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Skandal um Antibaby-Pille: Wie Opfer um Entschädigung kämpfen

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Pille-Skandal: Wie Opfer um Entschädigung kämpfen | Video verfügbar bis 22.10.2020 | Bild: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

• Antibaby-Pillen von Bayer wurden wie Lifestyle-Produkte angeboten, obwohl das Thromboserisiko bei ihnen deutlich höher liegt als bei älteren Präparaten.
• Lange wurde davor auf den Beipackzetteln nicht gewarnt.
• Tausende Frauen erlitten Lungenembolien und Schlaganfälle.
• In den USA hat Bayer sich außergerichtlich geeinigt und 2,1 Milliarden US-Dollar Entschädigung gezahlt. Opfer in Deutschland gehen bislang leer aus.
• Auch andere Antibaby-Pillen der neuen Generation haben ein höheres Thromboserisiko.

Es klingt, als sollten Frauen für die Last der Verhütung mit angenehmen Nebeneffekten entschädigt werden: Die Pillen Yasminelle®, Yasmin® oder Yaz® des Bayer-Konzerns sollen sich neben dem Schutz vor einer ungewollten Schwangerschaft auch positiv auf Körper und Seele auswirken. Das klingt verlockend, aber nicht nach Bedenken. Und schon gar nicht nach einem lebensbedrohlichen Risiko.

"Klinisch fast tot"

Julia Frenking hat so eine Pille eingenommen – und damit fast ihr Leben verloren: " Das Herz ist stehengeblieben, dementsprechend war mein Gehirn mit Sauerstoff unterversorgt. Ich war eigentlich klinisch fast tot."

Julia Frenking
Julia Frenkings Leben hing an einem seidenen Faden.  | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Was war geschehen? Wie viele Frauen verhütete auch Julia Frenking mit einer Pille der neuesten Generation. Bedenken hatte sie nicht. Im Gegenteil: "Die Frauenärzte haben die einem so verkauft, als wäre die besonders gut verträglich, einfach ein Lifestyle-Produkt, ganz harmlos." Das passte gut zu der sportlichen Nichtraucherin. Doch an einem Tag im November 2014, damals war sie 29 Jahre alt, bekam sie plötzlich Atemnot. Sie schaffte es kaum noch die Treppe hoch und brach schließlich zusammen. Ihr Herz stand still. Sie hatte eine Lungenembolie durch Thrombose erlitten. Beide Lungenflügel waren voller Blutgerinnsel. Den Ärzten gelang es zwar, die Gerinnsel zu entfernen, aber die Aussicht auf das Leben nach der OP war düster, wie die Frau heute beschreibt "Dann haben die Ärzte (zu meinen Eltern, Red.) gesagt, es kann sein, dass sie aufwacht und gar nichts mehr kann, ein Leben lang ein Pflegefall bleibt, vielleicht kann sie noch ein bisschen was. Machen Sie sich mal keine Hoffnung."

Drei Jahre im Rollstuhl

Das Gehirn war nicht ausreichend mit Sauerstoff versorgt worden. Julia Frenking hatte einen Schlaganfall erlitten, in dessen Folge sie nicht mehr laufen konnte und alles erst wieder mühsam erlernen musste. Drei Jahre hat es gedauert, bis sie sich aus dem Rollstuhl herausgekämpft hatte.

Heute kann sie mit leichten Einschränkungen wieder laufen. Da bei ihr keine Risikofaktoren vorlagen, vermuteten die Ärzte bei ihr die Antibabypille als eine Ursache für die Thrombose mit den gravierenden Folgen.

Eine von vielen

Julia Frenking glaubt zunächst, ein Einzelfall zu sein – bis sie im Internet auf die Seite risiko-pille.de stößt. Hier berichten zahlreiche betroffene Frauen aus Deutschland über lebensgefährliche Nebenwirkungen der Pille wie Thrombose, Lungenembolie, Schlaganfall.

Eingriff ins Leben

Felicitas Rohrer
Zusammen mit anderen Frauen betreibt Felicitas Rohrer die Seite risiko-pille.de. | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Eine der Gründerinnen dieser Initiative ist Felicitas Rohrer. Sie hatte 2009 ein ähnliches Schicksal erlebt wie Julia Frenking. Sie hatte erst einige Monate mit Yasminelle® verhütet, als die damals 25-Jährige eine lebensbedrohliche Lungenembolie mit Herzstillstand erlitt. Die Ärzte müssen ihr Brustbein durchtrennen und sie am offenen Herzen reanimieren. Sie überlebte, doch die Schäden werden sie für immer begleiten. Sie beschreibt, wie nachhaltig sie ihr Leben verändert haben: "Ich kann nicht mehr meinen Beruf als Tierärztin ausüben, weil mir das körperlich nicht mehr möglich ist. Ich bin jetzt eine Thromboserisiko-Patientin, was ich davor nicht war, was natürlich auch Auswirkungen auf eine mögliche Schwangerschaft hätte. Ich habe psychische Folgeschäden, mein Körper ist nicht so leistungsfähig."

Schminkspiegel und Pinsel

Felicitas Rohrer hat die hübsche Verpackung ihrer Pille von damals aufgehoben. Weder im Begleitheft noch im Beipackzettel stand etwas von einer höheren Thrombosegefahr gegenüber älteren Pillen. Dafür gab es Schminkspiegel und Pinsel dazu.

Als Sorglos-Paket beworben

In den USA, wo Pharmaunternehmen auch für verschreibungspflichtige Medikamente werben dürfen, ging Bayer noch offensiver vor, um seine Pillen zu vermarkten. Der Konzern präsentierte sie quasi als Lifestyle-Produkte für ein schöneres Leben, in dem Probleme einfach verschwinden.

Höheres Thromboserisiko verschwiegen

Dabei war das erhöhte Thromboserisiko dieser Pillen Bayer schon seit 2008 bekannt. Auch in den Folgejahren zeigten unabhängige Studien immer wieder, dass der Wirkstoff Drospirenon ein bis zu doppelt so hohes Thromboserisiko im Vergleich zu älteren Antibabypillen hat. Während nämlich bei älteren Pillen statistisch gesehen von 10.000 Frauen pro Jahr fünf bis sieben eine Thrombose bekommen, sind es bei den neuen Pillen mit dem Wirkstoff Drospirenon neun bis zwölf Frauen.

Grafik Thrombose-Risiko
Bei Pillen der neuen Generation liegt das Thromboserisiko deutlich höher. | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Klage gegen Bayer

Erst 2014 brachte ein Beschluss der EU Kommission Bayer und andere Hersteller dazu, ihre Beipackzettel zu ändern und über das erhöhte Risiko zu informieren. Für Felicitas Rohrer kam diese Änderung zu spät. Sie wusste nichts davon. Da Bayer jede Verantwortung abstritt, verklagte die junge Frau den Hersteller schon 2011 auf Schadenersatz. Sie war damit die erste Klägerin in Deutschland und eine starke Motivation: "Ich finde, wenn Medikamente auf den Markt kommen, dann müssen bei gravierenden Nebenwirkungen auch die Hersteller dafür haften. Und ich sehe es nicht ein, dass Bayer Milliarden mit diesen Pillen verdient und sich weigert, in Europa Verantwortung für die Opfer zu übernehmen."

Milliardenschwere Einigung in den USA, Prozesse in Deutschland

Die Chancen schienen zunächst gut, denn Bayer hatte in den USA 2,1 Milliarden US-Dollar Schadenersatz an über 10.000 betroffene Frauen gezahlt – außergerichtlich und ohne Schuldeingeständnis.

Martin Jensch, Fachanwalt für Medizinrecht
Der Medizinrecht-Anwalt Martin Jensch vertritt Felicitas Rohrer und weitere Frauen. | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Zu solchen außergerichtlichen Einigungen kam es in Deutschland allerdings nicht. Felicitas Rohrer musste also vor Gericht ziehen und beweisen, dass die Pille bei ihr zur Lungenembolie geführt hat. Martin Jensch, Fachanwalt für Medizinrecht, vertritt Felicitas Rohrer und weitere Frauen in Deutschland. Er erklärt, warum Bayer in den USA zahlt, in Deutschland aber nicht: "Hier muss man natürlich sehen, dass Bayer damit kalkuliert hat, dass, wenn sie verurteilt werden in den USA weitaus höhere Schmerzensgeldansprüche ausgeurteilt worden wären als diejenigen, die jetzt außergerichtlich gezahlt werden. Die Gefahr besteht. Die ist real. Wir wissen, dass in den USA höhere Schmerzensgeldbeträge ausgeurteilt werden, die in ganz anderen Dimensionen liegen, als wir die in Deutschland kennen."

Bayer schreibt uns dazu, die Entscheidung, Vergleiche in den USA abzuschließen, beruht auf Besonderheiten des Rechtssystems in den USA. Die Vergleiche hätten keine Bedeutung für Rechtsfälle in anderen Ländern.

Klage abgewiesen

Felicitas Rohrer
Felicitas Rohrers Klage wurde abgewiesen. Jetzt geht sie in Berufung. | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Der Prozess von Felicitas Rohrer gegen Bayer zog sich über sieben Jahre. Dann wurde ihre Klage am Landgericht Waldshut-Tiengen abgewiesen. Es sei nicht bewiesen, dass die Pille die Lungenembolie verursacht habe. Es könne auch eine Flugreise gewesen sein, die allerdings vier Monate zurück lag. Anwalt Martin Jensch hält diese Begründung für falsch: "Es gibt eine Thrombose, in dem Bereich, in dem sie Frau Rohrer erlitten hat, keinen Fall, der nach einer Reisethrombose aufgetreten ist. Der ist nicht beschrieben. Das hat der Sachverständige auch klar festgestellt. Und dennoch hat das Gericht das dem Urteil zugrunde gelegt und das ist natürlich meiner Meinung nach fehlerhaft. " Für Felicitas Rohrer ist die Abweisung ihrer Klage ein herber Schlag. Sie hat Berufung eingelegt.

Weiter verschrieben

Was sie besonders ärgert: Anders als in Frankreich werden in Deutschland die drospirenonhaltigen Pillen nach wie vor von den Kassen bezahlt. Wegen der öffentlichen Debatte sind die Verordnungen für Yasminelle® und Co. zwar zurückgegangen, jedoch nicht zugunsten der risikoärmeren älteren Präparate. Stattdessen werden vermehrt andere Produkte der neuen Generation verschrieben.

Risiko auch bei anderen neuen Pillen höher

Gesundheitsökonom Prof. Gerd Glaeske
Gesundheitsökonom Prof. Gerd Glaeske sieht auch andere Pillen der neuen Generation kritisch. | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Dies sieht der Gesundheitsökonom Prof. Gerd Glaeske kritisch, wie er am Beispiel der Pille Maxim® der Firma Jenapharm beschreibt. Hier wurde "jahrelang damit geworben, dass bei ihnen sozusagen keine Erhöhung der Thrombosegefahr erkennbar wären, und dass man damit diese Pille für jede Frau verordnen könne. Seit Dezember 2018 wissen wir, dass auch bei der Pille die Thrombosehäufigkeit erhöht ist, fast genauso hoch wie bei den drospirenonhaltigen Pillen."

Uninformierte Ärzte

Dabei hat die zuständige Arzneimittelbehörde schon 2014 die Ärzte gewarnt und klargestellt: Ältere Pillen seien den neueren vorzuziehen, denn die hätten das geringste Thromboserisiko. Doch warum wurde das von den vielen Gynäkologen offenbar ignoriert? Die Frauenärztin Dr. Silke Bartens sieht einen Grund im Informationsfluss: "Eine Ursache ist sicher, das Nicht-Informiertsein, nicht richtig informiert zu sein über unabhängige Quellen, sondern die Kollegen sind informiert über manipulierte Zeitschriften und Kongresse. Und sie bekommen die Vertreter in die Praxis und sie bekommen die Musterverpackungen in die Schublade. Ich glaube, das Wissen ist immer noch so: "Naja, das wird schon nicht so schlimm sein.'"

Frauen wie Felicitas Rohrer hätten eine unabhängige Aufklärung ihrer Ärzte dringend gebraucht. Weil das nach wie vor zu wenig passiert, haben sie selbst auf ihrer Website unabhängige Informationen zusammengestellt. Die Botschaft ist deutlich: Die Pille ist kein harmloses Lifestyle-Produkt sondern ein Medikament, das lebensgefährliche Risiken haben kann.

Autorin: Christiane Cichy
Bearbeitung: Friedemann Zweynert

Stand: 24.10.2019 09:41 Uhr

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