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Babymilchpulver: Warum Diebesbanden aus Osteuropa deutsche Drogeriemärkte heimsuchen

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Begehrtes Pulver: Warum Diebesbanden aus Osteuropa deutsche Drogeriemärkte heimsuchen | Video verfügbar bis 16.01.2020 | Bild: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

– Banden aus Osteuropa stehlen systematisch Babymilchpulver aus Drogeriemärkten.
– Mit der gestohlenen Ware machen sie Profit auf dem chinesischen Markt, wo deutsches Milchpulver sehr gefragt ist.
– Ermittler in Halle und Recklinghausen gehen gegen die Diebe und auch die Hehler vor.

Kurz vor Weihnachten gelang der Bundespolizei in Pirna ein Einsatz gegen Hehler. Ein Nagelstudio diente hier offenbar zur Tarnung für den illegalen Handel mit einem weißen Pulver. Es handelte sich keineswegs um Drogen, sondern um – gestohlenes Milchpulver!

Diebstahl mit Methode

Aufnahme einer Überwachungskamera: Diebe stehlen Babymilchpulver in einem Drogeriemarkt
Die Aufnahme einer Überwachungskamera zeigt, wie arbeitsteilig die Diebe vorgehen.  | Bild: Bundespolizei

Drei Jahre zuvor gibt ein Vorfall in einer Drogerie im Bahnhof Dresden-Neustadt Anlass für jahrelange Ermittlungen. Zwei Täter haben es auf Aptamil-Milchpulver abgesehen – und sie gehen mit Methode vor, wie eine Überwachungskamera zeigt: Einer steckt mehrere Packungen in seinen Beutel, während sein Komplize den Diebstahl absichert. Dann verschwinden beide in aller Ruhe.

Markus Pfau, Inspektionsleiter bei der Bundespolizei Halle erklärt, was den Ermittlern dabei auffiel: "Wir haben uns das Ganze dann näher angeschaut, weil wir auch relativ schnell gesehen haben, dass es sich hier um professionell agierende Diebe handelte, die also arbeitsteilig vorgehen. Und letztlich scheinbar den Diebstahl zu Erwerbszwecken begehen."

Klau im großen Stil

Markus Pfau, Inspektionsleiter bei der Bundespolizei Halle
Markus Pfau von der Bundespolizei Halle | Bild: MDR

Dieses Vorgehen wiederholt sich hundertfach auch in anderen Drogerien. Die Diebe kommen in kleinen Gruppen, häufig nur zu zweit. Und sind eingespielt. Der Schaden für die Drogerieketten ist immens. Ermittler vermuten, dass mindestens 20 Prozent des Baby-Milchpulvers aus den Verkaufsregalen in den Händen der Diebe landet. Bei der Bundespolizeiinspektion in Halle wird eine Ermittlungskommission gebildet. Denn der Verdacht erhärtet sich: Die Diebe sind offenbar Teil einer organisierten Bande, die sich auf Milchpulver spezialisiert hat.

Im Osten Georgier, im Westen Rumänen

Von Sachsen-Anhalt und Sachsen aus operieren vor allem Täter, die aus Georgien stammen. Sie schlagen an unterschiedlichen Orten zu, auch in den angrenzenden Bundesländern.

Michael Franz vom Polizeipräsidium Recklinghausen
Michael Franz vom Polizeipräsidium Recklinghausen | Bild: MDR

Zur gleichen Zeit kämpfen in Nordrhein-Westfalen Ermittler gegen eine andere Milchpulver-Diebesbande, die vor allem im Westen unterwegs ist. Hier stammen die Täter aus Rumänien. Ermittler in Marl bei Recklinghausen spüren der Bande hinterher, denn der Haupttäter agiert vom Ruhrgebiet aus, wie Michael Franz vom Polizeipräsidium Recklinghausen erklärt: "Es ist so, dass diese ganze Bande in der Spitze etwa 50 Personen, dass so 25 Pärchen, Männer und Frauen letztlich dann in Gesamtdeutschland gezielt und gesteuert von diesem Haupttäter in Deutschland unterwegs waren." Monatelang haben die Ermittler eine Erdgeschoss-Wohnung im Visier. Hier wurde die Beute zentral gesammelt und verpackt.

Lukratives Geschäft

Milchpulver ist eine Mischung aus Molke, Magermilch, Laktose und pflanzlichen Ölen, angereichert mit Vitaminen und Mineralstoffen – scheinbar völlig unspektakulär. Warum also genau dieses Produkt? Das fragen sich auch die Ermittler der Bundespolizei in Halle. Sie observieren die georgischen Diebe monatelang auf Schritt und Tritt. Und können dabei auch beobachten, wie offenbar der Gewinn im Auto aufgeteilt wird. Denn Baby-Milchpulver ist nicht gerade preiswert. In Drogerien kostet es zwischen 10 und 20 Euro. Es hat eine Weile gedauert, bis die Ermittler herausgefunden haben, was die Diebe mit dem Pulver machen und wer ihnen die Ware abnimmt, weiß Michael Franz vom Polizeipräsidium Recklinghausen: "Durch langwierige Ermittlungen – auch international haben unsere Kollegen Anfragen gestellt – hat sich herausgestellt, dass eben diese Produkte für den chinesischen Markt bestimmt waren und gezielt gestohlen wurden."

In China gefragt

Deutsches Babymilchpulver wird auf der chinesischen Internetplattform Taobao angeboten.
Deutsches Babymilchpulver auf der chinesischen Internetplattform Taobao  | Bild: MDR

Vor zehn Jahren erschütterte ein Milchpulverskandal das Reich der Mitte. Chinesische Unternehmen hatten die Babynahrung mit Melamin gestreckt, um einen hohen Eiweißgehalt vorzutäuschen. Der Stoff, der eigentlich zur Klebstoffherstellung verwendet wird, führte dazu, dass mehrere Babys starben und fast 300.000 Nierenschäden erlitten. Einige der Beschuldigten in diesem Skandal wurden später zum Tode verurteilt. Geblieben ist das Misstrauen chinesischer Eltern.

Auf der chinesischen Internetplattform "Taobao" – vergleichbar mit eBay – finden sich nach wie vor jede Menge Angebote von Milchpulver aus Deutschland. Vor allem das Produkt "Aptamil" scheint sehr beliebt zu sein. Eine Packung kostet in China umgerechnet 30 Euro, also deutlich mehr als in Deutschland.

Milupa-Sprecher Stefan Stohl
Milupa-Sprecher Stefan Stohl | Bild: MDR

Der Hersteller Milupa hat inzwischen reagiert. Auch aufgrund der hohen Nachfrage sei die Produktion in Fulda durch ein zweites Werk deutlich erhöht worden, so Stefan Stohl, der Sprecher des Unternehmens. Außerdem gibt es jetzt auch Aptamil-Produkte speziell für den chinesischen Markt, erklärt der Unternehmenssprecher: "Wir haben eine Schwestergesellschaft in China, die dort natürlich auch den Markt besser kennt. Die vertreibt dort die Produkte, die zum Teil eben auch in Deutschland produziert werden, aber auch in anderen europäischen Ländern."

Doch das Misstrauen im Reich der Mitte ist offenbar so groß, dass chinesische Eltern lieber auf das Originalprodukt mit deutschem Etikett vertrauen. Das wird sogar mit deutscher Flagge beworben.

Der Weg der Ware

Wir kehren zurück zur Bundespolizei in Halle. Ermittler observieren immer noch die kriminelle Bande. Sie beobachten, wie mutmaßliche Täter gerade neues Diebesgut im Auto verstauen. Doch bevor sie zuschlagen, wollen sie erst noch herausfinden, wer die Hintermänner sind und wie das Diebesgut nach China gelangt.

Milchpulver-Transportwege
Milchpulver-Transportwege: von Deutschland über Rotterdam oder über Prag nach China.  | Bild: MDR

Nach einem weiteren Diebstahl verfolgen sie heimlich die Diebe, die sie zu einem vietnamesischen Gemüsehändler in Dresden führen. Die vietnamesischen Hehler fahren dann mit dem gestohlenen Milchpulver in die tschechische Republik nach Prag. Von Prag gelangt das Diebesgut per Luftfracht nach China.

Die Tätergruppe in Nordrhein-Westfalen hingegen hat das gestohlene Milchpulver zu einem Abnehmer im Containerhafen Rotterdam gebracht, der es nach Shanghai verschifft. " Dort war jemand, der ein ordentliches Geschäft geführt und auch mit chinesischen Überseeprodukten gehandelt hat. Und so ist es dann möglicherweise auch nicht aufgefallen, dass er dieses Baby-Milchpulver in seinen Containern auch verschifft hat", erklärt Michael Franz.

Täter vor Gericht

Bei dem georgischen Ring schlägt die Bundespolizei Halle schließlich zu: Nach sieben Monaten Observation wird die Diebesbande schließlich gesprengt. Unter den 15 Festgenommenen befinden sich auch vier vietnamesische Hehler.

Vor dem Landgericht Dresden mussten sich bisher jedoch nur acht georgische Diebe verantworten. Drei wurden zu rund drei Jahren Haft verurteilt. Der Rest kam mit weniger davon, einige sogar nur mit Bewährungsstrafen. Auf Anfrage teilte uns die Staatsanwaltschaft Dresden mit, dass sie gerade auch die Anklage gegen die Hehler vorbereitet, die mit den georgischen Banden zusammengearbeitet haben.

Die Ermittlungen gehen weiter

Bilder der Bundespolizei zeigen ein Lager mit gestohlenem Babymilchpulver
Gestohlenes Babymilchpulver | Bild: Bundespolizei

Der aktuelle Einsatz in Pirna zeigt jedoch, dass bereits neue Diebe und neue Hehler aktiv sind – und es somit neue Arbeit für die Ermittler gibt. Das weiß auch Markus Pfau: "Wir gehen davon aus, dass diese Maßnahmen immer nadelstichartig schon einen Effekt haben. Wir hoffen natürlich, dass wir über die Erkenntnisse, die wir damit gewinnen, auch weiter die im Hintergrund agierenden Netzwerke, von denen wir ausgehen, aufhellen können. Das Ziel ist natürlich immer, diese dann zu zerschlagen."

Autoren: David Kopp, Andreas Wolter, Jörg Pfeifer
Bearbeitung: Friedemann Zweynert

Stand: 12.09.2019 11:28 Uhr

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