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Wohnungsgenossenschaften – wie unseriöse Anbieter ihre Mitglieder prellen

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Wohnungsgenossenschaften – wie unseriöse Anbieter ihre Mitglieder prellen | Video verfügbar bis 08.05.2020 | Bild: BR

  • Die Mieten explodieren, gerade in den Städten herrscht eine katastrophale Wohnungssituation. Ein möglicher Ausweg, um günstigen Wohnraum zu ergattern: Mitglied werden in einer Wohnungsgenossenschaft.
  • Das nutzen Finanzvermittler und verkaufen unter dem Deckmantel des Gemeinwohlgedankens Beteiligungen an Wohnungsbaugenossenschaften als Sparvertrag. Auf mögliche Gefahren weisen die Anbieter oft nicht hin.
  • Im schlimmsten Fall nämlich droht der Totalverlust des eingesetzten Geldes. Die Mitglieder haben meist wenig Handhabe, Verlorenes zurück zu bekommen oder Schadenersatz zu erstreiten.

Der Fall Grundwerte eG

Matthias Köhn, 40, aus Ostbayern geriet vor einigen Jahren in die Wohnungsgenossenschaft Grundwerte eG aus München. Ihm wurde eine Art Bausparvertrag vermittelt über den er zugleich Mitglied in der Genossenschaft wurde. Mit monatlichen Raten zu 50 Euro sollte er insgesamt 7200 Euro ansparen, nun ist das Geld weg. "Es ärgert mich so richtig, dass man einfach die kleinen Leute ausnimmt wie eine Weihnachtsgans und nichts passiert", sagt Matthias Köhn.

Matthias Köhn
Matthias Köhn | Bild: BR

Was war ihm passiert? Er brauchte das Geld und kündigte den Vertrag. Doch er kam aus der Genossenschaft nicht raus – er hatte fünf Jahre Kündigungsfrist und die Verpflichtung weiter einzuzahlen. "Die Chancen, dass ich mein Geld wieder bekomme ist eher gegen Null", sagt Matthias Köhn.

Denn nun gibt es die Genossenschaft gar nicht mehr. In einer Münchner Trabantenstadt hatte sie ihren Sitz und einige Wohnungen. Sie wurde wegen unerlaubter Geschäfte zwangsweise geschlossen von der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht Bafin. Der Genossenschaftszweck wurde missbraucht, viele Millionen Euro Verlust angehäuft. Nun ermittelt die Staatsanwaltschaft München I gegen die Verantwortlichen.

Die Verbraucherzentralen warnen

Wir erfahren mehr bei der Verbraucherzentrale in Frankfurt. Schwarze Schafe unter den Wohnungsgenossenschaften sind Wolf Brandes schon länger ein Dorn im Auge. Die Beschwerden häufen sich. Fehlt eine Aufsicht?

"Wohnungsgenossenschaften werden wie alle Genossenschaften von Prüfverbänden kontrolliert, und diese Prüfverbände sind wiederum Zusammenschlüsse, Vereine, die nicht staatlich sind, sondern privatwirtschaftlich, und die können sehr unterschiedlich groß sein und die kleinen Prüfverbände sind vielleicht auch nicht so professionell wie eine staatliche Aufsicht", sagt Wolf Brandes vom Marktwächter grauer Kapitalmarkt, Verbraucherzentrale Hessen.

Kann man Schadenersatz fordern?

Katja Fohrer von der Kanzlei Mattil und Kollegen
Katja Fohrer von der Kanzlei Mattil und Kollegen | Bild: BR

Die Fachanwältin für Bankrecht Katja Fohrer von der Kanzlei Mattil und Kollegen in München vertritt geprellte Anleger. Sie macht den Mitgliedern wegen der hohen Millionenverluste der Grundwerte eG nur geringe Hoffnung. "Die Anleger werden aus der Genossenschaft selbst, aus der Grundwerte eG, keine Gelder mehr rausbekommen, sie müssen also selbst aktiv werden und Schadensersatzansprüche geltend machen", sagt Katja Fohrer. "Solche kommen in Betracht gegen Hintermänner, gegen den Vorstand aber auch gegen den Prüfverband, der Prüfverband hat Missstände festgestellt, ist aber leider viel zu spät aktiv geworden und hat erst viel zu spät die Reißleine gezogen."

Der Fall Geno eG

Auch er wurde geprellt, Zenon Schwarz, 66, aus Kirchseeon bei München. Er bangt um etwa 25.000 Euro Mitgliedereinlagen – von ihm, seiner Frau und seiner Tochter. Er investierte in die Geno Wohnungsbaugenossenschaft aus Ludwigsburg. Sie musste 2018 Insolvenz anmelden, zu groß die Verluste. Nun ermittelt die Staatsanwaltschaft bei der Geno eG wegen Betrugs und wegen Insolvenzverschleppung. Wird er sein Geld wiedersehen? "Die Hoffnung ist immer noch da, aber die ist ziemlich klein", sagt Zenon Schwarz.

Auf einer außerordentlichen Mitgliederversammlung hat er erfahren, dass dem Vorstand Steuerhinterziehung und schwere Veruntreuung von Geldern vorgeworfen wird. "Die wurden als Darlehen von der Geno Wohnbaugenossenschaft auf seine eigenen Firmen, die als Tochter der Genossenschaft fungierten, übertragen und dort irgendwo verbrannt", sagt Zenon Schwarz.

Zenon Schwarz
Zenon Schwarz | Bild: BR

Von der Genossenschaftsidee für günstigen Wohnraum war Zenon Schwarz lange überzeugt. Als geprüfter Finanzanlagenfachmann hat er sogar nebenberuflich für die Geno eG Verträge vermittelt. Gegen Provision verrät er uns: "Von den Gebühren habe ich dann zwischen 2,5 und 5 am Ende Prozent bekommen."

Kein seriöses Modell. Denn Genossenschaften dürfen laut Vermögensanlagegesetz gar keine erfolgsabhängige Vergütung für den Vertrieb zahlen. Tun sie es doch, würden sie unter die staatliche Aufsicht der Bafin fallen und diese könnte einschreiten. Die Provisionen wurden geschickt verschwiegen, niemand bekam es mit.

Werbevideo der Geno eG
Werbevideo der Geno eG | Bild: BR

Und bei der Geno eG wurde auch noch der Staat geprellt. Wie das? Intensiv beworben, konnten die Genossenschaftsanteile über vermögenswirksame Leistungen angespart werden. Arbeitgeber und Staat packten Fördermittel mit dazu. Das sorgte zusätzlich für Vertrauen bei den Anlegern. Keiner ahnte wohl, was hinter den Kulissen ablief. Nun sind auch die staatlichen Fördergelder verloren.

Der Fall Nova Sedes

Der Marktwächter grauer Kapitalmarkt der Verbraucherzentralen hat sich unterdessen mit einer weiteren Wohnungsgenossenschaft angelegt, der Nova Sedes eG aus Nordbayern. Wolf Brandes hält die allgemeinen Geschäftsbedingungen für unzulässig, die Verbraucherzentrale hat dagegen geklagt: "Bei der Wohnungsbaugenossenschaft beanstanden wir, dass die Vertragsbedingungen verwendet haben, die die Verbraucher benachteiligen. Und zwar war geregelt, dass zuerst die ganzen Gebühren, Eintrittsgelder bezahlt werden müssen, eh überhaupt Genossenschaftsanteile gekauft werden und in der Sache ist uns jetzt vor Gericht recht gegeben worden."

Doch Nova Sedes hat dagegen Berufung eingelegt und teilt auf Anfrage mit: "Wir vertreten in einzelnen Punkten durchaus eine andere Rechtsauffassung."

Wir fahren nach Neustadt an der Waldnaab, dort sitzt die Nava Sedes eG. Seit 2002 vertreibt sie Mitgliedschaften und sammelt Gelder ein. Zweck der Genossenschaft ist wörtlich die Förderung der Mitglieder mit Wohnraum. Allerdings finden wir auf der Interseite der Nova Sedes lediglich Bauvorhaben. Gibt es also nach 17 Jahren Geld einsammeln noch keine Wohnungen? Auf Anfrage heißt es: "…dass die Nova Sedes Wohnungsbau eG keine Wohnungen besitzt, ist falsch."

Statement der Nova-Sedes eG
Statement der Nova-Sedes eG | Bild: BR

Am Sitz der Nova Sedes finden wir ein ganzes Firmengeflecht, alle im gleichen Haus. Darunter noch eine weitere Wohnungsgenossenschaft, die Fides eG. Das Geschäftsmodell wirkt im Internet auf uns weitgehend gleich, sogar die selben Fotos wurden verwendet. Das macht uns stutzig. Warum gleich zwei Genossenschaften? Dazu gab es keine Antwort.

Die Gesetzeslage

Das Land Brandenburg hat erkannt, dass die gute Idee der Wohnungsgenossenschaft vor unseriösen Trittbrettfahrern gesetzlich geschützt werden muss. Doch ein Antrag bleibt liegen, die Bundesregierung bleibt untätig. Solange versuchen die Verbraucherzentralen weiterzukämpfen, damit Bürger wie Matthias Köhn nicht auf schwarze Schafe hereinfallen können.

Bericht: Reinhard Weber

Stand: 09.05.2019 00:45 Uhr

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