SENDETERMIN So, 26.01.14 | 17:00 Uhr

Schieflage im Gebiss

PlayW wie Wissen
Schieflage im Gebiss | Video verfügbar bis 25.01.2019 | Bild: Das Erste
Rolf P. läuft.
Rolf P. litt unter ungeklärten Gelenkschmerzen beim Sport. | Bild: SWR

Wenn rätselhafte Schmerzen in Schultern, im Rücken, in Hüft- und Kniegelenken auftreten, für die sich keine orthopädischen Gründe finden lassen, dann ist guter Rat teuer. Neuerdings lebt eine zahnärztliche Strategie gegen diese Schmerzen wieder auf, die schon einmal vor zwei, drei Jahrzehnten Konjunktur hatte, zwischenzeitlich aber fast in Vergessenheit geraten war: die Funktionsdiagnostik. Heute unterstützt mit Computertechnik sind die Anhänger der Methode überzeugt, vielen Schmerzpatienten helfen zu können, indem sie Fehlstellungen im Kiefer korrigieren und so den optimalen Gebissschluss herstellen.

Der leidenschaftliche Freizeitläufer Rolf P. aus Iserlohn, der Angst hatte wegen rätselhafter Gelenkschmerzen sein Hobby aufgeben zu müssen, hat diese Behandlung ausprobiert. Auf den Rat seines Orthopäden.

Manuelle Funktionsdiagnostik

Ein Arzt zeigt auf das Gipsmodell eines Gebisses.
Eine Fehlstellung der Zähne führt zu Veränderungen im Kiefergelenk. | Bild: SWR

In der Praxis von Dr. Michael Schlotmann in Menden ist man spezialisiert auf Funktionsanalytik. Der Zahnarzt informiert sich über Vorgeschichte und Beschwerden von Rolf P. und beginnt mit einer gründlichen manuellen Untersuchung. Dr. Schlotmann begutachtet Zähne, tastet Muskeln und Kiefergelenk ab und verschafft sich ein erstes Bild vom Zustand seines Patienten im Mund-Kieferbereich. In seinem Urteil ist er sicher: "Es fehlen Herrn P. mehrere Kontakte an den Zähnen. Das führt dazu, dass er mit seinen Muskeln ziemlich kräftig beißen muss, um die Zahnreihen aufeinander zu bekommen. Die Folge davon ist, dass das Kiefergelenk sich unter der Schädelbasis staucht, und es zu Veränderungen am Kiefergelenk gekommen ist."

Mit Hightech zur exakten Diagnose

Ein Arzt nimmt mit einer Hightech-Kamera das Gebiss eines Patienten auf.
Elektronische Kameras nehmen Maß. | Bild: SWR

Um die exakten Werte der Kiefer-Fehlstellung zu ermitteln, wird Rolf P. mit einem Hightech-System vermessen. Ein bizarr anmutendes Gestell prangt vor seinem Gesicht: Ein Bügel bildet die Verlängerung seines Unterkiefers, ein weiterer Bügel ist die Referenz für den Oberkiefer. Kameras zeichnen die Kieferbewegungen auf und liefern die Information für die weitere Behandlung.

Aufbissschiene zur Korrektur der Fehlstellung

Im im zahntechnischen Labor wird an der Aufbissschiene gearbeitet.
Die Aufbissschiene soll bei der Korrektur helfen. | Bild: SWR

Die Praxis Schlotmann verfügt über ein eigenes zahntechnisches Labor. Dort arbeitet Marco Wittler an einer Aufbissschiene, die die Defizite in Rolf P. Gebiss ausgleichen soll. Dazu hat Marko Wittler einen Abguss von Ober- und Unterkiefer von Rolf Palatzky in den er die Schiene einpasst. Immer wieder überprüft der Zahntechniker die Kontaktpunkte der Zähne und Aufbisschiene. Die Aufgabe der Schiene ist es, den richtigen Kontakt der Zahnreihen - den optimalen „Gebissschluss“ - herzustellen. Zusätzlich bekommen Schmerzpatienten wie Rolf P. eine Physiotherapie gegen die Verspannung der Kiefermuskulatur.

Kritik an der Funktionsdiagnostik

Doch was ist wirklich dran an dieser Methode? Ist der "falsche Biss" tatsächlich für so viele Krankheitsbilder verantwortlich? Der letzte wissenschaftliche Beweis für diese Zusammenhänge steht bislang noch aus. Das kritisiert auch Dr. Helmut Dietrich, Fachmann für Zahnprothetik, der an der Mainzer Uniklinik Zahnärzte ausbildet. Dorthin kommen jedes Jahr über 300 Schmerzpatienten, die glauben, ihre Zähne seien der Grund für ihre Beschwerden. In der Regel stimmt das aber gar nicht: "Etwa 80 Prozent dieser Patienten zeigen bei uns Symptome einer Muskelfehlfunktion, wie sich durch Knirschen oder Pressen ausgelöst werden kann. Die Ursache für das Knirschen und Pressen ist hier aber selten die Störung der Zahnkontakte, sondern ist vielmehr im Stress zu sehen."

Der Marathon-Mann läuft wieder

Im Fall von Rof P. lag die Sache so: Er hat sich für eine dauerhafte Lösung, für Kronen entschieden, nachdem er eineinhalb Jahre eine Schiene getragen hatte. Die ganze Behandlung kostete 8.000 Euro. Bei vielen Patienten belässt es Dr. Schlotmann aber bei Schiene und Physiotherapie oder er korrigiert Zähne lediglich durch Einschleifen. Rolf P. ist sich sicher, dass er den richtigen Weg zur Behandlung seiner Schmerzen gewählt hat. Der Marathon-Mann ist wieder unterwegs. Dass eine Behandlung seiner Zähne gegen seine Hüft-, Knie-, und Schulterschmerzen helfen könnte, hätte er vor wenigen Jahren auch noch nicht geglaubt.

Autor: Frank Wittig (SWR)

Stand: 07.11.2014 08:34 Uhr

Sendetermin

So, 26.01.14 | 17:00 Uhr