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Altersvorsorge: Was bringt das neue Rentenpaket?

Inhalt in Kürze:
– Österreicher bekommen mehr Rente als Deutsche.
– Das Rentenpaket der Großen Koalition soll das Rentenniveau sichern und die Beiträge stabil halten.
– Experten reicht es nicht weit genug.
– Auch bei der privaten Altersvorsorge gibt es Nachbesserungsbedarf.

Über Susanne Rendl hat "Plusminus" schon einmal berichtet. Die Ingenieurin und Kulturwissenschaftlerin geht jetzt mit 60 Jahren in Rente. Obwohl sie oft nur mäßig bezahlte Jobs und lange familiäre Ausfallzeiten hatte, braucht sie sich nicht vor Altersarmut zu fürchten – denn sie lebt in Österreich: "Ich habe gedacht, die haben sich irgendwie verrechnet – hoffentlich haben sie sich nicht verrechnet! Weil dann doch über die Jahre ziemlich viel zusammengekommen ist."

Weihnachten und Geburtstag gleichzeitig

Susanne Rendl
Susanne Rendl freut sich über 14 Rentenzahlungen pro Jahr. | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

1.658 Euro bekommt sie. Davon können viele in Deutschland nur träumen. Das Geld kommt nicht nur jeden Monat, sondern "14 Mal im Jahr. Alle sechs Monate gibt es noch ein Gehalt dazu, das ist einfach wie Weihnachten und Geburtstag gleichzeitig."

Nach 45 Arbeitsjahren bekommt ein Rentner in Österreich um die 80 Prozent seines durchschnittlichen Bruttoeinkommens. In Deutschland sind es nur gut 44 Prozent. Viele Rentner in Deutschland müssen darum deutliche Abstriche bei ihrem Lebensstandard machen.

Das neue Rentenpaket

Hubertus Heil, Bundesminister für Arbeit und Soziales
Hubertus Heil, Bundesminister für Arbeit und Soziales | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Das neue Rentenpaket der Koalition ändert daran praktisch nichts. Dennoch trat Hubertus Heil in den späten Stunden des 28. August als gut gelaunter Arbeits- und Sozialminister vor die Presse: "Wir haben es geschafft, das gemeinsam hinzukriegen. Die Koalition ist handlungsfähig, das zeigen wir beim Thema Rente, das zeigen wir beim Thema Arbeitsmarkt. Deswegen bin ich heute ein sehr zufriedener Arbeitsminister."

Beschlossen wurde die Stabilisierung des Rentenniveaus auf 48 Prozent. Zugleich sollen die Beiträge bis 2025 nicht über 20 Prozent steigen. Außerdem gibt es Verbesserungen bei der Erwerbsminderungsrente und Änderungen bei der Mütterrente.

Kleine Schritte statt großem Wurf

Prof. Peter Bofinger
Prof. Peter Bofinger | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Statt des großen Wurfs gibt es viele kleine Schritte. Für Fachleute wie den Wirtschaftswissenschaftler Prof. Peter Bofinger, Mitglied im Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, sind diese Maßnahmen aber insgesamt nicht nachhaltig: "Bei den kleinen Schritten besteht das Problem, dass die Mittel, die man für das große Ziel braucht, unterwegs verausgabt werden und dass dann tatsächlich nicht genug da ist, um das insgesamt vernünftig zu lösen. Und worauf es wirklich im Rentensystem ankommt ist, dass es sehr viel umfassender angelegt werden muss, als es heute der Fall ist. Das heißt, es darf nicht nur die abhängig Beschäftigten einschließen, sondern es muss auch die gesetzliche Rentenversicherungspflicht für Selbständige geben."

Genau das ist in Österreich der Fall. Anders als in Deutschland zahlen hier alle Erwerbstätigen in die Rentenkasse, auch Selbständige und Geringverdiener mit einem Einkommen ab 450 Euro bis hin zur Obergrenze von rund 5.000 Euro.

Warum Österreichs Rentensystem funktioniert

Dr. Florian Blank von der Hans-Böckler-Stiftung
Dr. Florian Blank von der Hans-Böckler-Stiftung | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Dr. Florian Blank von der Hans-Böckler-Stiftung hat das österreichische System durchgerechnet – und dabei festgestellt, das es stabil und langfristig finanzierbar ist: "Die Österreicher haben, was die Leistung angeht, zwei Punkte geschafft oder besser gesagt vielleicht erhalten: Das eine ist das grundsätzliche Ziel der Lebensstandardsicherung, dass Menschen, die ihr Leben lang gearbeitet haben, darauf vertrauen können, wenn sie in die Rente gehen, keine großen Einbußen hinzunehmen. Die andere Sache ist, dass es in Österreich eine Leistung gibt, die auch bei Erwerbskarrieren, die vielleicht unglücklich verlaufen sind, wo nur kurze Beitragszeiten vorliegen, sicherstellen, dass nach einer gewissen Vorversicherungszeit von einigen Jahren so eine Art Mindestleistung ausgezahlt wird. Also zwei zentrale Bausteine, die dafür sorgen, das System für die Menschen besser zu machen."

Matthias W. Birkwald, rentenpolitischer Sprecher der Bundestagsfraktion Die Linke
Matthias W. Birkwald, rentenpolitischer Sprecher der Bundestagsfraktion Die Linke | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Auch deutsche Parlamentarier kennen die Vorzüge des österreichischen Systems, darunter Matthias W. Birkwald, rentenpolitischer Sprecher der Bundestagsfraktion Die Linke: "Das österreichische Alterssicherungssystem ist nicht teurer, wie häufig fälschlicherweise behauptet wird. Denn in Österreich bezahlen die Arbeitgeber 12,55 Prozent Beitrag in die Rentenkasse und Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer nur 10,25 Prozent und das übrigens schon seit 30 Jahren und haben damit Renten, die durchschnittlich bei Arbeitern und Angestellten, jetzt mal bei den Männern 1.079 Euro jeden Monat über denen der Männer in Deutschland liegen und bei den Frauen sind es immer noch 341 Euro."

Warum sich Riestern kaum lohnt

Finanzprofessor Olaf Stotz von der Frankfurt School of Management
Finanzprofessor Olaf Stotz von der Frankfurt School of Management  | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Die gesetzliche Rente ist das eine. Es hapert in Deutschland aber auch bei der privaten Vorsorge. Insbesondere bei der Riesterrente. Finanzprofessor Olaf Stotz von der Frankfurt School of Management hat für "Plusminus" vorgerechnet, warum sich Riester-Sparen kaum lohnt: "Wenn Sie Geld von heute nehmen, es dem Bund geben, bekommen Sie in der Zukunft relativ wenig zusätzlich zurück, weil die Zinsen eben niedrig sind und das rentiert sich natürlich dann entsprechend niedrig."

Schwedens erfolgreiches Fondssystem

In Schweden hat man auch dafür eine Lösung gefunden, wie "Plusminus" berichtete. Hier bezahlen alle 16 Prozent vom Bruttolohn in die Grundrente, sowie 2,5 Prozent in eine sogenannte Prämienrente, die kapitalgedeckt ist. Die Prämienrente wird über eine Pensionsagentur in den Staatsfonds AP 7 eingezahlt. 30 Mitarbeiter kaufen Aktien, der Fonds ist auf über 44 Milliarden Euro angewachsen und erzielt Renditen von bis neun Prozent – bei äußerst geringen Verwaltungskosten. Das Ziel ist es, eine auskömmliche Rente für alle zu finden.

Ein Rentensystem für die Menschen

Damit deutsche Rentner auch dahin kommen, bedarf es allerdings grundlegender Reformen, wie Prof. Peter Bofinger erklärt: "Entscheidend ist eben tatsächlich, dass wir ein Rentensystem haben, das umfassend ist, das möglichst alle Menschen, die arbeiten, einschließt und das dann eben auch in der Lage ist, denjenigen, die ihr Leben lang gearbeitet haben, auch eine angemessen Absicherung zu geben."

Autoren: Christiane Cichy, Thomas Falkner
Bearbeitung: Friedemann Zweynert

Stand: 13.09.2018 13:00 Uhr

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