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Urlaub 2020: Wie sich Deutschland für den Sommer rüstet

PlayEin Strand mit Strandhaus.
Urlaub 2020: Wie sich Deutschland für den Sommer rüstet | Video verfügbar bis 20.05.2021 | Bild: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

• Mit den Lockerungen der Corona-Beschränkungen dürfen Urlaubsregionen bald wieder Gäste empfangen.
• Restaurants und Hotels bereiten sich darauf vor, haben aber durch die weiterhin bestehenden Auflagen größere Aufwände und weniger Einnahmen.
• Der Trend zum Inlandsurlaub verstärkt sich durch die Corona-Krise. Dadurch werden die Kapazitäten knapp.
• Regionen, die bislang eher für Kurzurlaube bereist wurden, hoffen nun, auch für den Sommerurlaub interessant zu werden.
• Die Preise steigen.

Vor zwei Jahren um diese Zeit drängten sich im Ostseebad Binz auf Rügen die Touristen – und das in der Vorsaison. In diesen Tagen zeigen sich dagegen menschenleere Strände, kaum Personen in der populären Einkaufsmeile und viele geschlossene Restaurants und Hotels. Binz in Zeiten von Corona.

Urlaubsbetrieb pünktlich zu Pfingsten

Ostsee-Strandkorb
Wird es an den deuschen Küsten in diesem Jahr voller als sonst? | Bild: imago images / Susanne Hübner

Doch so still wird es nicht mehr lange bleiben. Hinter den Kulissen bereitet man sich vor, denn ab 25. Mai dürfen deutsche Touristen wieder in Mecklenburg-Vorpommern Urlaub machen. So sorglos wie in den Jahren zuvor wird es wohl trotzdem nicht sein. Schließlich müssen die Abstands- und Hygieneregeln weiter eingehalten werden, sonst könnte die Insel wieder schließen müssen, bevor sie richtig geöffnet hat. .

Hoher Aufwand für Restaurants und Hotels

Restaurant-Betreiber Eric Krause
Eric Krause sieht eine hohen Aufwand auf sich zukommen.  | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Restaurants und Hotels etwa dürfen nur eine begrenzte Anzahl an Gästen aufnehmen. Der Selliner Gastronom Eric Krause erzählt, wie kleinteilig die Organisation seines Restaurants "Glückswinkel" künftig sein muss: "Eine Truppe, bis zu sechs Mann, dürfen an einem Tisch sitzen. Und einer von dieser Truppe muss sich dann immer eintragen. Tragen wir den ein, trägt der sich selber ein? Müsstest du wieder einen neuen Kugelschreiber holen? Du hast ja gar nicht das Personal dafür, um das umzusetzen. Du hast weniger Umsatz bei mehr Aufwand."

Erschwerter Kampf gegen das Minus

Hotelier Christiane Winter-Thumann
Hotelier Christiane Winter-Thumann  | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Seine Probleme teilt er mit dem Hotelgewerbe. Auch hier sind die Auflagen komplex: Von der abwischbaren Fernbedienung, über Aufsteller für Hygieneregeln, die überall stehen müssen bis hin zu gestaffelten Essenszeiten. Und statt Buffet gibt es Menü am Tisch. "Es ist ein wahnsinniger logistischer Aufwand, und wenn wir nur eine gewisse Kapazität fahren dürfen an Gästen, die im Haus sind, muss man schauen, was ist wirtschaftlich tatsächlich verträglich und was ist es nicht", sagt Christiane Winter-Thumann vom Hotel "Hanseatic" in Göhren.

Durch die Kosten für die Auflagen und die begrenzte Gästeanzahl kann das Minus der letzten Monate in dieser Saison nicht mehr aufgeholt werden – obwohl die Ostsee einen Besucheransturm erwartet.

Inlandsurlaub im Trend

Touristik-Experte Prof. Karl Born
Prof. Karl Born | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Deutschlandurlaub liegt nämlich schon seit Jahren im Trend, sagt der frühere TUI-Chef und Touristikprofessor Karl Born: "Bevor von Corona die Rede war, war ja Wanderurlaub, Ruhe, Stille, Spaziergänge, Radtouren, Bootsfahrten ohnehin schon in. Also insofern ist jetzt Urlaub in Deutschland zu machen auch nicht etwas, wo man den Urlauber quasi umerziehen müsste."

Allerdings vermutet die Branche, dass 2020 aufgrund der Krise zusätzlich zu denen, die schon in den Vorjahren Urlaub hier machten, kurzfristig weitere Millionen deutscher Touristen hinzukommen könnten. In den Top Ten der Suchanfragen großer Reiseveranstalter befinden sich derzeit ausschließlich deutsche Reiseziele. Auf Platz eins und zwei rangieren die Ostsee- und die Nordseeküste, dicht gefolgt vom Alpenvorland.

Kapazitäten in Deutschland begrenzt

Aage Dünhaupt, Pressesprecher von TUI fly
Aage Dünhaupt ist Pressesprecher von TUI fly | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

55 Millionen Deutsche machten schon 2019 Urlaub im eigenen Land. Das ist ein neuer Rekord. Weil es bei einer Kapazität von 1,85 Millionen Gästebetten, rechnet Aage Dünhaupt, Sprecher von TUI fly, mit einer Zunahmen an Auslandsurlauben, sobald sich die Lage ändert: "Im Moment ist ja auch nur Deutschland buchbar. Das heißt, wer kurzfristig jetzt zu Pfingsten, zu Himmelfahrt, zu Anfang oder Ende Juni verreisen will, der bucht jetzt natürlich Deutschland. Sollte die Reisewarnung für Europa zurückgenommen werden, dann wird der Rest Europas nachziehen, weil einfach das Volumen an deutschen Reisenden so groß ist, dass wir das gar nicht im eigenen Land aufnehmen können."

Ein Zuwachs an Touristen innerhalb Deutschlands kann also schon unter normalen Verhältnissen kaum aufgefangen werden. Verschärfend kommt dann hinzu, dass die Hotels in den meisten Bundesländern Belegungsgrenzen haben und eben nicht zu 100 Prozent  auslasten dürfen, wie Prof. Karl Born erklärt: "An Pfingsten haben wir jetzt schon Hotels, die müssen Urlaubern  absagen, weil sie mehr als 50 Prozent ihrer Kapazität belegt haben. Das ist natürlich auch für die Gastwirte und Hoteliers keine Basis, auf der man das betreiben kann."

Wenn Gästen abgesagt werden muss

In Mecklenburg-Vorpommern dürfen Hotels und Restaurants immerhin zu  60 Prozent belegen. Das ist zwar mehr als in anderen Bundesländern, aber auch das reicht nicht. Schon jetzt haben hier viele Unterkünfte mehr Buchungen für die Sommermonate. Sollte die 60-Prozent-Regelung bleiben, dann müssen die Hotels Gäste wieder ausbuchen, wie Hotelier Christiane Winter-Thumann sagt: "Man muss tatsächlich relativ unemotional und pragmatisch an die Sache rangehen, denn sonst holt es einen ein. Wann haben die Gäste gebucht und ist es vielleicht eine Familie? Gibt man denen dann den Vortritt, weil es dann auch noch in der Ferienzeit ist?"

Aufstiegschancen für kleinere Regionen?

Carola Schmidt vom Harzer Tourismusverband
Carola Schmidt vom Harzer Tourismusverband | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Von der Überbuchung an den deutschen Urlaubshotspots könnten jetzt aber kleinere Ferienregionen profitieren, Regionen wie etwa der Harz, die bisher nicht typisch für den deutschen Sommerurlaub waren. "Wir sind eigentlich so ein ganz klassisches Reiseziel für den Zweit- und Dritturlaub, für die Kurzreisen, die man eigentlich in den Frühjahrsferien oder in den Herbstferien macht", ordnet Carola Schmidt vom Harzer Tourismusverband die Region ein. Das nun der Harz für längeren Sommerurlaub in der Natur entdeckt werden könnte, darauf hoffen nun einige Hoteliers wie René Maksimčev vom Harzhotel Güntersberge: "Die Kapazitäten werden sich ja verschieben. Ansonsten war auch im Sommer der klassische Trend von Donnerstag oder Freitag bis Sonntag zu fahren. Wenn wir jetzt die anderen Tage auch buchbar machen können durch verlängerte Aufenthalte, hat der Harz natürlich noch viele Reserven dieser Nachfrage nachzukommen."

Übernachtungen werden teurer

Hotelier René Maksimčev
Hotelier René Maksimčev  | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Allerdings gelten natürlich auch hier derzeit noch Einschränkungen aufgrund von Corona und es ist unklar, wie lange das noch so sein wird. Eines zeichnet sich aber schon jetzt ab, so Maksimčev: "Wenn wir mit einem verknappten Angebot an Kapazitäten ähnlich hohe Kosten haben, wie wir sie vor Corona hatten, aber unsere Umsätze nur noch 50 Prozent davon sind, müssen wir reagieren, und das geht erstmal nur über den Preis."

Tatsächlich kostete eine Nacht im Harz im Juli und August 2019 im Durchschnitt 103,39 Euro. Zum gleichen Zeitraum 2020 wird der Durchschnittspreis bei 138,01. Das ist eine Preissteigerung von 33 Prozent.

Auch im Ferienland Bayern ziehen die Übernachtungspreise an. Während man für eine Nacht in einer Ferienwohnung, einem Ferienhaus oder im Hotel im Sommer 2019 noch durchschnittlich 142,65 Euro zahlen musste, sind es jetzt 190,35 Euro. Auch hier liegt der Preisanstieg bei 33 Prozent.

In Mecklenburg-Vorpommern steigen die Preise um 14 Prozent von durchschnittlich 147,74 Euro pro Nacht auf 168,60 Euro.

Das bedeutet laut Aage Dünhaupt allerdings nicht, dass es immer die Vermieter sind, die die Preise anheben. Oft werden die Preise aufgrund der Anfragen automatisch verändert: "Hinter jeder Preisfindung in der Reisebranche steht ein Yield-Management-System. Das heißt, das System kann erkennen, wann entsprechend Ferientermine sind, wann die Nachfrage groß ist, wann die Nachfrage gering ist. Und wenn die Nachfrage auch atypisch ansteigt, dann erkennt das System das und wird die Preise entsprechend aussteuern. Das heißt, in der Hochsaison sind die Preise natürlich höher im Vergleich zu Nebensaisonzeiten. Und das kann man taggenau machen. Die Preise in dem System werden millionenfach am Tag geändert."

Strategieänderung am Campingplatz

Bauarbeiten auf einem Campingplatz
Auf dem Naturcampingplatz Alt-Reddevitz auf Rügen werden Wasseranschlüsse verlegt.  | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Auf dem Naturcampingplatz Alt-Reddevitz auf Rügen wird gebaggert. Denn jeder Stellplatz soll seinen eigenen Wasseranschluss bekommen, damit man kaum noch in die Sanitäranlagen muss. Autarker Urlaub in Deutschland wird wichtig bleiben, ist Betreiber Günther Bitzer überzeugt, auch weit über Corona hinaus: "Die jetzt getroffenen Maßnahmen mit den Wasserleitungen, Abwasserleitungen, direkt an die Terrassen ran, an die Stellplätze ran, sind langfristiger Natur. Das wurde zwar jetzt beschleunigt und auch hervorgerufen durch Corona, aber es ist eine ganz andere strategische Ausrichtung, die sich daraus ergibt."

Campingplatz-Betreiber Günther Bitzer
Günther Bitzer baut seinen Campingplatz um. | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Ausgelöst durch das Coronavirus, sagt Bitzer, wird der Trend des ruhigen und sicheren Deutschlandurlaubs noch mehr anziehen – auch langfristig. Sollte sich das bewahrheiten, könnte es eng werden in Deutschland. An den Hotspots sowieso und auch in kleineren Ferienregionen, glaubt Touristikforscher Born: "Durch die gestaffelten Termine kann Deutschland schon ein ganzes Potenzial aufnehmen und hat es ja auch die ganze Zeit aufgenommen. Das jetzt in der Hauptsaison noch wesentlich zu steigern, wird schwierig sein."

Von den ersten großen Reiseanbietern haben wir erfahren, dass sie erwägen, Scouts loszuschicken, um weitere Unterkünfte in Deutschland zu generieren.

Autorinnen und Autoren: Nadine Scheer, Wolfram Huke
Bearbeitung: Friedemann Zweynert

Stand: 20.05.2020 23:00 Uhr

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