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Zahnarztpraxen als Renditeobjekt

PlayBehandlung in einer Zahnarztpraxis
Zahnarztpraxen als Renditeobjekt | Video verfügbar bis 24.10.2019 | Bild: picture alliance / dpa Themendienst / Christin Klose

  • Aus Sicht von Investoren sind Zahnarztpraxen offenbar ein lohnendes Geschäft.
  • Immer mehr Praxen werden von Kapitalgebern aufgekauft.
  • "Plusminus" zeigt, was das für die Patienten bedeuten kann.

Bunt und lässig gestylt drängen sie auf den Markt: Praxisketten. Hier wird Zahnmedizin zum Wohlfühlpaket. Man wirbt mit "Preisvorteilen" oder "fairen, transparenten Angeboten". Eine Praxiskette aus Norddeutschland vermittelt im Werbevideo sogar Urlaubsstimmung.

Zahnärztliche Untersuchung
Zahnärztliche Untersuchung | Bild: wdr

Für Jochen Bauer von der Vereinigung Demokratischer Zahnmedizin ein bedenklicher Trend: "Das hat mit Zahnmedizin nichts zu tun. Hier wird irgendwas auf Wohlfühl gemacht. Auf Lifestyle, irgendwas mit Bierwerbung ist da für mich wesentlich näherliegend als irgendwas mit Zähnen."

Bundesweit breiten sich die Zahnarztketten aus. Auffallend dabei ist: Sie entstehen vor allem in zahlungskräftigen Regionen, auf dem Land und in Ostdeutschland weniger. Was viele Patienten nicht wissen: Finanzgeber dieser Praxen sind Private-Equity-Gesellschaften, also milliardenschwere Investoren, die zentral Abrechnung und Verwaltung der Praxen steuern. Ihr Sitz ist in Jersey, USA, Bahrain, Schweden und Deutschland.

Wie erkennt man diese Praxen?

Christoph Scheuplein ist Experte für Fremd-Investoren in der Gesundheitsbranche. Wir treffen ihn vor einer dieser Ketten, der "Zahnstation" in Wuppertal. Die Ärzte hier sind angestellt, wie in allen Praxen, die durch Investoren betrieben werden. In den Praxisräumen dürfen wir nicht drehen. Wir organisieren einen Flyer. Nirgends eine Information zu den Eigentümern.

Christoph Scheuplein, Experte für Fremd-Investoren in der Gesundheitsbranche
Christoph Scheuplein, Experte für Fremd-Investoren in der Gesundheitsbranche | Bild: wdr

Auf der Webseite finden wir nur den Hinweis, dass der Geschäftsführer in Köln sitzt. "Über den eigentlichen Hintergrund, wer der Fondeigentümer ist, da bekommen wir nichts im Internet heraus", sagt Scheuplein. Wem welche Zahnarztkette tatsächlich gehört, hat er in den letzten Monaten recherchiert. Er kennt Veröffentlichungen von Investoren, in denen der deutsche Gesundheitsmarkt als lohnendes Investment mit zweistelligen Renditeerwartungen beschrieben wird. Einer dieser Investoren steht auch hinter der "Zahnstation" in Wuppertal und zwar Nordic Capital mit Sitz in Jersey. Einer der größten Player in Europa.

Wir fragen bei Nordic Capital an, inwiefern sie sicherstellen, dass Behandlungen nicht nach renditeorientierten Aspekten erfolgen? Man antwortet uns schriftlich, dass "das Wohl der Patienten und die Qualität der Versorgung im Mittelpunkt stehen müssen. Wir sind überzeugt davon, dass Verbünde von Zahnarztpraxen eine positive Entwicklung für die Patienten darstellen." Stimmt das?

Insider berichtet über Zustände bei Zahnarztkette

Wir bekommen Kontakt zu einem Zahnarzt, der für eine Kette gearbeitet hat, die zu einem Investor gehört. Er will anonym bleiben: "Da gibt es mündliche Ansagen, entweder über das Praxismanagement, das gefühlt über den angestellten Zahnärzten steht, oder halt über die Zentrale selbst. Ich habe zum Beispiel einer Patientin eine Prothese empfohlen, mit der sie gut versorgt gewesen wäre. Da wurde ich dann von der Zentrale darauf hingewiesen, dass ich doch besser mehrere Implantate einsetzen und die Patientin von der teureren Variante überzeugen soll."

Bundesweit breiten sich die Zahnarztketten aus.
Bundesweit breiten sich die Zahnarztketten aus.  | Bild: wdr

Harte Vorwürfe: Patienten als sichere Rendite? "Durch geschicktes Steuern bekomme ich die Patienten durchaus dorthin, Leistungen für notwendig zu erachten, die völlig unsinnig sind", sagt Jochen Bauer von der Vereinigung Demokratischer Zahnmedizin. "Ich kann Leistungen gut machen, ich kann sie aufwendig machen, ich kann sie gewissenhaft machen, aber auch das kann der Patient nicht beurteilen. Er hat gar keine Chance."

So funktioniert das Modell der Zahnarztketten

Kapitalinteressen sollen medizinische Entscheidungen aber nicht beeinflussen, daher dürfen "Nichtärzte" eigentlich keine Praxen kaufen. Doch es gibt ein Einfallstor: Der Investor kauft ein Krankenhaus, meist eine insolvente Klinik. Jetzt darf er ein zahnmedizinisches Versorgungszentrum gründen, ein sogenanntes MVZ, eine Art Miniklinik für Zahnbehandlungen. Als Eigentümer eines MVZ darf er nun bundesweit Arztpraxen aufkaufen. Eine Kette entsteht.

Da die Investoren verstärkt in die Ballungsgebiete gingen, könnte sich der Facharztmangel auf dem Land noch verstärken, erklärt Christoph Scheuplein, Gesundheitsexperte von der Hochschule Gelsenkirchen. Der Gesundheitsmarkt stehe vor einem grundlegenden Wandel. Seit Jahresbeginn werden verstärkt Praxen auch anderer Fachgebiete gekauft. "Radiologe, Augenheilkunde, das sieht ganz interessant aus."

Gesundheitsunternehmen in der Hand von Investoren sowie die Zahl der Beschäftigten
Gesundheitsunternehmen in der Hand von Investoren sowie die Zahl der Beschäftigten | Bild: wdr

Das Ziel der Investoren: kaufen und später gewinnbringend verkaufen. Im Moment wird kräftig gekauft. Während 2013 circa elf Gesundheitsunternehmen mit ungefähr 8.100 Beschäftigten in der Hand von Investoren waren, sind es im Sommer 2018 bereits 130 – mit insgesamt 83.000 Mitarbeitern. "Die Investoren gehen in den Gesundheitsmarkt hinein, weil natürlich über die Krankenkassen die Erträge erst einmal gesichert sind", sagt Scheuplein. "Und weil Deutschland natürlich eine alternde Bevölkerung hat, das heißt: Der Markt im Gesundheitsbereich wird zunehmen."

Das sagt das Gesundheitsministerium

Wir sprechen noch einmal mit dem Insider, wollen wissen, wie frei der angestellte Arzt in seinen Entscheidungen war: "Die Abrechnung läuft über eine Software. In der Zentrale gucken die dann in die Software, sehen was für ein Umsatz gemacht wurde. Da steht dann auch drin, worüber ich aufgeklärt habe, über Brücke, Krone oder Implantat. Behandlungsfreiheit, die hatte ich persönlich nicht. Und wenn man nicht mitmacht, dann gibt es Abmahnungen."

Wir fragen im Gesundheitsministerium nach: Wie werden die Patienten vor solchen renditeorientierten Praxen geschützt? Man antwortet: "Diese Sorge nimmt das BMG ernst und prüft eine Weiterentwicklung der Regelungen zu den MVZ. Die Beratungen sind allerdings noch nicht abgeschlossen." Arztverbände fordern ein zentrales Investoren-Register für mehr Transparenz. So hätten Patienten wenigstens die Chance zu erfahren, wer hinter der Zahnarztpraxis stehe.

Autorin: Pia Busch

Stand: 25.10.2018 08:56 Uhr

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