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Tod im Hotelpool: Warum viele Schwimmbecken keinen TÜV haben

PlayPool in einem Hotel.
Wie sicher sind Hotel-Swimmingpools? | Video verfügbar bis 07.01.2021 | Bild: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

• Immer wieder kommt es an Ansaugöffnungen in Schwimmbecken zu Unfällen, auch zu tödlichen.
• Für Pools und Schwimmbäder gelten eigentlich Sicherheitsnormen. Doch eine Art TÜV gibt es dafür nicht.
• Kritiker fordern aber eine technische Abnahme und Zertifizierung, weil sie weitere Unfälle verhindern kann.
• Der TÜV Rheinland bietet ab März ein Zertifikat an, allerdings auf freiwilliger Basis.

Hotelpool
Immer wieder kommt es an den Ansaugöffnungen von Pools und Schwimmbädern zu schweren Unfällen.  | Bild: imago images / Gerhard Leber

Seit Jahren schon fuhr Andrea Villegas mit ihren beiden Töchtern Ana Sofia und Mimi immer wieder in ein Hotel nach Prag, so auch im August 2017. In dem Hotel befand sich ein Rehabilitationszentrum, in dem die Zwillinge mit speziellen Übungen ihre Wirbelsäule stärken sollten. Zu der Anlage gehörte auch ein Pool, den die beiden Zwölfjährigen täglich nutzten. Nie hätte die Mutter geglaubt,  dass hier eine Todesgefahr lauert. Doch am letzten Tag kam es zu einer schrecklichen Tragödie:

Unter Wasser festgesaugt

Wie so oft sprang Ana Sofia in den Pool und tauchte. Dabei kam sie offenbar zu nah an ein nicht gesichertes Ansaugrohr,  an dem sie mit dem Po festgesaugt wird. Der Sog ist so stark, dass sie sich nicht aus eigener Kraft befreien kann.

Ana Sofias Zwillingsschwester Mimi
Mimi versuchte als Erste, ihrer Zwillingsschwester zu helfen. | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Als ihre Zwillingsschwester Mimi sie entdeckt, springt sie sofort hinterher und versucht sie loszubekommen – vergeblich. In Panik ruft sie ihre Mutter, die sofort Hilfe holt. Erst kommen drei Angestellte dazu, dann noch mehr. Doch die Situation wurde immer schlimmer, beschreibt Andrea Villegas: "Da dachte ich, zu dritt schaffen sie das. Auch nicht. Dann kommen die Feuerwehrmänner, fünf riesige Männer, gehen alle in den Pool. Die sagen mir alle, es geht nicht, wir können sie nicht freibekommen."

Andrea Villegas
Der Tod ihrer Tochter hätte sich verhindern lassen. Das regt Andrea Villegas am meisten auf.  | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Was die Mutter damals nicht wusste: Im Pool gab es ein ungesichertes Ansaugloch, von dem eine enorme Saugwirkung ausgehen kann. Hier war sie so stark, dass nicht einmal acht Männer mit Händen, Seilen und Stöcken das Mädchen retten konnten. Erst als der Strom abgeschaltet wurde, konnte Ana Sofia schließlich gelöst werden – nach etwa 20 Minuten unter  Wasser. An den Stellen, an denen sie angesaugt wurde, sah die Haut danach ganz verfärbt aus. Nach der Reanimation hielten sie nur noch Maschinen am Leben. Doch ihr Gehirn war zu lange ohne Sauerstoff. Nach sechs Tagen hat die Familie die traurige Gewissheit: Sie muss sich von Ana Sofia verabschieden.

Ole Dahl
Ole Dahl, der Vater von Ana Sofia | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

"Es ist, glaube ich, schon das Schlimmste, was ein Mensch erleben kann, wenn er das Gerät zur Lebenserhaltung abstellen muss", sagt Ana Sofias Vater Ole Dahl. Auch Mimi kann den Verlust ihrer Zwillingsschwester danach nur schwer verkraften: "Es war so schlimm, das Zimmer zu sehen und daran zu denken, dass meine Schwester nie wieder so hier sein wird." 

Kein Einzelfall

Evelyn Wagner
Evelyn Wagner hat ihren Sohn durch einen Poolunfall verloren. Jetzt hilft sie anderen Betroffenen und engagiert sich für mehr Sicherheit in Schwimmbecken. | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Erst nach dem Tod von Ana Sofia erfährt die Familie, dass es immer wieder zu solch grausamen Ansaugunfällen in Pools kommt. Evelyn Wagner hat schon vor Jahren den Verein "parents4safety – Sicherheit in Hotelpools e.V." gegründet, der Hinterbliebene unterstützt. Auch sie hat ihren damals elfjährigen Sohn Philipp verloren. Bei einem Pauschalurlaub in Griechenland wurde die Rutsche am Hotelpool für den Jungen zur tödlichen Falle.

Nach dem Rutschen kam auch er einem ungesicherten Ansaugloch zu nahe, das damals ohne Gitter war. Philipps Arm wurde eingesogen, er konnte sich nicht befreien und ertrank. Nach langem Kampf erstritt Evelyn Wagner ein wegweisendes BGH-Urteil, das den Reiseveranstalter bei solchen Unfällen in die Pflicht nimmt: "Wenn der Reiseveranstalter nicht nachweisen kann, dass er diesen Pool geprüft hat, dann muss er haften."

500 Poolunfälle weltweit

Eine Schwimmerin zieht in einem Becken unter Wasser an einem Stück Stoff. das auf einer Ansaugöffnung liegt.
Bei diesem Test wurde ein Stück Stoff auf die Ansaugöffnung eines Pools gelegt. Der Sog war so stark, dass die Frau es nicht ablösen konnte.  | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Reiseveranstalter behaupten zwar, es handele sich um Einzelfälle, doch die Datenbank von Evelyn Wagner zeigt mit über 500 Ansaugunfällen weltweit ein anderes Bild. Darunter finden sich auch Unfälle, die in Deutschland passierten. So geriet die damals Zwölfjährige Samira 2018 in einem Hotelpool an der Nordsee mit ihren Haaren in einen offenen Spalt eines Ansaugrohres und kam nicht wieder los. Die Situation war ernst, doch zum Glück konnten die Eltern sie noch in letzter Sekunde retten, wie Evelyn Wagner berichtet: "Die Mutter ist losgerannt, hat eine Schere geholt, ist zurück in den Pool und hat ihr die Haare abgeschnitten. Unterdessen war der Vater am Pool angekommen. Samira wurde bewusstlos herausgehoben und der Vater konnte sie wiederbeleben."

Klare Normen

Unterwasseraufnahme aus einem Pool
Für Pools gelten bestimmte Sicherheitsvorgaben.  | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Eigentlich dürften solche Unfälle nicht passieren, denn europaweit gelten für Schwimmbäder und Pools einheitliche Sicherheitsnormen. So müssen zum Beispiel alle Ansaugöffnungen mit gewölbten Gittern gesichert sein, die sich nicht komplett abdecken lassen. In dem Prager Hotelpool, in dem Ana Sofia starb, fehlten diese Gitter jedoch. Laut Gutachten waren zudem die Pumpen viel zu stark eingestellt.  Es empört Andrea Villegas, dass es immer solche baulichen Mängel sind, die zu großen Tragödien führen: "Es geht nicht um Millionen, es waren ein paar Hunderte Euros. Man hätte das verhindern können, nicht nur meine Ana, nicht nur Anas Tod, nein alle Fälle, die so passiert sind. Das ist Schlamperei!"

Experte fordert Schwimmbad-TÜV

Experte Michael Spönlein, der mit seiner Firma die Sicherheitsstandards von Pools europaweit testet, sieht deshalb nur eine Konsequenz: "Ein Auto muss zum TÜV, ein Aufzug muss zum TÜV – ein Schwimmbad nicht. Was wir benötigen, ist ein Gesetz, in allen Ländern möglichst, das sagt, dass ein Schwimmbad als Ganzes auch geprüft werden muss, durch eine Institution, die das kann, zum Beispiel der TÜV."

Hohe Strafe für Bauleiter

Andrea Villegas
Andrea Villegas vor dem Gerichtssaal in Prag | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Im Fall von Ana Sofia gab es unterdessen ein Gerichtsverfahren in Prag. Andrea Villegas wurde als Zeugin gehört. Für die Mutter, die mit ihrem Schmerz  ringt, war das keine leichte Aufgabe, weil nun wieder verstärkt die Bilder des Unglücks in ihr hochkommen. Doch sie wollte den Prozess durchstehen, weil sie ein klares Anliegen hat: "Ich möchte dass kein Kind mehr stirbt, weil man das verhindern kann. Ich möchte, dass keine Mama, kein Papa, keine Schwester oder Bruder das erleben muss, was wir erleben mussten."

Das tschechische Gericht hat den Bauleiter zu drei Jahren Gefängnis und fünf Jahren Berufsverbot verurteilt. Außerdem muss er die Behandlungskosten von Ana Sofia, die Überführungs- und Beerdigungskosten bezahlen. Es ist ein deutliches Urteil, das hoffentlich auch dazu führt, dass künftig kein Kind mehr wegen baulicher Mängel sterben muss.

Freiwilliges Zertifikat ab März

Das Bundesinnenministerium hat "Plusminus" mitgeteilt, dass in Deutschland die Einführung eines Zertifikats für Hotelpools nicht geplant ist. Zuständig wären dafür die Bundesländer. Immerhin will der TÜV Rheinland ab Ende März ein Siegel mit regelmäßigen Pool-Kontrollen anbieten – auf freiwilliger Basis. 

Autorin: Christiane Cichy
Bearbeitung: Friedemann Zweynert

Stand: 09.01.2020 09:54 Uhr

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