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Geldanlage Ackerland: Warum Investoren im Osten LPG-Nachfolger aufkaufen

PlayDemonstration in Leipzig
Warum Investoren im Osten LPG-Nachfolger aufkaufen | Video verfügbar bis 22.10.2020 | Bild: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

• Landwirtschaftliche Flächen in Ostdeutschland geraten zunehmend in die Hände von nicht-landwirtschaftlichen, aber finanzstarken Investoren.
• Möglich werden die Käufe, weil die Investoren nicht das Land an sich, sondern die Unternehmen kaufen – die Nachfolger ehemaliger LPGs.
• Das treibt die Landpreise hoch und macht es Bauern immer schwerer, Land zu kaufen.
• Bei der Umwandlung der LPG wurden gravierende Fehler gemacht.
• Die Politik hat es bis heute nicht geschafft, den Verkauf von Agrarbetrieben zu Investitionszwecken einzudämmen.

Am 26. Juni 2019 zeigte sich vor einem Leipziger Autohaus ein ungewöhnliches Bild. Bauern waren mit ihren Traktoren vorgefahren, um Markus Hercher, dem Besitzer jenes Autohauses die "Goldene Heuschrecke 2019" zu verleihen. Er sollte den Schmähpreis erhalten, weil ihm der Vorwurf gemacht wird, mit Ackerland zu handeln wie mit Autos. Doch statt sich den Bauern zu stellen, ließ er die Veranstaltung mit lauter Musik stören.

Goldene Heuschrecke
Wegen seiner Landkäufe wollte die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft dem Leipziger Autohändler Markus Hercher die "Goldene Heuschrecke 2019" verleihen. | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Der Handel mit landwirtschaftlichen Flächen bereitet den Bauern große Probleme. Denn während finanzkräftige Investoren wie Hercher Land erwerben, wird denen, die Landwirtschaft betreiben Grund und Boden zu teuer. Sie fordern darum ein Gesetz, das solche Investitionen untersagt.'

Eigentlich klingt es ganz simpel: Ackerland gehört in Bauernhand. Und doch ist der Verkauf von landwirtschaftlich genutztem Grund und Boden an Investoren in Ostdeutschland an der Tagesordnung. 

Verfehlte Agrarpolitik

Kurt-Henning Klamroth ist Präsident des Deutschen Bauerbunds, einer Organisation, die die Interessen der bäuerlichen Familienbetriebe vertritt. In Sachsen-Anhalt zeigt er riesige Ackerflächen, die in der DDR den Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) und später deren Nachfolgebetriebe gehörten. Nun wurden sie von einem einzigen Investor gekauft: Markus Hercher. Für Klamroth ist das ein unhaltbarer Zustand: "Wenn das in der Hand von einem großen Autohaus liegt, dann wird schon deutlich, dass hier in der Agrarpolitik in den vergangenen Jahren nicht allzu viel richtig gemacht wurde."

In Sachsen-Anhalt und Thüringen eingekauft

Gekauft hat Unternehmer Hercher das Ackerland nicht direkt, sondern ehemalige LPG-Betriebe. Vier Unternehmen hat er in Sachsen-Anhalt erworben. Aber auch in Thüringen hat er zugeschlagen. Durch die Firmenkäufe ist der Autohausbesitzer zu einer Ackerfläche von 7.700 Hektar gekommen, das entspricht etwa 10.000 Fußballfeldern.

Damit ist der Investor in Ostdeutschland allerdings keine Ausnahme.

Ein Drittel in nicht-landwirtschaftlichem Besitz

Ein Drittel der landwirtschaftlichen Betriebe befindet sich mittlerweile in den Händen artfremder Investoren. Dazu gehören etwa der Versicherungsgigant Munich RE, der Nahrungsmittelkonzern Südzucker, die Augenoptikerkette Fielmann, der Müllentsorger Rethmann oder die Familie des Möbelkonzerns Steinhoff. Einige besitzen bis zu 20.000 Hektar.

Bauern wird das Land zu teuer

Bio-Bauer Heiko Wöllert
Für Landwirte wie den Bio-Bauern Heiko Wöllert wird es immer schwerer, Land zu kaufen. | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Landwirte wie Öko-Bauer Heiko Wöllert aus Thüringen können kaum noch Ackerland kaufen oder neu dazu pachten, denn die Preise haben sich in den letzten zehn Jahren im Osten im Durchschnitt fast verfünffacht. Wöllert beschreibt die Auswirkungen dieser Entwicklung: "Ackerland und Grünland ist die Existenzgrundlage jeder bäuerlichen Tätigkeit. Wenn wir da keinen Zugriff mehr drauf haben, können wir den Laden dichtmachen."

Grafik zur Entwicklung der Landpreise in Ostdeutschland
Die Preise für Ackerland haben sich in den letzten zehn Jahren im Osten fast verfünffacht. | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Das Erbe der DDR

Wie aber konnte der Verkauf landwirtschaftlicher Flächen in dieser Größenordnung passieren? Die Gründe liegen in der Geschichte Ostdeutschlands:

In der DDR wurden die Bauern gezwungen, den Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften beizutreten. All ihr Land und ihre Maschinen mussten die Bauern darin einbringen.

Traktor auf einem Feld
Die Umwandlung der LPGs verlief nicht so, wie vom Landwirtschaftsanpassungsgesetz vorgeschrieben. | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Nach der der Wende sollte die Zwangskollektivierung rückgängig gemacht und die landwirtschaftliche Vielfalt wiederhergestellt werden. Grundlage dafür war das Landwirtschaftsanpassungsgesetz, nach dem Bauern, die sich als Familienbetrieb wieder selbstständig machen wollten, aus dem LPG-Vermögen entschädigt werden sollten. Die LPG-betriebe sollten sich entweder in marktwirtschaftliche Unternehmen umwandeln oder auflösen. Doch die beabsichtigte Vielfalt entstand nicht. Stattdessen blieben die meisten Großbetriebe bestehen.

Gravierende Fehler und Versagen des Staats

Rechtswissenschaftler Prof. Walter Bayer
Der Jenaer Rechtswissenschaftler Prof. Walter Bayer stellt folgenschwere Fehler fest. | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Nahezu zehn Jahre untersuchte der Jenaer Rechtswissenschaftler Prof. Walter Bayer die Umwandlung der DDR-LPGs. Entstanden ist ein mehr als 1000 Seiten umfassendes Gutachten, das, wie er erklärt, folgenschwere Fehler aufzeigt: "Es hat sich herausgestellt, dass flächendeckend die gesetzlichen Vorschriften des Landwirtschaftsanpassungsgesetzes nicht beachtet wurden – teilweise in so gravierender Weise, dass die Umwandlung sogar unwirksam ist. In fast allen übrigen Fällen aber in der Weise, dass die Mitglieder, die ausscheiden wollten oder mussten, zu niedrig abgefunden wurden und deswegen wirtschaftliche Nachteile hatten."

Rechtsanwalt Dr. Dr. Winfried Schachten
Trotz einiger Erfolge vor dem BGH beklagt Rechtsanwalt Dr. Dr. Winfried Schachten ein Versagen des Staates. | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Das heißt, viele der ostdeutschen Agrarunternehmen haben entweder die Ställe, die Maschinen, den Viehbestand nicht rechtmäßig von den ehemaligen LPG-Mitgliedern erworben oder ihnen zu geringe Abfindungen gezahlt. Der Bautzener Anwalt Dr. Dr. Winfried Schachten konnte zwar über die Jahre zahlreiche BGH-Urteile für einige der betroffenen Bauern erstreiten. Trotzdem gingen am Ende viele leer aus. Schachten beklagt ein Versagen des Staates: "Die Bundesrepublik hat versagt, weil sie die Altstrukturen weitgehend duldete, um Ruhe zu haben, sag ich mal. Sie hat die kleinen Leute nicht unterstützt und das ist der Frust hier im Osten. Das kann ich sehr gut verstehen."

Kurt-Henning Klamroth, Präsident des Deutschen Bauerbunds, mit seiner Familie auf dem eigenen Hof.
Kurt-Henning Klamroth, Präsident des Deutschen Bauerbunds, mit seiner Familie auf dem eigenen Hof. | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Dabei sollte es eigentlich so sein wie bei Bauernbund-Präsident Kurt-Henning Klamroth. Er hat sich als sogenannter Wiedereinrichter selbständig gemacht und gemeinsam mit seiner Frau den Familienbetrieb Stück für Stück wieder aufgebaut. Inzwischen hat Sohn Christian das mittlerweile hochmoderne Unternehmen übernommen. Artfremde Investoren haben hier keine Chance. Dennoch bilden derartige Betriebe  die große Ausnahme.

Anders ist es bei den großen Nachfolgebetrieben, die oft von den ehemaligen LPG-Vorsitzenden weitergeführt wurden. Viele von ihnen gehen heute in Rente und wollen ihren Genossenschaftsanteil meistbietend verkaufen, wie Klamroth erklärt. "Da ist aber in der Region niemand da und das ist blauäugig von der Politik. Da wird ja oft gesagt, da ist der kleine Bäcker und der kleine Fleischer, der kauft sich da ein. Das ist alles dummes Zeug. Das ist Vermögen, um das es sich hier dreht! Das ist sechsstellig und da kann nur jemand rein, der sehr vermögend ist! Das heißt, das kommt in aller Regel aus den alten Ländern."

Keine Chance für Bauern

Agrargenossenschaft Jürgenshagen
Die Agrargenossenschaft Jürgenshagen ist rund 40 Mal so groß wie ein Durchschnittshof.  | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Ein Beispiel: Die Agrargenossenschaft Jürgenshagen im Landkreis Rostock ist ein Großbetrieb mit Biogasanlagen und mit rund 2.700 Hektar Land, etwa 40 Mal so groß wie der durchschnittliche Hof in Deutschland. Einer der Verkäufer ist der ehemalige LPG-Vorsitzende und Geschäftsführer Michael Constien.

Joachim Walther, Verwalter des Gutes Hohen Luckow
Joachim Walther, Verwalter des Gutes Hohen Luckow | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Erworben wurde die Agrargenossenschaft und das dazugehörige Land unter anderem von der internationalen Unternehmensgruppe Merckle, die auch als Pharmaproduzent bekannt ist. Merckle besitzt gleich mehrere Agrarfirmen, darunter auch den Nachbarbetrieb, das Gut Hohen Luckow, das ebenso einige Tausend Hektar Land umfasst. Für Joachim Walther, den eingesetzten Verwalter von Hohen Luckow, ist klar, das ortsansässige Bauern bei solchen Deals keine Chance haben: "In dieser Größenordnung und zu diesen Preisen aktuell, kann es kein Landwirt in einer Generation erwirtschaften, und er wird auch Mühe haben, es in zwei Generationen zu erwirtschaften. Das ist nicht möglich."

Ein anderes Beispiel ist die Agro Bördegrün, ein riesiger Agrarbetrieb in Sachsen-Anhalt, mit mehr als 3.800 Hektar Ackerland, also 60 Mal so groß wie ein Durchschnittshof. Einer der Verkäufer ist Ronald Westpfahl, ebenfalls ehemaliger LPG-Vorsitzender und dann Geschäftsführer. Die Hälfte des Betriebes kaufte Karl Gerhold, Energieunternehmer, CDU-Schatzmeister und Multimillionär. Die andere Hälfte ging an Urban Jülich, Vorsitzender des Bauernverbandes im Landkreis Börde in Sachsen-Anhalt.

Politik wollte handeln

Viele Bauern vor Ort ärgert besonders, dass die Politik tatenlos zuschaut.

Claudia Dalbert, Landwirtschaftsministerin von Sachsen-Anhalt
Claudia Dalbert, Landwirtschaftsministerin von Sachsen-Anhalt | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Zwar hatte die zuständige Landesregierung in Sachsen-Anhalt schon 2016 im Koalitionsvertrag versprochen, solche Verkäufe mit einem Agrarstrukturgesetz zu stoppen, doch passiert ist nichts. Landwirtschaftsministerin Claudia Dalbert (Bündnis 90/Die Grünen) konnte sich bisher nicht durchsetzen. Die Hoffnung hat sie aber noch nicht aufgegeben: "Ich kann nur sagen, wir haben einen Koalitionsvertrag mit einer klaren Aussage. Die Abgeordneten haben gesagt, sie machen diesen Teil, Agrarstrukturgesetz und sie sind überfällig. Ich kann nur hoffen, dass sie schnell einen Vorschlag vorlegen, weil mit jedem Tag, wo dieser Vorschlag nicht vorliegt, wieder ein Stück landwirtschaftlicher Fläche für unsere Bauern und Bäuerinnen verloren geht."

Wer blockiert?

Doch wer sind die Gegner eines solchen Gesetzes? Die Geschäftsführer ostdeutscher Agrarunternehmen, die jetzt ihre Anteile verkaufen?

Viele von ihnen sind im großen Deutschen Bauernverband vertreten. Wird hier seit Jahren ein Agrarstrukturgesetz blockiert? Bernhard Krüsken, Generalsekretär des Verbands, widerspricht: "Schauen Sie auf unsere Mitgliederstruktur: Wir haben eine klare Dominanz der kleineren und mittleren Betriebe, insofern wollen wir uns diesen Schuh nicht anziehen."

Hermann Onko Aeikens, Staatssekretär im Bundeslandwirtschaftsministerium Sachsen-Anhalt
Hermann Onko Aeikens, Staatssekretär im Bundeslandwirtschaftsministerium Sachsen-Anhalt, verfolgt die Entwicklung mit Sorge. | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Hermann Onko Aeikens, Staatssekretär im Bundeslandwirtschaftsministerium, hat da andere Erfahrungen gemacht. Als er 2015 Landwirtschaftsminister in Sachsen-Anhalt  war, wollte er  mit einem Agrarstrukturgesetz die Verkäufe von Firmenanteilen eindämmen – und stieß auf Widerstand. Dieser kam vom Landesbauernverband Sachsen-Anhalt. In einem Schreiben an den Ministerpräsidenten heißt es, man sei sich einig, "… dass wir ein derartiges Gesetz ablehnen und an dessen Zustandekommen nicht mitarbeiten." Das Agrarstrukturgesetz scheiterte und ist bis heute nicht umgesetzt. Aeikens beklagt die Folgen dieser Entwicklung: "Wir beobachten mit großer Sorge die zunehmende Konzentration von Bodeneigentum in den Händen weniger und deswegen auch der Appell an die Länder, hier stärker regulativ einzugreifen."

Millionenschwere Subventionen obendrauf

Doch anstatt gebremst zu werden, bekommen die Investoren auch noch Zugang zu üppigen Agrarsubventionen. Im Fall des Autohausbesitzers waren das nach Recherchen  von "Plusminus" immerhin 2,8  Millionen Euro allein im letzten Jahr. Vor der Kamera wollte sich der Unternehmer nicht äußern. Wie er aber mitteilte, sehe er sich nicht als Autohausbesitzer, der landwirtschaftliche Betriebe kauft – sondern als Bauer, der Autohäuser besitzt.

Autorin: Christiane Cichy
Bearbeitung: Friedemann Zweynert

Stand: 24.10.2019 09:41 Uhr

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