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Abkassieren auf See: Wie Kreuzfahrtunternehmen mit Bordhospitälern verdienen

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Wie Kreuzfahrtunternehmen mit Bordhospitälern verdienen | Video verfügbar bis 22.10.2020 | Bild: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

• Wer sich auf einem Kreuzfahrtschiff im Bordhospital behandeln lässt, muss mit hohen Kosten rechnen.
• Zwar dürfen Behandlungen an Bord etwas mehr kosten als an Land, doch betragen sie nicht selten mehr als das Zehnfache.
• Behandlungen im Bordhospital sind Privatleistungen. Reisende sollten darum vorher prüfen, ob sie eine Versicherung haben, die die Kosten erstattet.

Im vergangenen Jahr haben 2,3 Millionen Deutsche eine Kreuzfahrt gemacht – so viele wie nie zuvor. Eine davon ist Marlies Rumpel. Sie war mit einer Freundin auf der AIDA unterwegs. Irmgard Ott war mit ihrem Mann Karl-Heinz auf einem "MeinSchiff" von TUI Cruises in See gestochen. Eines haben sie gemeinsam: Beide mussten während ihrer Reise in das Bordhospital – und beide erhielten für diese ärztliche Behandlung eine sehr hohe Rechnung.

Notfall in der Nacht

Irmgard Ott
Irmgard Ott | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Bei Irmgard Ott war es ein Notfall. Ihr Mann Karl-Heinz hatte mitten in der Nacht starke Schmerzen und konnte sich nicht mehr bewegen. "Dann hab ich im Hospital angerufen und gebeten, dass man ihn abholt." Rund anderthalb Stunden verbrachte das Ehepaar im Bordhospital. Es wurde ein EKG gemacht, Blut abgenommen und eine Schmerzmittelinfusion gelegt, bis es ihm irgendwann besser ging. 

Tausend Euro zu viel

Rechnung
Die Rechnung, die Irmgard Ott erhielt, hatte es in sich – und war fehlerhaft. | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Kaum war der erste Schock verdaut, kam der zweite: die Rechnung. Zwar hatten sie mit einer höheren Ausgabe gerechnet, aber nicht damit, dass ihnen sage und schreibe 2.506 Euro berechnet werden. Über die Kreditkarte, die sie beim Einchecken hinterlegt hatten, wurde der Betrag sofort abgebucht. Bei der Überprüfung der Rechnung stellte Irmgard Ott allerdings fest, dass manche Posten mehrfach abgerechnet wurden. Sie reklamierte den Betrag und bekam eine neue Rechnung, die um 1.000 Euro reduziert war. "Dann haben die sich nicht einmal entschuldigt: Ja, sie schauen dann mal nach und klären das. Und zwei Tage später war dann die berichtigte Rechnung mit 1.500 Euro im Briefkasten an der Kabine", erinnert sich Irmgard Ott.

Warum Schiffsbehandlungen durchaus mehr kosten dürfen

Dr. Werner Kalbfleisch
Der Allgemeinmediziner Dr. Werner Kalbfleisch kennt sich mit Ausstattung und Kalkulation von Bordhospitälern aus. | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Auch diese Summe ist noch recht hoch. Sind höhere Kosten an Bord gerechtfertigt? Der Allgemeinmediziner Werner Kalbfleisch hat neben der Arbeit in seiner Praxis in Süddeutschland auch jahrelang Bordkrankenhäuser organisiert und musste die Kosten dafür genau kalkulieren. "Wir haben uns an die deutsche Gebührenordnung angelehnt, an den 3,5-fachen Satz wegen erschwerter Bedingungen an Bord. Sie müssen alles entsprechend vorhalten, Geräte vorhalten, mehr als in einer normalen Praxis, weil eben nicht ein Facharzt oder so zur Verfügung steht. Und das kostet Geld und das muss sich natürlich dann auch wieder abbilden. Deswegen ist der 3,5-fache Satz durchaus gerechtfertigt."

Unangemessen hoch

Gebührenordnung für Ärzte
Die Gebühren, die an Bord erhoben werden, dürfen zwar über den Üblichen liegen. Nicht selten scheinen sie aber als zusätzliche Einnahmequelle kalkuliert zu sein. | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Eine Untersuchung des Organsystems wie sie bei Karl-Heinz Ott durchgeführt wurde, hätte danach auf dem Schiff mit 32,66 Euro berechnet werden dürfen. Das entspricht dem Dreieinhalbfachen von dem, was die Gebührenordnung dafür vorsieht. Auf der Rechnung der Otts wurden für die Untersuchung allerdings 118,49 Euro gefordert, also fast das Dreizehnfache!

Werner Kalbfleisch hält das für Wucher. Nach eigenen Kalkulationen hat er festgestellt, dass ein Bordhospital mit einem 3,5-fachen Steigerungssatz durchaus kostendeckend arbeiten und sogar Gewinn einfahren kann, sofern das Schiff mit mindestens 2.000 Passagieren besetzt ist. Fast alle Luxusliner der TUI MeinSchiff-Flotte sind dafür ausgelegt.

Teures Pflaster

Marlies Rumpel
Marlies Rumpel musste mehr als 90 Euro für ein Pflaster zahlen.  | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Eine saftige Rechnung bekam auch Marlies Rumpel an Bord der AIDA. Bei einem Landgang hatte sich die Krankenschwester eine Blase gelaufen. Im Bordkrankenhaus wollte sie sich eigentlich nur ein Pflaster holen. Sie witzelte noch mit ihrer Freundin: "Ich habe gesagt: Das hat mich jetzt wahrscheinlich 30 Euro gekostet für so ein kleines Pflaster. Ich lag da auf einer Liege wie ein Schwerverletzter. Also das war alles unnötig."

Das Pflaster kostete 91,10 Euro! Sie beschwerte sich sofort und bekam einiges zu hören: "Der Ton wurde dann schon sehr unangenehm. Mir wurde direkt an den Kopf geworfen, warum ich denn nicht die Preistafel angeschaut hätte, woraufhin ich ihm dann auch erklärt hatte, dass, wenn ich zum Arzt gehe, ich nicht erst die Wände nach einer Preistafel absuche."

Wer zahlt?

Noch etwas haben Marlies Rumpel und das Ehepaar Ott gemeinsam: Beide befürchteten, auf den Kosten sitzenzubleiben, weil sie ohne eine Reisekrankenversicherung unterwegs waren. Die braucht man allerdings an Bord, denn die Behandlung auf einem Kreuzfahrtschiff ist immer eine privatärztliche Leistung im Ausland und muss zunächst selbst bezahlt werden.

Privat Krankenversicherte bekommen später üblicherweise die vollen Arztkosten erstattet. Auch eine zusätzlich abgeschlossene Reisekrankenversicherung kommt für die Kosten auf. Doch selbst mit diesen Versicherungen ist man nicht auf der sicheren Seite: Viele Versicherer behalten sich vor, nicht den gesamten Betrag zu erstatten, wenn die Behandlungskosten unangemessen hoch sind.

Reedereien weisen zurück

Kreuzfahrtschiff von Aida
Kreuzfahrtschiff von Aida | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

"Plusminus" hat bei den Reedereien nachgefragt, warum Passagiere wie in unseren Fällen nicht direkt vor der Behandlung auf diese Problematik und die immensen Mehrkosten hingewiesen werden.

Schriftlich teilt AIDA mit: "Wir weisen die Gäste an verschiedenen Punkten darauf hin, dass die Leistungen des Schiffsarztes kein Bestandteil des Reisevertrags sind."

Kreuzfahrtschiff von TUI Cruises
Kreuzfahrtschiff von TUI Cruises | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Auch TUI Cruises schreibt, man weise auf abweichende Gebühren hin. Außerdem schreibt das Unternehmen: "… die an Bord in Rechnung gestellten Honorare sind vor dem Hintergrund dieses hohen Aufwandes im internationalen Vergleich nicht ungewöhnlich hoch."

"Lizenz zum Gelddrucken"

Jürgen Schaale-Maas, Facharzt für Anästhesiologie und Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde
Der Arzt Jürgen Schaale-Maas hat keine guten Erinnerungen an seine Zeit als Bordarzt bei TUI Cruises. | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Jürgen Schaale-Maas ist Facharzt für Anästhesiologie und Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde und hat eine eigene Praxis in den Niederlanden. Außerdem war er als Bordarzt bei TUI Cruises tätig. Das will er jedoch nie wieder tun: "Man gibt dem Ganzen einen wunderbaren Anschein und erklärt, wie toll das ist, wie fürsorglich von TUI das ist, ausschließlich Fachärzte zu beschäftigen, dieses Hospital vorzuhalten. Letztendlich unterm Strich ist das nichts anders als ein Restaurant, ein Bordshop, was auch immer, um Geld zu generieren, um Einnahmen zu generieren. Dieses Bordhospital ist wirklich eine Lizenz zum Gelddrucken und so wird es ja auch von TUI betrieben."

Deshalb, so sagt er, sei TUI erpicht darauf, dass die Umsätze stimmen. Wenn im Bordhospital mal Flaute herrscht, "wird durchaus schon einmal kritisch kommentiert oder hinterfragt, warum denn die Umsätze so schlecht sind momentan."

Es geht auch anders

Dass es tatsächlich auch anders geht, zeigt Hapag Lloyd Cruises, ein Tochterunternehmen der TUI AG. Hier werden Arztbesuche an Bord nach wie vor nach der deutschen Gebührenordnung abgerechnet.

Das Ehepaar Ott hatte Glück im Unglück. Eher zufällig fanden sie  heraus, dass ihr Kreditkartenvertrag eine zusätzliche Reisekrankenversicherung beinhaltet. Und somit wurden die hohen Kosten des Arztbesuches auf See erstattet.

Autorinnen und Autoren: Nadine Scheer, Danny Voigtländer
Bearbeitung: Friedemann Zweynert

Stand: 24.10.2019 09:38 Uhr

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