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Produktionsbedingungen bei handgeknüpften Teppichen aus Indien

PlayKinder beim Teppichknüpfen
Produktionsbedingungen bei handgeknüpften Teppichen aus Indien | Video verfügbar bis 24.10.2019 | Bild: WDR

  • Handgeknüpfte Teppiche aus Indien sind ein Klassiker auf dem Teppichmarkt.
  • Das Land gehört neben dem Iran zu den wichtigsten Importländern für Knüpfteppiche nach Deutschland.
  • "Plusminus" war im sogenannten Teppichgürtel in Indien unterwegs und hat recherchiert, inwiefern Kinderarbeit dort verbreitet ist.

XXXLutz und Teppich Kibek – sie sind die großen Anbieter für Teppiche. Für teilweise wenig Geld gibt es sogar handgeknüpfte Orient-Teppiche aus Indien. Sie sind aus Wolle und je nach Größe in monatelanger Arbeit geknüpft. Etiketten versprechen: no child labour use, ohne Kinderarbeit hergestellt. Stimmt das?

Wir wollen mehr darüber wissen, wie das Teppichgeschäft läuft. Besuchen eine der weltgrößten Teppichmessen in Hannover. Die deutschen Händler geben uns auf Anfrage keine Auskünfte über ihre weltweiten Partner. Aus diesem Grund geben wir uns als Teppichdesigner aus, die einen Hersteller suchen.

Schnell kommen wir in Kontakt mit einem indischen Exporteur. Indien ist nach dem Iran das wichtigste Importland von Knüpfteppichen nach Deutschland. "Das sind alles handgeknüpfte Teppiche. Unser Hauptmarkt ist Deutschland", sagt der Messe-Exporteur. "Wir arbeiten mit vielen großen Firmen zusammen. Teppich Kibek, XXXLutz oder deutsche Onlinehändler. Bei uns bekommen sie alles aus einer Hand. Wir sind sowohl Hersteller als auch Exporteur."

Sie wollen mit uns ins Geschäft kommen. Wir vereinbaren ein Treffen in Indien. Beim Gehen fällt uns wieder das Etikett auf: "no child labour used", ohne Kinderarbeit hergestellt.

Recherche in Indien

Wir reisen nach Agra in Indien, Standort des berühmten Mausoleums Taj Mahal und Teil des indischen Teppichgürtels, der sich über mehrere hundert Kilometer zieht. 90 Prozent aller indischen Teppiche für den Weltmarkt werden hier produziert. Auch Teppiche für den deutschen Markt. Wir treffen zwei Experten, die seit Jahren gegen Kinderarbeit vorgehen. Den deutschen Benjamin Pütter und den indischen Aktivisten Dilip Sevarthi. Kinderarbeit ist in Indien für unter 14-Jährige grundsätzlich verboten.

Statt in die Schule zu gehen, müssen Kinder Teppiche knüpfen.
Statt in die Schule zu gehen, müssen Kinder Teppiche knüpfen. | Bild: WDR

Wir erhalten jedoch Hinweise, dass hier in der Nähe von Agra Kinder stundenlang Teppiche knüpfen müssen. Wir machen uns mit den beiden auf die Suche und tatsächlich: Gleich im ersten Haus finden wir Kinder, zur Schule gehen sie offenbar nicht, stattdessen knüpfen sie Teppiche. Puja und Neeha sind Schwestern. Gerade mal neun und zehn Jahre alt. Wir wollen wissen, warum die beiden hier arbeiten. "Die beiden Mädchen sagen mir, dass sie eigentlich nicht arbeiten wollen", übersetzt Dilip Sevarthi. "Aber ihr Vater schickt sie her zum Geldverdienen. Zur Schule dürfen sie nicht gehen." Wie viele Stunden die Kinder arbeiten? Von morgens sieben bis abends sieben, erfahren wir. Wir wollen wissen, warum sie nicht zur Schule gehen? Keine Antwort, stattdessen Verlegenheit.

Erlaubt wäre nur, wenn Kinder nach der Schule ein wenig aushelfen. Aber: "Entweder sie gehen zur Schule oder sie arbeiten", sagt uns eine Frau. Wir gehen ein Haus weiter. Auch hier mehrere Kinder am Knüpfstuhl. Dipika ist das jüngste Kind, das wir hier antreffen. Sie ist vier Jahre alt. Wir fragen ihre Großmutter, warum die Kleine arbeiten muss. "Na, für Geld. Für Geld", sagt sie.

Kinderarbeit kann oft nicht ausgeschlossen werden.
Kinderarbeit kann oft nicht ausgeschlossen werden.  | Bild: WDR

Überall finden wir in diesem Dorf Kinder. Teilweise mit verstümmelten Händen durch die scharfen Teppichmesser. Selbst die beiden Experten haben mit diesem Ausmaß an Kinderarbeit nicht gerechnet. "Was für ein Schock!", sagt Benjamin Pütter. "Wir sind hier in der Nähe des Taj Mahals, wo alle Touristen hingehen, und mir ist zum Heulen, weil ich lauter Kinder sehe, die hier arbeiten müssen, die lauter Teppiche herstellen. Ich arbeite fast Jahrzehnte gegen Kinderarbeit in der Teppichindustrie. Sie war extrem stark in den Neunziger Jahren. Ging fast auf null zurück in den Zweitausender Jahren und jetzt ist sie wieder da."

Arbeiten diese Kinder jeden Tag bis zu zwölf Stunden oder sogar mehr an Teppichen, die bei uns in den Läden landen? Wir wollen wissen, wer der Auftraggeber, der Exporteur ist und bekommen einen Namen und eine Adresse in Agra.

Suche nach dem Auftraggeber

Wir fahren zurück in die Stadt und treffen den Teppichexporteur. Wieder geben wir uns als deutsche Teppichhändler aus. Drehen mit versteckter Kamera. Der Verkäufer bestätigt uns, dass die Teppiche in den umliegenden Dörfern geknüpft werden. Kinderarbeit schließt er aus. Nennt aber auch das Dorf, in dem wir die Kinderarbeit gesehen haben. Und er erklärt, dass sie nach Deutschland liefern. Seinen Zwischenhändler in Hamburg will er nicht nennen. Die Teppiche gehen angeblich nur an kleine Händler in Deutschland.

Wir verlassen Agra mit unseren Eindrücken und reisen weiter im Teppichgürtel. Unser Ziel: der Exporteur, den wir in Deutschland bereits auf der Messe getroffen haben. Also die Firma, die angab, Teppich Kibek und XXXLutz zu beliefern. Wir werden bereits erwartet. Die Exporteure präsentieren uns die Teppiche für Deutschland und geben an, welche Ware im Kibek-Katalog von ihnen sei.

Dann fragen wir nach Kinderarbeit. "Wir geben unser Bestes", sagt der Exporteur. "Das Arbeitsministerium gibt sein Bestes. Aber niemand kann Kinderarbeit zu 100 Prozent ausschließen." Ein anderer Exporteur ergänzt: "Es gibt soviel Armut in Indien. Teilweise ist die Definition von Kinderarbeit aus meiner Sicht ungerecht. Nehmen wir zum Beispiel eine alleinerziehende Mutter. Da muss ein Kind die Familie unterstützen. Es ist schwer in Indien eine Familie zu ernähren."

Kinderarbeit wird also vom Exporteur nicht ausgeschlossen und teilweise sogar toleriert. Und wie sieht es mit einem Etikett gegen Kinderarbeit aus? "Ja, wir machen einfach ein Etikett auf den Teppich mit der Aufschrift ‚Ohne Kinderarbeit hergestellt’", sagt der Exporteur. "Wir kleben es einfach auf den Teppich. Kein Problem."

Das sagen die Händler Deutschland

Auf die Frage, mit welchen Zulieferern Teppich Kibek und XXXLutz zusammenarbeiten, erhalten wir keine Antwort. Zur Kinderarbeit heißt es bei Kibek: "Mit allen unseren Lieferanten haben wir Verträge abgeschlossen, in denen diese sich verpflichten, Kinderarbeit (...) auszuschließen." Man führe eigene Kontrollen durch, heißt es auch vor Ort.

XXXLutz kann Kinderarbeit nicht ausschließen: "Da einige Produzenten die Teppiche auch in Heimarbeit fertigen lassen, ist ein hundertprozentiger Ausschluss grundsätzlich nicht zu garantieren." Beide Unternehmen erklären, eigene Kontrollen in Indien durchzuführen.

Der Carpet Belt, der sogenannte Teppichgürtel, hat sich in den letzten Jahren über hunderte Kilometer ausgedehnt. "Wenn ich mir anschaue, wie der Carpet Belt früher ausgesehen hat. Ganz klein. Und wie er heute aussieht, so ausgedehnt. Dann muss ich den Teppichexporteuren böse Absicht unterstellen, dass sie bewusst weiter weg gehen von dort, wo man vielleicht nachguckt, wo man kontrolliert, wo mal ein Importeur hinkommt, und bewusst woanders hingehen, wo keiner nachguckt", sagt Experte Benjamin Pütter.

Wie giftig sind die Farben in Teppichen?

Wir haben in Indien einen letzten Termin und sind auf dem Weg in eine Färberei. Wir wollen uns die Arbeitsverhältnisse anschauen. Schnell fallen uns zwei Kanister auf: giftige Ameisensäure zur Erhaltung der Farbe. Die Säure soll nur mit entsprechender Schutzkleidung verwendet werden. Doch keiner der Arbeiter trägt zum Beispiel Handschuhe, Schutzbrille oder Sicherheitsschuhe. Das Farbwasser wird hier einfach in die Natur abgelassen.

"Plusminus" hat Teppiche im Labor untersuchen lassen.
"Plusminus" hat Teppiche im Labor untersuchen lassen. | Bild: WDR

Zurück in Deutschland lassen wir stichprobenhaft Teppiche von Kibek, XXXLutz und einem Kölner Teppichhändler prüfen. Und hier trägt der Chemiker Handschuhe, zum Schutz vor möglichen Schadstoffen . "In dem Fall wären es Farbstoffe, wie Azofarbstoffe, mit denen man in Kontakt treten kann", sagt Chemiker Florian Metzelder. Es könnten auch immer Schwermetalle, Formaldehyd oder Phenole enthalten sein und das sei alles für die menschliche Gesundheit nicht unbedenklich.

Schwermetalle und Formaldehyd finden wir nicht. Aber in den Teppichen mit Rotanteilen ist der Azofarbstoff Benzidin bedenklich hoch. Bei Textilien gilt für diesen Azofarbstoff ein Grenzwert von 30 Milligramm pro Kilogramm. Bei unserer Prüfung lag der Wert weit über 100. Für Teppiche gelten diese Grenzwerte zwar nicht, aber: "Bei Babykleidung oder so wären das Ultimativbefunde, die würden sofort vom Markt gezogen", sagt Experte Florian Metzelder. "Alles, was direkten und langfristigen Hautkontakt hat, ist problematisch."

Wir konfrontieren die Unternehmen. Keine Reaktion vom Kölner Teppichhändler, Kibek lässt die Teppiche jetzt untersuchen und habe "unverzüglich beide Produkte aus dem Verkauf genommen".

Schadstoffe in Teppichen aus Indien, illegale Kinderarbeit und wenig Transparenz auf Seiten der Produktion. Für Kunden bleibt die Ungewissheit, wer den Teppich wirklich geknüpft hat.

Autoren: Benjamin Best und Edith Dietrich

Stand: 25.10.2018 09:18 Uhr

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