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Wirecard-Skandal: Die Haftung der Wirtschaftsprüfer

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Wirecard: Wie stark haften die Wirtschaftsprüfer? | Video verfügbar bis 22.07.2021 | Bild: WDR

  • Bei Fahrlässigkeit haften Wirtschaftsprüfungsgesellschaften grundsätzlich nur bis zu einer Schadenssumme von vier Millionen Euro – ein Privileg.
  • In vielen anderen Berufen ist das anders. Hebammen, Ärzte oder Architekten zum Beispiel müssen für ihre Fehler geradestehen und haften unbegrenzt.
  • Immer mehr Experten sind sich einig: Die gesetzliche Bevorzugung einer einzigen Berufssparte muss abgeschafft werden. Nach dem Wirecard-Desaster wächst der Druck auf die Politik. 

Der Skandal um den Dax-Konzern Wirecard spitzt sich immer mehr zu. Die Staatsanwaltschaft München hat am Mittwoch weitere Haftbefehle gegen frühere Wirecard-Führungskräfte erlassen und bekannt gegeben, es bestehe der begründete Verdacht, dass der insolvente Zahlungsabwickler Wirecard bereits seit 2015 Umsätze und Bilanzsumme künstlich aufgebläht hat. Brisant dabei: Die mutmaßlich manipulierten Bilanzen bekamen über Jahre ein Ok von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY. Sollte diese dabei einen Fehler gemacht haben, ist ihre Haftung aber stark begrenzt. Denn für die Prüfer von Unternehmensabschlüssen gibt es in Deutschland ein Privileg.

Rainer Pyka
Rainer Pyka | Bild: BR

30.000 Euro hat Rainer Pyka in Wirecard-Aktien investiert und die Papiere sogar seinen Kindern empfohlen. Ein DAX-Unternehmen als langfristige Anlage für die ganze Familie. Rainer Pyka hat sich auf die Testate der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY verlassen: "Die Tatsache, dass der Wirtschaftsprüfer – also die EY – Testate ausgestellt hat über Jahre, über eine Firma, die sie wohl besser als jeder andere kennen muss, zumindest besser als jeder Aktionär, da fühle ich mich natürlich betrogen."

Privileg für Wirtschaftsprüfer

Fakt ist: Kurz nachdem ein Milliarden-Fehlbetrag in der Bilanz festgestellt worden ist, ging Wirecard insolvent. EY hat zuvor das Testat für den Jahresabschluss 2019 verweigert. In den Jahren zuvor allerdings nicht. Auch deswegen wollen viele Anleger nun Schadenersatz und lassen sich bei Kapitalmarktspezialisten wie Anwalt Peter Mattil beraten. Seine Erfahrung: Es ist schwer, Wirtschaftsprüfungsgesellschaften einen Vorsatz nachzuweisen. Bei einer möglichen Fahrlässigkeit, also Schlamperei, schützt das deutsche Recht die Abschlussprüfer.

Nach §323 im Handelsgesetzbuch ist die Haftungshöhe auf vier Millionen Euro begrenzt. Für Rechtsanwalt Peter Mattil ist das nicht nachvollziehbar: "Warum ausgerechnet Wirtschaftsprüfer ein Haftungsprivileg haben, das will niemandem so richtig in den Kopf rein. Gerade Wirtschaftsprüfer, die so eine wichtige Funktion haben, die Testate erteilen für die Öffentlichkeit, für die Kapitalmärkte, ausgerechnet dort gibt es eine Haftungsbegrenzung."

In Deutschland haften sie für Fehler nur bis vier Millionen Euro. In vielen anderen Länder, wie etwa den USA oder Frankreich, gibt es solche Beschränkungen nicht. Dort ist die Haftung für Abschlussprüfer unbegrenzt. Nach dem Wirecard-Skandal rückt dieses Privileg für Abschlussprüfer in Deutschland nun in den Fokus. Denn bei anderen Berufsgruppen gibt es eine solche Haftungsbegrenzung nicht.

Hebamme Magdalena Habrik
Hebamme Magdalena Habrik | Bild: BR

Im Geburtshaus München arbeitet Hebamme Magdalena Habrik. Kommt ein Kind bei der Geburt zu Schaden, kann das sehr teuer werden. Die Kosten für ihre Haftpflichtversicherung sind deshalb hoch – trotz Zuschuss der Krankenkasse. "2017 war die Versicherung noch 7600 Euro, 2018 dann 8000, 2019 8600 und jetzt sind es 9100 Euro", erklärt Magdalena Habrik. "Also, diese Steigerung können wir Hebammen nicht unendlich mitmachen, weil auf diese Art und Weise steigert sich natürlich nicht unser Einkommen."

Noch viel teurer ist die Berufshaftplicht bei Ärzten. Gynäkologe Axel Valet muss fast 50.000 Euro im Jahr bezahlen – und geht trotzdem bei jeder Geburtsbegleitung ein Risiko ein. "Das große Problem ist", erklärt Axel Valet, "wenn Sie einen großen Haftpflichtschaden haben, dann wird ihre Versicherung Sie kündigen und dann bekommen Sie keine neue mehr – das heißt, dann ist das das Ende der Berufstätigkeit." Und nicht nur das: Ist der finanzielle Schaden höher als die Deckungssumme seiner Versicherung, haftet er sogar mit seinem Privatvermögen.

Gefahren lauern jeden Tag

Auch Architekten wie Gerhard Zach müssen mit dem Risiko leben, dass schon eine einzige Fahrlässigkeit ihr Lebenswerk zerstören kann. "Gefahren lauern jeden Tag", so Gerhard Zach, "denn der Architekt ist in der Haftung für Fehler, die er bei seiner Planung macht, die er in der Bauleitung macht, in der Beratung macht und auch in der Bauleitplanung. Da haben wir schon mal eine Schadenersatzforderung von 20 Millionen auf dem Tisch gehabt." Die Forderung war unberechtigt – nur deshalb gibt es die Firma noch, in der nach mehr als 40 Jahren ein Generationenwechsel bevorsteht. Auch Sohn Michael hat sich für diesen Beruf entschieden, obwohl er weiß, dass jeder Fehler die Existenz kosten kann. Er sagt: "Jeder muss ja für seine Taten Konsequenzen fürchten, deswegen muss man sich auch anstrengen, dass man das richtig macht und deswegen verstehe ich das überhaupt nicht, dass es jemanden gibt, der nicht für das haften muss, was er macht."

DAX-Unternehmen Wirecard
DAX-Unternehmen Wirecard | Bild: BR

Professor Klaus-Peter Naumann vom Institut für Wirtschaftsprüfer in Deutschland, das die Interessen von Wirtschaftsprüfern vertritt, verteidigt das Haftungsprivileg für Abschlussprüfer und spricht sich gegen eine Abschaffung aus: "Die Hauptgefahren sind: Erstens, dass Unternehmen in schwieriger Lage keinen Abschlussprüfer mehr finden. Zweitens, dass es zu einer verschärften Konzentration im Prüfungsmarkt kommen wird, zu Lasten mittelständischer Wirtschaftsprüfungsgesellschaften – ohne, dass diese negativen Folgen irgendwie kompensiert würden durch eine Steigerung der Prüfungsqualität."

Anders sieht das Professor Hansrudi Lenz vom Lehrstuhl für Wirtschaftsprüfungswesen an der Universität Würzburg. Er befürwortet eine Abschaffung: "Andere Länder haben diese Haftungsobergrenzen nicht und der Abschlussprüfungsmarkt bricht trotzdem nicht zusammen. Wenn eine Haftungsobergrenze her solle, dann müsse sie deutlich, deutlich höher sein als bisher. Beispielsweise ein Prozentsatz der Umsatzerlöse. Nehmen wir EY, die Wirecard geprüft haben, die machen einen Umsatz von zwei Milliarden Euro. Also die könnten schon eine gewisse Haftungslast tragen, also einen bestimmten Prozentsatz ihrer Umsatzerlöse, ohne dass die Existenz des Unternehmens gefährdet wäre."

Haftungsregeln kommen auf den Prüfstand

Antwort des zuständigen Ministeriums
Antwort des zuständigen Ministeriums | Bild: BR

Eine Gesetzesänderung hat der Bundestag bisher abgelehnt. Jetzt allerdings wächst der Druck auf die Politik. Gegenüber Plusminus erklärt das Justizministerium: "Aus Anlass der Vorkommnisse um Wirecard wird das Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz auch die zivilrechtliche Haftung (…..) auf den Prüfstand stellen, um die Qualität der Abschlussprüfung zu fördern. Dies schließt die Überprüfung der Haftungshöchstgrenze ein."

Ein Hoffnungsschimmer also für Aktionäre wie Familie Pyka, der nicht nur der finanzielle Verlust zu schaffen macht, wie Rainer Pyka erzählt: "Also insbesondere auch für unsere Kinder. Die haben ja eigene Depots und haben sich auf das verlassen, was der Vater, der ja lange in dem Markt unterwegs ist, empfohlen hat zu kaufen. Und das ist insbesondere auch ein Thema, wo ich einen Vertrauensverlust praktisch bei den Kindern auch habe." Der Finanzplatz Deutschland jedenfalls könnte das verlorene Vertrauen der Anleger durch strengere Haftungsregeln zurückgewinnen.

Bericht: Martina Schuster, Lisa Wurscher, Leonie Thim

Stand: 23.07.2020 15:35 Uhr

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