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Euro-6-Diesel und das Thermofenster

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Euro-6-Diesel und das Thermofenster | Video verfügbar bis 16.10.2020 | Bild: picture alliance/Blickwinkel/McPhoto/C. Ohde

Seit drei Monaten steht er still, der Mercedes GLC von Stukkateurmeister Stefan Kallenborn aus Überherrn im Saarland. Denn um das Auto gibt es Streit vor Gericht. Stefan Kallenborn, Mercedes-Kunde: "Das Fahrzeug bleibt so lange hier stehen, bis geklärt ist ob rückabgewickelt wird. Schlimmstenfalls wird es irgendwann verkauft, wahrscheinlich mit einem sehr hohen Wertverlust."

Das Kraftfahrtbundesamt hatte wegen "unzulässiger Abschalteinrichtungen" einen Rückruf angeordnet. Für ein Software-Update sollte der Wagen zurück in die Werkstatt. Aber: Stefan Kallenborn, Mercedes Kunde: "Wir sind dieser Rückrufaktion nicht gefolgt. Weil wir der Meinung sind, dass durch ein Software-Update ein Sachmangel durch einen nächsten Sachmangel quasi ausgetauscht wird."

Bei den Mercedes-Rückrufen geht es um die – Zitat – "unzulässige Reduzierung der Wirksamkeit des Emissionskontrollsystems" – unter anderem durch ein so genanntes "Thermofenster". Ein Begriff, der wohlige Wärme suggeriert, bei Autobauern aber eine ganz andere Bedeutung hat. Bei Thermofenstern in Dieselmotoren wird die Abgasreinigung reduziert oder ganz abgeschaltet, wenn die Außentemperatur über oder unter bestimmten Werten liegt. Zum Schutz des Motors, sagen die Hersteller.

Dieser Mann spielt in den Verfahren gegen verschiedene Autobauer eine zentrale Rolle. Professor Martin Führ war Gutachter im Untersuchungsausschuss zum Dieselskandal. Maßgeblich für ihn: die EU-Verordnung Nr. 715 von 2007. Darin geht es geht um die "Minderung der Stickstoffoxidemissionen bei Dieselfahrzeugen" und "ambitionierte Grenzwerte in der Euro-6-Stufe".

Er sieht die Sache so: Prof. Martin Führ, Professor für Umwelt-, Verwaltungs- und Europarecht: "Thermofenster ist eine Umschreibung für eine Abschalteinrichtung. In den Rechtsnormen gibt es diesen Begriff nicht, das ist eine Erfindung der Automobilindustrie, um die Abschalteinrichtung zu verschleiern."

Beim Daimler-Konzern sieht man das ganz anders. Die Abgasreinigung müsse – Zitat: "aus Gründen des Motorschutzes temperaturabhängig betrieben werden".

Dies stehe "im Einklang mit den gesetzlichen Vorgaben für die Euro-5- und Euro-6-Norm".

Nachfrage beim Zentrum für Verbrennungsmotoren an der TH Aschaffenburg. Ist die Abgasreinigung von Diesel-PKW so wetterfühlig, dass sie schon bei herbstlichen Temperaturen ausgeschaltet werden muss, um Motorschäden zu verhindern?

Ein Autohersteller wirbt mit einer überdimensionalen blauen Plakette dafür, dass das Fahrzeug die «Euro 6»-Norm erfüllt.
Ein Autohersteller wirbt mit einer überdimensionalen blauen Plakette dafür, dass das Fahrzeug die «Euro 6»-Norm erfüllt. | Bild: picture alliance / Rolf Vennenbernd/dpa

Prof. Dr.-Ing. Kai Borgeest: "Die Thermofenster sind nicht wirklich technisch notwendig. Die günstigste Lösung wäre beim Kühler (...) einen Bypass zu schalten. Der dafür sorgt, dass bei zu geringen Außentemperaturen, nicht das Abgas noch weiter runtergekühlt wird. Die wahrscheinlich zweitgünstigste Maßnahme ist die Abgasrückführung vor allzu großen Temperaturverlusten zu schützen, indem man sie isoliert. Theoretisch ginge das mit Isoliermaterialien, praktisch würde man es eher tun indem man die Abgasrückführung weiter in den Motor hineinverlegt."

Nach Auffassung des Experten muss das oft gar nicht viel kosten. Prof. Dr.-Ing. Kai Borgeest: "Wir reden bei einem Bypass für den Abgasrückführkühler zwischen 50 und 100 Euro. Bei einer Isolierung durch Verlagerung in den Motor hängt es immer sehr stark von der Konstruktion ab. Es kann sehr günstig sein, es kann auch sehr aufwändig sein."

Auch Volkswagen gerät mit seinen Diesel-Autos erneut in den Dunstkreis ungereinigter Abgase. Rainer Bilau fährt einen Golf VII mit Euro-6-Abgasreinigung. Und will den Kauf rückabwickeln, wie es im Juristendeutsch heißt. 

Rainer Bilau, Volkswagen Kunde: "Bei dem neuen Wagen wurde mir unmissverständlich und auch auf explizite Nachfrage hin versprochen, dass eine Manipulation in keiner Weise vorliegen würde. Die ist explizit und auf Nachfrage schriftlich ausgeschlossen worden."

Bei seinem Golf ist ein Nachfolgemodell des berüchtigten Betrugsmotors verbaut, der vor vier Jahren den Dieselskandal ausgelöst hat. Nun gerät auch sein Motor EA 288 in den Fokus. Volkswagen musste schon den Bully-Kleinbus T6 mit eben diesem Motor zurückrufen. Eine "Konformitätsabweichung führt zur Überschreitung des Euro-6- Grenzwertes für Stickoxide", heißt es im Rückrufbescheid des Kraftfahrt-Bundesamts.

Carolyn Diepold, Gansel Rechtsanwälte: "Wenn das keine Indizwirkung hat, für alle anderen EA 288 Motoren, was dann? VW sagt erst, dieser Motor ist gar nicht betroffen, plötzlich ist ein Modell betroffen mit dem Motor und wir gehen natürlich davon aus, dass alle betroffen sind."

Dieser Meinung widerspricht VW und beruft sich auch auf notwendige "Schutzfunktionen für den Motor".

Zitat Volkswagen: "Thermofenster sind zum Schutz vor Schäden an Bauteilen des Fahrzeugs bei niedrigen und sehr hohen Temperaturen erforderlich. Wie das Thermofenster wirkt, ist dabei je nach Fahrzeug individuell verschieden, da sich die Abgasreinigungskonzepte, die Temperatur des Motors sowie die zu schützenden Bauteile unterscheiden."

Der Autobauer bezieht sich dabei auf einen Passus in der EU-Verordnung, der Abschalteinrichtungen erlaubt, um den Motor vor Beschädigung zu schützen.

Aber, die EU-Vorgaben fordern auch eine Abgasreinigung, mit der: "das Fahrzeug unter normalen Betriebsbedingungen dieser Verordnung (...) entspricht."

Die von uns befragten Experten sind hier einer Meinung:

Prof. Dr.-Ing. Kai Borgeest: "Es gibt eine definierte Durchschnittstemperatur in der EU, die beträgt 14 Grad. Und bei 14 Grad arbeiten die Abgasrückführungssysteme vieler Hersteller schon nicht mehr"

Prof. Martin Führ: "Auch bei andren Bauteilen würde man nicht sagen, die funktionieren nur bei bestimmten Temperaturen. Etwa der Airbag nur bei 15-20 oder die Bremsen bei 5 bis 10 Grad. Das ist genauso absurd. Und auch da könnte man irgendeine vorgeschobene technische Rechtfertigung vielleicht herbei reden. Aber gefordert ist ein Fahrzeug, das unter allen normalen Betriebsbedingungen in vollem Umfang funktioniert, bis hin zum Auspuff."

Von deutschen Gerichten werden die Thermofenster unterschiedlich beurteilt. Während zum Beispiel das OLG Stuttgart im Sinne von Daimler geurteilt hat, hat jüngst das Landgericht Mönchengladbach Daimler zur Rücknahme eines Mercedes der C-Klasse verurteilt. Obwohl es noch gar keinen offiziellen Rückruf für das Fahrzeug gab. Entscheidend für die Richter: die Existenz des Thermofensters.

Gerrit Hartung, Rechtsanwalt: "Diese Thematik des Thermofenster ist von Daimler unstreitig eingeräumt. Es geht da nur um die Frage: Ist es zulässig oder nicht zulässig? Und da hat dann eben das hiesige Landgericht Mönchengladbach in dem Verfahren, das wir hier gewinnen konnten eben durch juristische Wertungen niedergelegt, dass es eine unzulässige Abschalteinrichtung ist."

Daimler hat dagegen Berufung eingelegt. Sollten solche Urteile in höheren Instanzen bestätigt werden, dann könnten die so genannten Thermofenster zu einer neuen Klagewelle bei Diesel-Autos führen.

Ein Beitrag von Jörn Kersten

Stand: 18.10.2019 08:58 Uhr

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