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Autoindustrie: Schaffen Mitarbeiter und Unternehmen den Wandel?

PlayFahrzeugproduktion bei Audi
Autoindustrie: Schaffen Mitarbeiter und Unternehmen den Wandel? | Video verfügbar bis 29.09.2022 | Bild: BR

  • Klimawandel und CO2-Vorgaben der EU zwingen die Konzerne zum Umdenken.
  • Die Zukunft ist elektrisch und digital.
  • Die Umstellung birgt ein großes finanzielles Risiko.
  • Milliardeninvestitionen in Technik von gestern sind verloren.
  • Mitarbeiter müssen umgeschult werden.
  • Klassische Zulieferketten funktionieren nicht mehr.
  • Die Autokonzerne verlieren die Macht über ihre Zulieferer.

Der große Umbruch

Das Signal, das Anfang September von der Internationalen Automobilausstellung aus München kam: Die Branche hat die Zukunft fest im Blick. Elektrisch und digital wird sie sein. Neuwagen werden aus recyceltem Material hergestellt und sind selbst recycelbar.

Oliver Zipse
Oliver Zipse | Bild: BR

Der Vorstandsvorsitzende von BMW, Oliver Zipse, sieht die Herausforderung besonders darin, dass mehrere Transformationsprozesse, vor allem Richtung Elektromobilität aber auch die Digitalisierung des Autos, gleichzeitig gemeistert werden müssen.

Problemsuche

Am Lehrstuhl Betriebswirtschaft der technischen Universität München analysiert Prof. Horst Wildemann die Probleme des Umbruchs. Milliardeninvestitionen in Technik von gestern seien verloren, das Erfahrungswissen nutzlos. Man müsse das Knowhow nun sehr schnell weltweit adaptieren um neue Konzepte voranzutreiben. Doch das berge Risiko. Und die Risikobereitschaft dafür müsse gelernt sein.

Neue Strategie

Die Hersteller müssen nun schnell reagieren. Bei Audi hat sich die Konzernleitung darauf festgelegt, ab 2026 keine neuen Verbrennermodelle mehr auf den Markt zu bringen. 2033 laufen dann nur noch Elektroautos vom Band.

Audivorstandsmitglied Sabine Maaßen
Audivorstandsmitglied Sabine Maaßen | Bild: BR

Der Strategiewechsel beendet die bisherige Technologieoffenheit, soll den Umbruch aber bezahlbar machen. Dadurch entstehen neue, technologieorientierte Jobs – anderswo wird die Belegschaft dagegen nicht mehr gebraucht. Viele Mitarbeitende haben aber eine Beschäftigungsgarantie bis 2029. Audivorstandsmitglied Sabine Maaßen erklärt, der Konzern habe beschlossen, eine halbe Milliarde Euro in die Qualifizierung zu stecken. Bandarbeiter werden zu Programmierern umgeschult.

Schließungen bei Zulieferern drohen

Bosch-Werk in München
Bosch-Werk in München | Bild: BR

Auch Zulieferer sind unter Druck. Das Bosch-Werk in München zum Beispiel produziert Kraftstoffpumpen für Diesel- und Benzinmotoren – Produkte, die bald niemand mehr braucht. Deshalb erwägt die Robert Bosch GmbH die Schließung des Standortes. Rund 260 Mitarbeiter sind betroffen. Betriebsrat Ferhat Kirmizi erhebt schwere Vorwürfe: Statt Transformation und Innovation zu diskutieren, fielen Arbeitsplätze weg. Werksleiterin Jana Mische verteidigt die Schließungspläne. Die Produktion sei zu spezialisiert und der Markt sehr aggressiv. Da gelinge es nicht, sich mit den vorhandenen Maschinen einfach auf ein neues Produkt umzustellen.

Neue Jobs

Das Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung in München hat die Veränderung der Jobs in der Automobilindustrie analysiert. Das Ergebnis: Die Anforderungen verschieben sich massiv. In den vergangenen fünf Jahren haben die Unternehmen 40 Prozent mehr Menschen in der Informations- und Kommunikationstechnologie eingestellt, Jobs in Organisation und Entwicklung haben rund 10 Prozent zugelegt. In der Produktion dagegen wurden zuletzt Stellen abgebaut.

Jobs in der Automobilindustrie
Jobs in der Automobilindustrie | Bild: BR

Neue Technologien

Viele Zulieferer setzen bereits auf neue Technologien. Der Schweizer Industriekonzern Oerlikon zum Beispiel hat in Feldkirchen bei München eine Tochter für 3D-Druck aufgebaut. Sie konzipiert Prototypen aus Metall und fertigen dann Metallteile aus dem 3D-Drucker. Dabei sind der Formgebung kaum Grenzen gesetzt, ganz neue technische Möglichkeiten entstehen.

Christian Haecker
Christian Haecker  | Bild: BR

Doch manche Ingenieure bei den Autoherstellern kleben noch an ihren alten Mustern, berichtet Oerlikon-Ingenieur Dushan Pamunuwa. Die hätten jahrelang mit einer herkömmlichen Technologie gearbeitet und könnten sich die Möglichkeiten von 3D-Druck kaum vorstellen. Ein Drucker kann völlig unterschiedliche Bauteile fertigen. Die Hersteller müssten Fabriken künftig ganz neu organisieren, sagt Geschäftsführer Christian Haecker voraus. das klassische Fabrikbild mit Produktionslinien in einer Halle würde es dann nicht mehr geben.

Neues Werk

Manche Zulieferer sind klare Gewinner des Umbruchs. Der deutsche Chipkonzern Infineon hat gerade im österreichischen Villach 1,6 Milliarden Euro investiert und ein neues Werk eröffnet. Auch von der EU gab es Geld. Es ist eine Aufholjagd zur übermächtigen Konkurrenz aus Asien und den USA.

Präsentation eines Fahrzeugs auf der IAA
Präsentation eines Fahrzeugs auf der IAA | Bild: BR

Mikrochips sind inzwischen überall im Auto verbaut. Sie steuern zum Beispiel Airbags, Navigation oder Radar-Sensoren. Doch im Moment herrscht Lieferengpass. Millionen Autos können nicht gebaut werden, weil Chips fehlen. Weltweit bedeutet das einen Umsatzverlust in dreistelliger Milliarden-Höhe. Die deutschen Infineon-Werke in Dresden und Regensburg sind an der Kapazitätsgrenze, der Markt ist leergefegt. Allein der Technologieriese Apple hat mehr Bedarf an Micro-Chips als die weltweite Automobilindustrie zusammen. Der Vorstandsvorsitzende von Infineon Reinhard Ploss will mit Bestellungen von Unternehmen aus der Mobilfunk- und Digitalindustrie weiter wachsen.

Neue Abhängigkeiten

Die Autokonzerne verlieren gerade die Macht über ihre Zulieferer, so die Einschätzung von Marcus Berret von der Unternehmensberatung Roland Berger. Die Abhängigkeiten würden zunehmen, das sei eine große Herausforderung für die Autoindustrie. Mittel- und Langfristig seien die Konzerne schon dabei, zu überlegen, was sie noch an Zulieferer rausgeben oder lieber selber produzieren.

Mammutaufgabe

An der deutschen Automobilindustrie hängen laut Ifo-Institut direkt sowie in vor- und nachgelagerten Branchen rund 2,75 Millionen Jobs. Der Umbruch muss daher gelingen. Eine Mammutaufgabe - auch für die künftige deutsche Bundesregierung.

Bericht: Reinhard Weber, Lisa Wurscher/BR
Stand: September 2021

Stand: 29.09.2021 22:31 Uhr

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