SENDETERMIN Mi., 04.11.20 | 22:50 Uhr | Das Erste

US-Ermittler: Terrorfinanzierung durch Antikenhandel

PlayAntikenhandel
Terrorfinanzierung durch illegalen Antikenhandel | Video verfügbar bis 04.11.2021 | Bild: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

• Terroristische Gruppierungen sind an Plünderungen von Kulturgütern in Bürgerkriegsländern beteiligt.
• Die Gelder aus dem Verkauf der geraubten Antiken ist eine Stütze ihrer Finanzierung, wie etwa auch beim Islamischen Staat.
• Im Fall eines 2011 in Ägypten geraubten Sarkophags führt die Spur auch zu Kunsthändlern in Hamburg.
• US-Ermittler haben dem BKA dafür Belege vorgelegt und kritisieren die Untätigkeit von deutschen Behörden.
• Kritik an mangelnden Kontrollen in Deutschland, um den illegalen Handel mit Antiken zu bekämpfen, kommt auch von der EU.

"Plusminus" liegt ein Handyvideo vor, auf dem zu sehen ist, wie Plünderer in Ägypten den Raub einer Grabkammer filmen. Aus der Praxis wissen die Ermittler, dass die Aufnahmen für Abnehmer in Industrieländern gedacht sind. So wollen sie an viel Geld kommen.

"Die bisherigen Erkenntnisse zu diesen Plünderungen in den Bürgerkriegsländern zeigen ganz klar, dass auch Bürgerkriegsparteien und terroristische Gruppierungen beteiligt sind", erklärt Eckhard Laufer vom Hessischen LKA. Zudem sei davon auszugehen, dass es sich um organisierte Kriminalität handele.  

Ein Mann steht in einem Büro.
Eckhard Laufer vom hessischen LKA fordert mehr "Manpower" und Fachwissen, um wirkungsvoll mehr Kontrollen durchführen zu können. | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Sarkophag 2011 in Ägypten geraubt

Im Oktober 2011 wurde auf diese Weise 250 Kilometer südlich von Kairo der Sarkophag eines hohen ägyptischen Priesters geraubt. 2019 konnte er in New York beschlagnahmt werden. New Yorker Staatsanwälte um Cyrus Vance hatten zuvor sechs Jahre lang die Spur eines international agierenden Schmuggler-Netzwerks verfolgt, bis ihnen der Zugriff endlich gelang.

Die Kriminellen hatten mit dieser Masche Millionen verdient. "Unsere Ermittlungen haben ergeben, dass dieser Sarkophag nur eines von Hunderten Altertümern ist, die vom gleichen multinationalen Schmugglerring gestohlen wurden", erklärt Cyrus Vance.

Spuren führen auch nach Deutschland

Der "Plusminus" zugespielte Bericht der Ermittler enthüllt brisante Details: Der Schmugglerring agierte offenbar von Deutschland aus. Nachdem die im Sarkophag befindliche Mumie entsorgt worden war, wurde dieser den Aufzeichnungen zufolge fotografiert und Bilder davon an Kunsthändler in Hamburg verschickt.

Falsche Papiere über Geschäftspartner in Dubai

Viele geraubte Kulturgüter nehmen auf ihrer Schmuggeltour einen Umweg über Dubai und werden im dortigen Freihafen zwischengeparkt, um nicht eingeführt und verzollt werden zu müssen. Geschäftspartner in Dubai beorgen dann die nötigen Papiere für den Import, beispielsweise nach Deutschland.

Auch die Hamburger Kunsthändler nutzten diese Möglichkeit: Der in Ägypten gestohlene Sarkophag wurde im Februar 2013 auf diese Weise nach Hamburg verschifft. Das gefälschte Dokument, das dies ermöglichte, war in diesem Fall eine fingierte Rechnung: Für den Zoll wurde das Kulturgut laut Ermittlungsbericht als griechisch-römischer Sarkophag deklariert, als eine Art Holz-Gipskiste mit einem Wert von nur 5.000 Euro. Spätestens im September 2015 sei er von Deutschland nach Frankreich transportiert worden.

Ein goldener Sarkophag.
Der goldene Sarkophag befindet sich heute im Nationalmuseum von Kairo. | Bild: AFP

Museum of Art in New York kauft geraubten Sarkophag

Kunsthändler in Paris haben den Sarkophag schließlich für 3,5 Millionen Euro an das Metropolitan Museum of Art in New York verkauft, wie die New Yorker Staatsanwälte dokumentiert haben.

Zuvor hätte einer der Kunsthändler versichert, den Sarkophag bereits im Mai 1971 aus Ägypten erworben zu haben. Bei der vermeintlichen Exportlizenz handelte es sich dabei offensichtlich um eine Fälschung. Rechtsanwalt Cyrus Vance erklärt: "Die Exporterlaubnis ist datiert auf Mai 1971, mit einem Stempel der 'Arabischen Republik von Ägypten'. Im Mai 1971 hat die Arabische Republik jedoch noch gar nicht existiert. Es war die Vereinigte Arabische Republik von Ägypten."

New York gab den Sarkophag inzwischen an Ägypten zurück. Er befindet sich heute im Nationalmuseum von Kairo. Hunderte weitere geplünderte Antiken sind hingegen noch verschollen.

Verspätete Ermittlungen in Deutschland

Die Ermittlungsergebnisse der New Yorker Rechtsanwälte lagen dem Bundeskriminalamt bereits im Juni 2019 vor. Drei Monate später wurde die Hamburger Staatsanwaltschaft eingeschaltet. Aufgrund der Beweismittel wurden Ermittlungen wegen gewerbsmäßiger Hehlerei und Betrugs in besonders schwerem Fall eingeleitet. Zuvor habe es dafür keine Anhaltspunkte gegeben, sagt Lars Hombrecher, Oberstaatsanwalt in der Hansestadt: "Hier in Hamburg gab es bis zur Übergabe dieser Beweismittel keine Hinweise, denen wir hätten nachgehen können."

Die Räumlichkeiten der Kunsthändler wurden im Rahmen der Ermittlungen durchsucht und einer der Beschuldigten verhaftet. Gegen eine Kaution von 600.000 Euro wurde er jedoch wieder auf freien Fuß gesetzt. Auf eine "Plusminus"-Anfrage zum Sachverhalt reagieren die Händler nicht. Das BKA wertet noch die beschlagnahmten Beweise aus. Wie lange das Ermittlungsverfahren andauern und dann Anklage erhoben wird, wird sich zeigen.

Ein Mann steht in einem Büro.
Lars Hombrecher ist Oberstaatsanwalt in Hamburg.  | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Herkunft der meisten Kulturgüter nicht nachvollziehbar

Eine aktuelle Studie im Auftrag des Bundesbildungsministeriums kommt zu dem Ergebnis: Fast 98 Prozent der in Deutschland gehandelten Kulturgüter verfügen über keinen nachvollziehbaren Herkunftsnachweis.

Zudem wurden allein über 6.000 Objekte aus dem Nahen Osten im zweijährigen Untersuchungszeitraum der Studie hierzulande gehandelt. Dabei gab es hierfür strenge Einfuhrbeschränkungen in der EU, die dies verhindern hätten sollen.

Mehr Kontrollen mit Expertenwissen nötig

Professor Markus Hilgert von der Kulturstiftung der Länder spricht sich für die Ausweitung von Kontrollen aus. Es müsse dabei "die wissenschaftliche Kompetenz zur Verfügung gestellt werden, die notwendig ist, um Objekte zu beurteilen", erklärt Hilgert.

Eckard Laufer vom LKA Hessen begrüßt das. Er leitet eine der wenigen Spezialabteilungen in Deutschland. Dafür müsse es mehr Manpower und sachkundige Kräfte geben. "Daran mangelt es tatsächlich noch", sagt Laufer.

Ein Mann sitzt vor einem Bücherregal.
Professor Markus Hilgert von der Kulturstiftung der Länder fordert mehr Kontrollen. | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Kritik auch von der EU

Auch in der Europäischen Union ist die mangelnde Kontrolle deutscher Behörden beim Handel mit Kulturgütern ein Thema. Im vergangenen August kritisierten Parlamentarier in einem Brief, dass Deutschland beim Kampf gegen den illegalen Handel mit geraubten Antiken "nicht die Rolle spiele, die es gegen diese besondere Art der organisierten Kriminalität spielen sollte."

Ein Mann steht in einem Raum.
Gilles de Kerchove, der Anti-Terror-Koordinator der EU, fordert mehr Problembewusstsein bei deutschen Behörden. | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

"Einnahmequelle des Terrorismus austrocknen"

Gilles de Kerchove, der Anti-Terror-Koordinator der EU, bemängelt auch, dass niemand vom Bundeskriminalamt in einer entsprechenden Spezialeinheit von Interpol vertreten sei. "Warum ist es wichtig, gegen das Plündern von Kulturgütern zu kämpfen? Weil wir damit eine Einnahmequelle des Terrorismus austrocknen, die sonst genutzt werden könnte, um Menschen zu töten", so Gilles de Kerchove. Erst im September hat die irakische Polizei in Mosul in der Wohnung eines IS-Mitglieds ein Versteck gefunden: mit gestohlenen christlichen Manuskripten, die zu Geld gemacht werden sollten.

Christliche Manuskripte liegen quer verteilt auf einem Boden.
In Mosul wurde ein Versteck eines IS-Mitgliedes gefunden – mit gestohlenen christlichen Manuskripten. | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Bundesinnenministerium wiegelt ab

Das Bundesinnenministerium nimmt das Bundeskriminalamt gegen Kritik aus Brüssel in Schutz: "Zwischen BKA und der Spezialeinheit bei Interpol besteht bereits eine sehr gute und direkte Kommunikation", heißt es von der Behörde.

Autor: Andreas Wolter
Bearbeitung: Carmen Brehme

Stand: 05.11.2020 14:25 Uhr

3 Bewertungen
Kommentare
Bewerten

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Bitte beachten: Kommentare erscheinen nicht sofort, sondern werden innerhalb von 24 Stunden durch die Redaktion freigeschaltet. Es dürfen keine externen Links, Adressen oder Telefonnummern veröffentlicht werden. Bitte vermeiden Sie aus Datenschutzgründen, Ihre E-Mail-Adresse anzugeben. Fragen zu den Inhalten der Sendung, zur Mediathek oder Wiederholungsterminen richten Sie bitte direkt an die Zuschauerredaktion unter info@daserste.de. Vielen Dank!

*
*

* Pflichtfeld (bitte geben Sie aus Datenschutzgründen hier nicht Ihre Mailadresse oder Ähnliches ein)

Kommentar abschicken

Ihr Kommentar konnte aus technischen Gründen leider nicht entgegengenommen werden

Kommentar erfolgreich abgegeben. Dieser wird so bald wie möglich geprüft und danach veröffentlicht. Es gelten die Nutzungsbedingungen von DasErste.de.

Sendetermin

Mi., 04.11.20 | 22:50 Uhr
Das Erste

Produktion

Mitteldeutscher Rundfunk
für
DasErste