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Lasche Kontrollen bei Auto-Rückrufen

PlayArbeit an einem Auto
Lasche Kontrollen bei Auto-Rückrufen  | Video verfügbar bis 21.08.2020 | Bild: dpa/David Ebener

– Über 180 Rückrufe allein im ersten Halbjahr wegen defekter Teile
– Über 30 Prozent zurückgerufener Autos fahren dennoch weiter herum
– Verantwortlichkeit ist ungeklärt
– Autokonzerne dürfen sich bei Rückruf bis zu 18 Monate Zeit lassen
– Experte: Deutsche Praxis ist skandalös und verstößt gegen EU-Recht
– Bei Unfällen haben Autobesitzer schwierige Beweislast

Verkehrsunfälle durch defekte Teile im Auto nehmen zu. Logisch, dass deswegen auch die Zahl der Rückrufe zunimmt: Gut 180 waren es bis zur Jahresmitte - da fahren auch deutsche Hersteller vorne mit. Aber damit ist die Gefahr längst noch nicht ausgebremst. Denn die Konzerne dürfen sich ziemlich viel Zeit für den Rückruf lassen. Und das Kraftfahrt-Bundesamt fühlt sich gar nicht zuständig dafür, dass alle angeschriebenen Autobesitzer zurück in die Werkstatt fahren, um Sicherheitsmängel beheben zu lassen - ein Risiko für jeden Verkehrsteilnehmer. 

Todesgefahr durch defekten Airbag

Verkehrsunfälle, ausgelöst durch defekte Teile im Auto. Dieser Airbag explodiert ungewollt.

Metallteile werden herauskatapultiert und verletzen Menschen.

In den USA hat die US-Verkehrsüberwachungsbehörde NHTSA zahlreiche Fälle dokumentiert.

Im Januar meldet die Europäische Kommission über das öffentlich zugängliche Online-Schnellwarnsystem Rapex für Produkte mit ernsten Mängeln zahlreiche Honda Modelle mit genau dem gleichen Problem:

Zitat: "Ein Defekt im Gasgenerator des Beifahrerairbags …führt zu unkontrollierter Inflation und zum Lösen von Metallfragmenten beim Auslösen des Airbags. Dies kann dazu führen, dass die Fahrzeuginsassen verletzt werden."

Markus Herrmann, Kfz Meister: "Wenn der Mangel besteht und Gefahr für Leib und Leben da ist, dann muss sofort reagiert werden."

Über 30 Prozent der Fahrzeuge weiter unkontrolliert unterwegs

Honda hat die Fahrzeuge zurückgerufen. Wir wollen wissen: Wie viele Autos mit diesem Problem sind noch unterwegs?

Nachdem im Januar dieses Jahres die Rapex Meldung erfolgt ist, sind im Juli noch 20.507 Fahrzeuge mit dem gravierenden Risiko auf den Straßen.

Trotz Rückruf haben da 31 Prozent aller betroffenen Fahrzeuge nach wir vor einen Risiko-Airbag.

Axel Friedrich, Verkehrsexperte: "Wenn Sie einen Airbag haben, der aufgeht während der Fahrt, kriegen Sie einen Schlag aufs Ohr, während der Fahrt. Dieses Teil sitzt Ihnen ja im Gesicht. Sie sehen nichts mehr. D.h., Sie werden mit Sicherheit einen Unfall machen."

Ein weiterer Fall: BMW: 16.000 Fahrzeuge mit Gefahr des Ausfalls der Elektronik waren diesen Juli ein Jahr nach der Rapex Meldung noch immer auf der Straße:

Axel Friedrich, Verkehrsexperte: "Er bekommt einfach dann kein kontrolliertes Bremsen und Fahren mehr hin, das ist ein hohes Risiko. Das muss sofort zurückgerufen, sofort in Stand gesetzt werden."

Experte mahnt dringenden Handlungsbedarf an

Die Rückrufpraxis in Deutschland hält der Experte für skandalös. Wie laufen Rückrufe ab?

Autos auf der Autobahn
Autos auf der Autobahn | Bild: Imago Images/Schöning

Meldungen aus der Rapex-Liste gehen an die zuständigen nationalen Behörden für Kraftfahrtzeug-Sicherheit, in Deutschland das Kraftfahrtbundesamt, kurz KBA. So erfährt das KBA und auch alle anderen zuständigen nationalen Behörden in den EU Ländern über ernste Risiken von Kraftfahrtzeugen. Umgekehrt melden alle nationalen Behörden an Rapex.

Hersteller können sich trotz Gefahr 18 Monate lang Zeit lassen

Fast täglich erreichen Meldungen mit ernsten Risiken das KBA. So geht das Amt dann vor:

Zitat: "Sofern ein ernstes Risiko besteht, werden die Fahrzeughalter in der Regel im Rahmen einer Halterbenachrichtigung des Herstellers über den Rückruf informiert."

Und: Obwohl die Mängel Gefahren für Leib und Leben darstellen können, gibt das KBA den Herstellern bis zu 18 Monate Zeit die Rückrufe abzuwickeln.

Auch für solche Mängel an Bremsanlagen oder Rädern: Markus Herrmann, Kfz-Meister: "Ist eine unschöne Sache, wenn einen das Hinterrad überholt. Muss sofort behoben werden. Vor allen Dingen. Schrauben austauschen ist ja eine Sache von 20 Minuten. Warum 12-18 Monate Zeit verstreichen lassen."

Gleiches gilt für Probleme am Bremspedal. Markus Herrmann, Kfz-Meister: "Da ist der Haltebolzen, der sich lösen kann, wenn ich bremsen will und nicht kann, weil das Bremspedal runtergefallen ist, ist eine ganz schlechte Situation. Keine Frage, muss sofort behoben werden."

Rückrufpraxis verstößt gegen EU-Recht

Der Fachmann für Verwaltungsrecht Prof. Remo Klinger weist auf die EU Richtlinie für Produktsicherheit hin. Unverzüglich müssten gefährliche Produkte vom Markt: Prof. Dr. Remo Klinger, Universität Eberswalde: "Das ist ein ganz klarer Verstoß gegen die Richtlinie. Das ist nicht nur ein Verstoß gegen den Geist der Richtlinie, sondern sie besagt ausdrücklich, dass die Rückrufe unverzüglich zu erfolgen haben, damit eben Leib und Leben der Bürgerinnen und Bürger nicht zu gefährden.

Autos auf einem Parkplatz
Autos auf einem Parkplatz | Bild: SR

Es kann nicht sein, dass es ein eher so nettes Zusammenarbeiten zwischen Industrie und KBA geht, wo man mal miteinander redet. Und dem anderen dann monatelang ...Zeit gibt um so etwas umzusetzen. Das ist nicht Recht, das ist nicht rechtens, sondern hier muss die Aufsicht durchgesetzt werden, die das KBA gegenüber den Herstellern hat."

Meldungen über ernste Gefahren in 5 Jahren fast verdoppelt

Plusminus und die Daten-Journalisten von BR Data haben die EU-Datenbank Rapex nach Fahrzeugrückrufen ausgewertet, die Deutschland betreffen. Die Zahl der Meldungen zu Herstellern von Autos, Bussen oder LKW, von denen eine ernste Gefahr ausgeht, hat sich in den vergangenen fünf Jahren mehr als verdoppelt.

Schwierige Beweislast bei Unfällen

Immerhin, wenn es durch defekte Fahrzeugteile zu Unfällen kommt, haftet der Hersteller. Das große Problem: Autofahrer müssen beweisen, dass ein Defekt zum Unfall geführt hat.

Auf Anfrage erklärt das Bundesministerium für Justiz:

Zitat: Den Mangel muss derjenige nachweisen, der sich gegenüber dem Produkthersteller darauf beruft.

Axel Friedrich, Verkehrsexperte: "Das ist gar nicht fair. Denn der kleine Eigentümer eines Autos ist im Vergleich zu der Macht eines großen Konzernes nicht in der Lage so etwas nachzuweisen."

US-Behörde überwacht Rückrufe genauer

In den USA sind die Bürger wesentlich besser geschützt: Rechtsanwalt Paul Zukerberg in Washington erklärt die Rechtslage: "We have the transportation authority which is …..ordering recalls and people still have a private robust system of civil law where they can go in if they have been hurt or their loved ones have been hurt or killed."

Übersetzt: "Wir haben die Nationale Transport Behörde. Sie überwacht die Rückrufe und die Menschen haben noch ein robustes Zivilrecht, das ihnen hilft, wenn sie verletzt werden oder ihre Liebsten getötet werden."

Paul Zukerberg, Rechtsanwalt Washington: "You only have to show that there was a defective product it was marketed it was unsafe and it was introduced into the stream of commerce. And if you can do that you can have a product liability case against the manufacturer automobile."

Übersetzt: "Man muss nur zeigen, dass es ein mangelhaftes Produkt gab, dass es unsicher und im Markt war. Und wenn man das kann, dann hat man in einem Schadenersatz Prozess gegen den Autohersteller gute Karten."

Gerade meldet VW für den T6 Brandgefahr. Das KBA gibt dem Hersteller wieder Monate Zeit, die Autos zu richten. Die laxe Rückrufpraxis: Ein zu hohes und obendrein unnötiges Risiko für alle Verkehrsteilnehmer.

Ein Beitrag unserer Kollegin Sabina Wolf vom BR

Stand: 21.08.2019 22:55 Uhr

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