit dem Umbau des ehemaligen Bauernhofs fertig geworden. Jetzt fangen sie von vorne an.

"Da durchzublicken ist schon echt schwierig"

Die materiellen Schäden durch die Hochwasser-Katastrophen gehen in die Milliarden. Aber auch die Spenden sind rekordverdächtig. Nach Plusminus Recherchen belaufen sie sich Anfang September auf rund 432 Millionen Euro – und zwar nur bei den größten Organisationen und Bündnissen.Nur: Wie kommen die Betroffenen an dieses Geld? "Da durchzublicken, ist schon echt schwierig", zieht Anna Helbach eine erste Bilanz. Es sei schwierig, herauszufinden, an welche Stellen man sich wenden müsse und wer für was zuständig sei.

Anna Helbach hat Anfang August im Internet gesucht: Nach Anträgen für Hilfsgelder und nach Ansprechpartnern. Gefunden hat sie nichts. Auf den Seiten der "Aktion Deutschland hilft" heißt es lediglich "Bargeldleistungen und Soforthilfen sollen (…) unbürokratisch ausgezahlt werden." Nur wie? Keine Information dazu. Die Arbeiterwohlfahrt verspricht, "dass das Geld (…) für den Wiederaufbau da ankommt, wo es benötigt wird." Nur: Wie kommt es dorthin? Bei den Maltesern gibt's einen Tipp: "Ihre Gemeinde ist Ihr erster Ansprechpartner."

Konkrete Informationen sind schwer zu finden

Nirgendwo findet sich aber ein direkter Link für Hochwasser-Geschädigte, über den sie schnell und konkret erfahren, wo es welche finanzielle Hilfe gibt. Warum nicht? Plusminus fragt nach bei der "Aktion Deutschland hilft", einem Bündnis von 21 deutschen Hilfsorganisationen wie Arbeiterwohlfahrt, Johanniter und Malteser mit Sitz in Bonn. In einer Telefonkonferenz schalten sie sich regelmäßig zusammen, um die Hochwasser-Hilfe zu koordinieren. Sie reden auch über Geld. Über Soforthilfen, die ausgezahlt werden sollen. Die Frage ist nur: Wie? Für die Verteilung gibt es zu diesem Zeitpunkt Anfang August anscheinend noch kein Konzept.

Hilfsorganisationen entscheiden über Spendeneinsatz

Zwei Wochen nach der Flut heißt es: Das genaue Verfahren werde derzeit "noch abgestimmt". Und das dauert. "Wir sind als Verein so aufgestellt, dass wir über unsere Mitgliedsorganisationen arbeiten müssen. Die rufen diese Gelder ab für eben jene Maßnahmen. Und wir hören, dass jetzt so langsam auch die Kooperation mit den Bürgermeistern, vor allem auch mit den Krisenstäben etwas besser funktioniert", erklärt Manuela Roßbach, Vorständin bei "Aktion Deutschland hilft e.V.". Das heißt, dass die Hilfsorganisationen vor Ort entscheiden sollen, welche Betroffenen Hochwasser-Spenden bekommen.

Hoffnung auf standardisierten Prozess

Funktioniert das? Wir bitten Anna Helbach, die Hilfsorganisationen anzuschreiben, die in Erftstadt die Hochwasserhilfe vor Ort koordinieren: Arbeiter-Samariter-Bund, Johanniter und Malteser. Ihre Frage: Was müssen wir als Familie tun, um finanzielle Unterstützung zu bekommen?

Diese Frage stellen sich viele. Auch Tanja Siebert. Sie lebt in Overath im Bergischen Land. Die Einliegerwohnung in ihrem Haus ist beim Hochwasser zerstört worden. Dort wohnt eigentlich ihre Mutter. Auch Tanja Siebert hat versucht, bei der "Aktion Deutschland hilft" an Infos über die Spenden zu kommen. Ohne Erfolg. "Da habe ich überhaupt gar kein Verständnis für, weil ich gesehen habe, dass die Aktion Deutschland hilft seit 2001 aktiv ist und deren Kerngeschäft ist, auf der einen Seite Geld einzusammeln und auf der anderen Seite für diese betroffenen Projekte – Hochwasser, Überschwemmung und so was – Gelder wieder rauszugeben. Das heißt für mich, das ist ein standardisierter Prozess."

Regional große Unterschiede

Die Recherchen in den Hochwasser-Gebieten zeigen aber, dass es das nicht ist. Anscheinend hängt es davon ab, welche Hilfsorganisation vor Ort ist. In Wuppertal-Beyenburg zum Beispiel hat die Caritas schon in den Tagen nach der Flut Anträge für Soforthilfe verteilt. Später gab es noch die Möglichkeit, bis zu 25.000 Euro Sonderunterstützung zu beantragen.

In Erftstadt-Bliesheim gab bis zu diesem Zeitpunkt keinerlei solche Infos von den Hilfsorganisationen. Glück für die Helbachs: die Dorfgemeinschaft hat sich gekümmert. Der kleine Verein hat selbst Spenden gesammelt: 140.000 Euro. Die zu verteilen, ist für Ortsbürgermeister Frank Jüssen gar kein Problem. "Wir haben ein kleines Gremium gebildet, sind von Haus zu Haus gegangen. Und genau so stelle ich mir das eigentlich vor. Man kann Straßenzüge, die am extremsten betroffen sind, abgehen, gerne auch mit den Organisationen, und dann weiß man auch, wo man Hilfe leisten muss", so der Bürgermeister.

Übersicht über Spendengelder

So hätte er sich das auch von den Hilfsorganisationen gewünscht. Wir wollen wissen: Wie sind die Gelder dort verteilt worden?

Es gibt zwei große, deutsche Hilfs-Bündnisse: Das "Aktionsbündnis Katastrophenhilfe" und die "Aktion Deutschland hilft". Auch beim "Aktionsbündnis Katastrophenhilfe" sind verschiedene Hilfsorganisationen zusammengeschlossen. Dort wurden 85,3 Millionen Euro Spenden eingesammelt (Stand 31.8.21), die an die Mitgliedsorganisationen verteilt wurden. Die "Aktion Deutschland hilft" hat 230 Millionen an Spenden bekommen. Davon sind bislang 40 Millionen von den Mitgliedern "abgerufen" worden, wie uns die "Aktion Deutschland hilft" mitteilte. Die Hilfsorganisationen haben davon Bautrockner, Werkzeug und Kühlschränke gekauft und verteilt. Und natürlich vieles mehr. Wieviel sie aber an direkten, finanziellen Hilfen für Betroffenen ausgezahlt haben, konnte keine der angefragten Organisationen sagen.

OrganisationSpendenstand 5.8.Spendenstand (zum Abfragetermin Ende August)
Aktion Deutschland hilft e.V.172 Mio230 Mio.
Aktionsbündnis Katastrophenhilfe74,9 Mio85,3 Mio.
Deutsches Rotes Kreuz e.V.20 Mio.50 Mio.
Spendenkonto des Landes RLP14,7 Mio.15,8 Mio
Deutscher Caritasverband e.V.9,1 Mio.9,1 Mio
Aktion Lichtblicke e.V.9 Mio.11 Mio (Webseite)
Stiftung RTL - Wir helfen Kindern e.V.7,6 Mio.8,5 Mio (Webseite)
Institute der Sparkassen-Finanzgruppe5,7 Mio.> 5,7 Mio
NRW hilft5,2 Mio.> 5,2 Mio
Johanniter Unfallhilfenicht angegeben12 Mio
Gesamt:318,2 Mio.> 432,6 Mio.

Auch Anna Helbach muss weiter auf konkrete Antworten waren. Auf ihre Mails hat niemand von den örtlichen Hilfsorganisationen reagiert.

"Sofort-Hilfe" sechs Wochen nach der Flut

Plusminus hakt nach - an der Ahr. Dort ist "Aktion Deutschland hilft" gemeinsam mit der AWO aktiv und verteilt Ende August Anträge auf "Soforthilfe". Aber bei den Menschen ist Unmut zu spüren. So viele Wochen nach der Flut, könne von "Soforthilfe" wohl keine Rede mehr sein. Warum es so lange dauert, wollen sie wissen. Manuela Roßbach, Vorständin "Aktion Deutschland hilft e.V." räumt ein: "Es ist aber auch ein Wust. Wir haben über 60 Orte, die betroffen sind – und zwar schwer betroffen. Und das dann zu koordinieren, ist nicht ganz so einfach. Wir haben jetzt die Bürgermeister ganz eng an Bord mit. Und wir hoffen, dass wir durch Informationen, die wir auch an diese Verwaltungen geben, auch dort die Bürger mehr bekommen. Ich glaube, es muss zweigleisig gehen“.

Informationen im Netz sind nur schwer zu finden

Die Hilfsorganisationen haben also immer noch nicht alle Hochwasser-Opfer erreicht. Nicht vor Ort und erst recht nicht übers Internet. Auf einer Unterseite gebe es ein FAQ, in dem einige Antworten gegeben würden, so Roßbach. Das sei aber offenbar nicht leicht zu finden, räumt sie ein. Für Betroffenen wie Tanja Siebert klingt das hilflos und unprofessionell. Sie meint: Das hätte man alles ganz anders lösen müssen. 

"Was mir am aller meisten gefehlt hat: Irgendwo, neben dem Spendenbutton 'Bitte spenden Sie hier' ein Formular, das von der Seite aufpoppt, ein Riesen-Button, der sagt: Sie sind betroffen? Bitte klicken Sie hier drauf, so dass ich immer informiert bin. Das würde ich mir sehr wünschen", so Siebert.

Wunsch nach Unterstützung

Das hätte sich auch Anna Helbach gewünscht. Immerhin: Inzwischen hat sie endlich einen Soforthilfe-Antrag bekommen. Nicht von einer Hilfsorganisation. Jemand von der Dorfgemeinschaft hat ihn vorbeigebracht. Wieviel Soforthilfe sie dort beantragen kann, steht aber nirgends. Es bleibt also Ungewissheit. "Ja, man meint halt, wenn man jetzt irgendwo nicht erfährt, dass die Caritas was gibt oder die Johanniter, dass man dann leer ausgeht. Also, wenn ich mich jetzt nicht selber bemühe, kriege ich nichts. Und wenn man dann da fragt, wie das denn funktioniert, und man hört nichts, da fühlt man sich ein bisschen allein gelassen."

Klar, es dauert Zeit, bis alles wieder in Ordnung ist. Das wissen auch die Helbachs. Wieviel Unterstützung sie aus den Hochwasser-Spenden bekommen, wissen sie nicht. Das Beispiel der fünfköpfigen Familie aus Bliesheim zeigt: Anders als versprochen, ist das Spenden-Verteilen bislang weder schnell noch unbürokratisch.

Bericht: Timo Spicker (WDR)

Stand: 01.09.2021 22:47 Uhr

11 Bewertungen
Kommentare
Bewerten

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Bitte beachten: Kommentare erscheinen nicht sofort, sondern werden innerhalb von 24 Stunden durch die Redaktion freigeschaltet. Es dürfen keine externen Links, Adressen oder Telefonnummern veröffentlicht werden. Bitte vermeiden Sie aus Datenschutzgründen, Ihre E-Mail-Adresse anzugeben. Fragen zu den Inhalten der Sendung, zur Mediathek oder Wiederholungsterminen richten Sie bitte direkt an die Zuschauerredaktion unter info@daserste.de. Vielen Dank!

*
*

* Pflichtfeld (bitte geben Sie aus Datenschutzgründen hier nicht Ihre Mailadresse oder Ähnliches ein)

Kommentar abschicken

Ihr Kommentar konnte aus technischen Gründen leider nicht entgegengenommen werden

Kommentar erfolgreich abgegeben. Dieser wird so bald wie möglich geprüft und danach veröffentlicht. Es gelten die Nutzungsbedingungen von DasErste.de.

Sendetermin

Mi., 01.09.21 | 21:45 Uhr
Das Erste

Produktion

Westdeutscher Rundfunk
für
DasErste